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23/11/2018 19:05 CET | Aktualisiert 23/11/2018 21:01 CET

Hochsensitiver Mann: "Sensible Jungs sind nicht begehrenswert"

Uns wird von klein auf beigebracht, dass unser Wert in Stärke liegt.

Erstudiostok via Getty Images
Autor Nick Ciccone fühlte sich stets zu empfindlich für diese Welt. (Symbolbild)

Der freie Journalist und Autor Nick Ciccone ist hochsensibel, er nimmt Gefühle und Eindrücke viel stärker war als seine Mitmenschen. Doch vielen Menschen fehlt für extrem emotionale Männer das Verständnis, kritisiert Ciccone in seinem Blog-Beitrag.

“Du bist zu empfindlich für diese Welt“, dachte ich mir, als ich mit meiner Mutter in die örtliche Psychiatrie ging.

Ich stand nicht kurz davor, mich umzubringen, aber ich hatte Selbstmordgedanken. Das tiefe Brummen der Depression irgendwo zwischen den Extremen ist das bedrohlichste. Es ist ein schwieriger Zustand für einen Mann. Vielen Menschen fehlt die Geduld für einen Mann in Not. Von uns wird erwartet, dass wir wieder aufstehen, unsere Wunden lecken und heldenhaft weitermachen.

In der Theorie sah alles gut aus. Ich hatte jüngst einen neuen Job angenommen, bin nach Manhattan gezogen und habe mit Zustimmung meines Arztes die Antidepressiva abgesetzt. Ich habe eine große Familie, die mich liebt und unterstützt. Ich habe ein paar Freunde, aber nicht viele, die mir unglaublich nahestehen. Ich empfinde eine tiefe Beziehung zur Natur und zu Tieren. Ich gehöre keiner der zahlreichen Randgruppen an, die in den USA Tag für Tag – sozial, politisch, wirtschaftlich – um ihre Existenz fürchten müssen.

Warum war ich trotz dieser vielversprechenden Umstände immer noch von Schmerz umhüllt? Wie konnte es so schlimm werden?

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Ich war schon immer hochsensibel

Ich war schon immer hochsensibel – die Höhen sind hoch und die Tiefen tief. Dieses Mal fühlte sich meine Verzweiflung groß genug an, um Grund zu erhöhter Sorge zu sein. Inzwischen habe ich verstanden, dass die gesellschaftliche und kulturelle Stigmatisierung von Sensibilität bei Männern meine Probleme verschärft, weil ich mich damit alleine auseinandersetzen muss.

Etwa 20 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel beziehungsweise als HSP (hochsensible Person), wie Studien der Psychologin Elaine Aron und anderen ergeben haben (Aron hat mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben). HSP zeigen ein “erhöhtes Bewusstsein und eine verstärkte Aufmerksamkeit für subtile Reize“, wie Arons Forschung ergab. Sie reagieren sowohl auf positive als auch auf negative Reize stärker.

Während Arons Studien nicht darauf hindeuten, dass empfindliche Menschen zu Depressionen neigen, fördern sich meiner Erfahrung nach Empfindlichkeit und Depression gegenseitig. Wenn du sensibel bist, trifft dich alles stärker – Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und vor allem Gefühle.

Schon ein Barbesuch kann mich überwältigen

Meine Sensibilität war mir schon in jungen Jahren klar, in der Pubertät wurde sie für mich allerdings zum richtigen Problem. Es schien immer so, als ob ich Dinge tiefer fühlte als die Menschen um mich herum. Inmitten von Teenagern und brüllendem Gelächter richtete sich meine Aufmerksamkeit auf die eine Person, die verstimmt aussah, ich suchte nach dem Grund dafür.

An meinem ersten Tag auf der weiterführenden Schule brach ich in Tränen aus, weil ich vom Klassenwechsel so überwältigt war. Der gewaltige Lärm einer großen Menschengruppe verunsichert mich heute noch genauso wie der Gang in die Schulcafeteria mit ungestümen Jugendlichen.

Heute fühle ich mich nach etwa 30 Minuten in einer überfüllten Bar überfordert. Das ist üblich bei hochsensiblen Menschen – wenn man alles unmittelbarer empfindet als andere, ist man am Ende fast immer überwältigt. Die Dezibel, die schiere Anzahl an Menschen pro Quadratmeter, verstärkt wird alles durch Scham, weshalb ich versuche, zu verbergen, wie sehr mich das alles anstrengt. (Schließlich bin ich in einer Bar und alle anderen haben Spaß.) Wegen all dem frage ich mich, ob bei mir etwas grundlegend falsch läuft.  

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Ich reagiere sensibel auf die Gestik anderer, ihre Stimmung, ihren Tonfall – all das kann indirekt zur Pein werden. Fast jeder enttäuschte Blick, den mir jemand jemals zugeworfen hat, ist in meinem Gedächtnis gespeichert – von Freunden genauso wie von Bankangestellten – und jeder neue schlägt tiefere Wunden, als der vorangegangene.

Jede Missbilligung genügt – und ich fange an, zu grübeln

Ich erinnere mich gut daran, wie ich zu High-School-Zeiten das Haus verlassen habe – hergerichtet, um mit Freunden auszugehen – als meine Mutter so etwas sagte wie “Ist das neu?” oder “Wo ist das her?” Ich registrierte ihre Körpersprache und ihre generelle Reaktion auf meine Kleidung, und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass der Schal oder die Farbe meiner Hose nicht passten.

Für Männer gilt es, Gefühle in zwischenmenschlichen Beziehungen so zu managen, als gebe es sie nicht. Das ist schwierig für hochsensible Menschen.

Ein kleines Achselzucken, das Missbilligung signalisieren könnte, genügt, und ich fange an zu grübeln. Eine robustere Natur würde sich bei solchen Nachfragen dagegen nichts denken. “Ja, hab den Schal neu. Find ihn super!”

Derartiges sollte Männer nicht beunruhigen. Uns wird von klein auf beigebracht, dass unser Wert in Stärke liegt – sowohl körperlich als auch emotional. “Filme, Werbung, die Gestaltung öffentlicher Räume, alles sagt uns, dass wir so hart wie Terminator sein sollen, so stoisch wie Clint Eastwood, so kontaktfreudig wie Goldie Hawn”, schrieb Aron in ihrem Buch “The Highly Sensitive Person” (auf Deutsch: “Sind Sie hochsensibel?”). “Wir sollten angenehm angeregt werden von hellen Lichtern, Geräuschen, fröhlichen Freunden, die in einer Bar rumhängen.”

Für Männer gilt, Gefühle in zwischenmenschlichen Beziehungen so zu managen, als gebe es sie nicht. Das ist schwierig für hochsensible Menschen.

“Ich bin kein Therapeut”, sagte ein Freund, als ich über Gefühle sprechen wollte

Manchmal kann eine gut gemeinte Reiberei zwischen Freunden ernst werden und am Ende wirklich wehtun. Männliche Bindung beinhaltet eine Menge Hänseleien, und wer das nicht “ertragen” kann, verliert an Ansehen.

Vor kurzem begann ich mich mit einem Freund ein Gespräch darüber, wie sehr ich mich isoliert fühle, weil ich mit typischen Aktivitäten junger Leute nichts anfangen konnte. In Bars zu gehen und auf einen Schlag viele neue Gesichter zu sehen, sei wirklich schwer für mich, erklärte ich ihm. Als hochsensibler Menschen sei man schnell überreizt, und wenn Nicht-HSP-Freunde und Kollegen einen missverstehen, mache das unglaublich einsam.

“Ich bin kein Therapeut”, sagte er schnell.

Ich versuchte, umständlich zu erklären, dass ich nicht versuchte, eine Lösung zu finden – ich brauchte nur jemanden, mit dem ich reden konnte. Er wandte seinen Blick ab. Er war höflich, aber entschieden, und die Botschaft war klar: Er war wollte nicht so direkt über Gefühle sprechen.

In typischer HSP-Manier dachte ich danach noch Wochen über unser Gespräch nach und versuchte herauszufinden, was ich falsch gemacht hatte.

Dieses Gespräch bestärkte mich in der Auffassung, dass es als “unmännlich” gilt, wenn man zu tief fühlt oder versucht, über diese Gefühle zu sprechen. Es ist das gleiche Stigma, das viele Männer davon abhält, zuzugeben, dass sie Hilfe benötigen und sich in Behandlung zu begeben. Nach Angaben der American Foundation for Suicide Prevention bringen sich dreieinhalbmal mehr Männer um als Frauen.

Sensible Jungs sind nicht begehrenswert

Unsere Gesellschaft erkennt Sensibilität bei Männern in der Regel nicht als Stärke. Lasst euch nicht von romantischen Komödien täuschen, in denen “sensible” Jungs begehrenswert sind. Mehr als einmal wurde ich von Frauen verspottet, weil ich romantische Situationen nicht genutzt habe, weil ich zu zuvorkommend war, selbst weil ich ganz einfach die Schönheit im Alltäglichen hervorhob. Ich verallgemeinere, aber es gibt sicherlich eine Grenze dafür, wie sensibel Männer sein dürfen und ab wann es zu viel wird oder sogar irritiert.

► Aber ich habe auch gelernt, dass mich meine Sensibilität zu einem ausgezeichneten Zuhörer, einem rücksichtsvollen Freund und nachdenklichen Menschen macht.

► Ich erkenne subtile Veränderungen im Verhalten oder in der Stimmung von Menschen, was die Qualität meiner Beziehungen verbessert und mir erlaubt, feine Details im Berufsleben zu wahrzunehmen. Das ermöglichte mir letztlich, um Hilfe zu bitten, was mein Leben rettete.

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Ich behaupte nicht, dass ich mich als HSP in der Welt vollkommen wohl fühle. Ich versuche, so gut ich kann, Sensibilität als meine eigene kleine Superkraft – wie Hitze oder Nachtsicht – zu definieren, die es mir erlaubt, die Welt intensiver wahrzunehmen. Dinge zu sehen und zu fühlen, die andere Menschen nicht sehen und fühlen können. Sie macht mich nicht schwach.

Ich hoffe, dass ich eines Tages weiß, dass es wahr ist: Nichts macht einen Mann menschlicher, empathischer und mutiger, als seine Gefühle direkt und ohne Scham anzunehmen.

Dieser Text erschien ursprünglich in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde aus dem Englischen übersetzt von Sandra Tjong. 

(ak)