ELTERN
04/09/2018 16:25 CEST

Hochbegabung bei Kindern: 9 Anzeichen für einen hohen IQ des Kindes

“Ein einzelnes Merkmal ist kein sicherer Indikator für eine Hochbegabung."

Nadezhda1906 via Getty Images
Hochbegabung bei Kindern: An diesen Merkmalen kann man sie erkennen
  • Es gibt eine Reihe von Merkmalen, die darauf hindeuten können, dass bei einem Kind eine Hochbegabung vorliegt.
  • Auch wenn Eltern diese Merkmale bei ihrem Kind bemerken, müssen sie nicht gleich einen IQ-Test machen lassen.
  • Eine Psychologin erklärt in der HuffPost, wie Eltern am besten mit einem hochbegabten Kind umgehen sollten.

Sie kennt das Alphabet, schreibt erste Worte und liebt Zahlen – Ophelia Morgan-Dew ist erst drei Jahre alt. Doch ihr Gehirn hat Experten zufolge die Kapazität eines doppelt so alten Kindes.

Vor wenigen Wochen sorgte die kleine Ophelia aus Großbritannien für internationale Schlagzeilen, als sie als jüngstes Mitglied in den renommierten IQ-Club Mensa aufgenommen wurde. Bei dem Mädchen wurde ein Intelligenzquotient von 171 festgestellt – das sind 11 Punkte mehr als Albert Einstein erzielte. Ophelia gilt damit als Englands intelligentestes Kind.

Ihre Mutter erzählte den berichtenden Journalisten, dass Ophelia schon früh sprechen und Farben erkennen konnte, einen sehr starken Willen besitzt und inzwischen Aufgaben für Fünfjährige löst. Den anderen Kindern in ihrer Vorschule sei sie damit weit voraus.

Ophelias Hochbegabung ist eine Besonderheit

Die Dreijährige weist einige der typischen Merkmale auf, die auf eine Hochbegabung bei Kindern hinweisen können. 

Doch es reicht nicht, einfach anhand einer Checkliste zu prüfen, ob die Eigenschaften des Kindes auf eine Hochbegabung hinweisen könnten. Eine genaue Diagnostik ist in den meisten Fällen komplizierter.

Auch ist es nicht unbedingt sinnvoll, schon im Alter von drei Jahren einen IQ-Test durchzuführen. Zu viele Parameter könnten sich bei den Kindern noch verändern, um ein wirklich verlässliches Ergebnis zu erhalten, erklärt Diplom-Psychologin Christine Koop von der Karg-Stiftung im Gespräch mit der HuffPost.

Hochbegabung oder Entwicklungsvorsprung? 

“Wenn man Hochbegabung über eine hohe Intelligenz definiert, dann macht eine Testung erst im Grundschulalter so richtig Sinn”, sagte Koop.

Der Fall der kleinen Ophelia sei mit Sicherheit ein besonderer, erklärt die Psychologin.

“Selbst für hochbegabte Kinder ist es nicht unbedingt typisch, dass sie schon in diesem sehr jungen Alter anfangen, zu lesen oder vielleicht sogar zu schreiben”, sagte Koop.  

In diesem Alter sprechen wir gerne von einem Entwicklungsvorsprung. Diese Kinder machen Entwicklungsschritte früher als Kinder das in dem Alter normalerweise tun. Je ausgeprägter das ist, desto extremer fällt dann auch die Hochbegabung aus.”

Merkmale, die auf eine Hochbegabung hindeuten

Es gibt eine Reihe von Merkmalen, an denen Eltern sich orientieren können. Die Psychologin erklärt:

“Wenn Kinder sich über das alterstypische Maß hinaus mit einzelnen Interessensbereichen sehr vertieft beschäftigen und auch über ein alterstypisches Maß hinaus erfassen, worum es dabei geht, dann ist das ein Merkmal, das auf eine Hochbegabung hinweisen kann.

Koop nennt auch noch weitere Merkmale für eine Hochbegabung, an denen sich Eltern von Kindern im Vorschulalter orientieren können:  

  • Ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis, schnelle Auffassungsgabe und ausgeprägte Fähigkeiten im logischschlussfolgernden Denken
  • Die Fähigkeit, komplexe Probleme schnell und gut zu lösen, sowie Strukturen zu schaffen und Dinge zu ordnen
  • Ein großer Wissensdrang
  • Eine außergewöhnliche Sprachentwicklung in Form eines sehr guten Sprachverständnisses und sprachlichen Ausdrucksvermögens sowie ein für das Alter des Kindes ungewöhnlicher Wortschatz
  • Besonders großes Interesse an “Erwachsenenthemen” wie zum Beispiel Religion, Philosophie, Umwelt
  • Eine Präferenz für ältere Spielpartner: Hochbegabte Kinder suchen nach ihrem Entwicklungsstand entsprechenden kognitiven Stimuli
  • Besondere Ausprägungen zeichnerischer Fertigkeiten, die auf eine differenzierte visuelle Wahrnehmung hinweisen
  • Hohes Maß an Kreativität, das sich zum Beispiel durch ungewöhnliche Problemlösungsvorschläge zeigt, die aber Sinn machen und nicht nur zusammenfantasiert sind
  • Starker Drang zur Selbstständigkeit: Hochbegabte Kinder pochen häufig darauf, Dinge selbst zu machen, da sie schon genaue Vorstellungen davon haben, wie etwas sein soll

Diese Liste kann als Orientierung dienen. Es ist jedoch wichtig, sich eines bewusst zu machen:

Ein einzelnes Merkmal ist kein sicherer Indikator für eine Hochbegabung. Aber wenn sie im Bündel auftreten und über einen längeren Zeitraum zu beobachten sind, könnte das schon ein sichererer Hinweis darauf sein”, erklärt Koop.  

Was tun, wenn das Kind mehrere Merkmale für Hochbegabung zeigt? 

Doch auch wenn ein Kind mehrere dieser Merkmale aufweist, heißt das nicht, dass die Eltern zwingend einen IQ-Test machen müssen. Solange das Kind keine Schwierigkeiten hat, in der Kita oder im Kindergarten gut integriert ist, genügend Anregungen im Elternhaus findet und nicht stark gelangweilt wirkt, können Eltern ihr möglicherweise hochbegabtes Kind auch einfach liebevoll und aufmerksam in seiner Entwicklung begleiten.

Denn wenn erst einmal offiziell festgestellt wird, dass das Kind eine Hochbegabung hat, folgen häufig auch hohe Erwartungen. Das Kind wird mit dem Label “hochbegabt” versehen und kann sich danach möglicherweise nicht mehr so frei entfalten, wie es gerne würde.

Koop erklärt: “Es ist immer eine Gratwanderung für Eltern. Sie müssen auch aufpassen, dass sie ihr Kind nicht überfordern oder dass mit der Etikette ‘Hochbegabung’ ganz viele Sachen auf das Kind projiziert werden. Manchmal haben die Kinder dann nicht mehr die Möglichkeit, sich selbst mit ihren eigenen Interessen und mit ihren eigenen Persönlichkeiten auseinanderzusetzen um herauszufinden, was sie selbst gerne machen möchten.”

 Zu viele Verpflichtungen behindern die Selbstentfaltung 

Eine weitere Gefahr besteht aus Sicht der Psychologin darin, dem potenziell hochbegabten Kind zu viele Lernangebote zu machen. Es sei zwar gut, dem Kind immer wieder Herausforderungen zu bieten, seine Lernumgebung anzureichern und ihm die Chance zu geben, sich auszuprobieren. Doch das richtige Maß sei hier entscheidend:

“Die Gefahr besteht darin, dass Eltern schnell das Gefühl bekommen, sie müssten ihrem Kind so viele Lernangebote wie möglich machen. Dann sind alle Nachmittage voll mit Kursen oder anderen Verpflichtungen und das Kind hat keine Zeit mehr für Muße oder Selbstentfaltung”, sagt Koop.  

Doch Kinder sollten die Erfahrung machen dürfen, zu spüren, was sie selbst antreibt – sie sollten nicht nur durch Kurse angetrieben werden – und auch nicht durch ihre Eltern.

“Eltern sollten von ihren hochbegabten Kindern nicht erwarten, bestimmte Leistungen zu erzielen oder sich anders hervorzuheben”, sagte Koop. “Die Hochbegabung ist ja keine Verpflichtung. Sie zeigt lediglich ein Potenzial, das vorhanden ist.”

Aussagen nach dem Motto: “Weil du hochbegabt bist, musst du auch ganz viel in deinem Leben erreichen”, seien alles andere als hilfreich für die Kinder, ergänzt die Psychologin.

Wann ein IQ-Test sinnvoll ist 

Es gibt jedoch auch Situationen, in denen ein IQ-Test sinnvoll ist. Etwa dann, wenn konkrete Entscheidungen für das Kind anstehen. 

Manchmal müssen Eltern entscheiden, ob ihr Kind vorzeitig eingeschult werden soll, oder nicht. Manchmal geht es auch darum, ob ein Kind eine Klasse überspringen soll und dazu intellektuell auch wirklich in der Lage ist. In diesen Fällen kann es Sinn machen, das Kind testen zu lassen. 

Als hochbegabt wird ein Mensch bezeichnet, wenn er einen IQ von 130 oder mehr aufweist. Rund 95 Prozent der weltweiten Bevölkerung haben einen IQ zwischen 70 und 130. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung erreichen zwischen 85 und 115 Punkte. Extrem niedrige oder hohe IQ-Werte sind gleichermaßen selten: Jeweils nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung haben einen IQ unter 70 oder über 130.

(ujo)