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05/12/2018 19:22 CET | Aktualisiert 05/12/2018 19:22 CET

Hochbegabt: Wie es sich anfühlt, wenn man der klügste Mensch im Raum ist

“Eine Zeitlang habe ich mich regelmäßig wie Goethes Werther angezogen und bin so in die Schule gegangen."

Privat / Getty
Wie hoch ihr IQ genau ist, will Agnes Imhof nicht verraten.

“Ich dachte, ich wäre irgendwie abartig. Krank, oder sonderbar. Ich spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte, aber ich wusste nicht, was es war.”

Agnes Imhof erzählt von ihrer Kindheit. Die heute Mitte 40-jährige ahnte schon früh, dass sie anders war als andere Kinder. Doch diese Andersartigkeit empfand sie nicht als etwas Positives. Als Kind will man nicht anders sein. Man möchte dazu gehören.

Erst als Erwachsene erfuhr Imhof nach einem IQ-Test, dass sie hochbegabt ist. Endlich ergab alles einen Sinn. Das ständige Anecken, all die Missverständnisse – erst im Nachhinein konnte sie viele Konflikte aus ihrer Kindheit verstehen.

Ein hoher IQ ist nicht immer ein Segen 

Hochbegabt zu sein ist nicht so toll, wie viele vielleicht denken. Langeweile, Hyperaktivität, das allgegenwärtige Gefühl, nicht richtig zu sein, machen das Leben mit einem überdurchschnittlich hohen IQ zu einer Herausforderung.

Wie es sich anfühlen kann, wenn man meistens der klügste Mensch im Raum ist, beschreibt Imhof in ihrem kürzlich erschienenen Buch “Dummerweise Hochbegabt” (Beltz-Verlag). Sie möchte zwischen Hochbegabten und allen anderen Menschen vermitteln. Denn ein offener Austausch – davon ist Imhof überzeugt – würde allen helfen.

“Gerade bei Kindern ist es ganz wichtig, offen damit umzugehen und ihnen zu erklären, dass Intelligenz eine ganz neutrale Eigenschaft ist, die jemand hat. Das ist nichts anderes, als groß oder klein zu sein, blonde oder dunkelbraune Haare zu haben. Niemand kann sich das aussuchen und niemand kann etwas dafür”, sagt sie.

In ihrer eigenen Kindheit sorgte ihre hohe Intelligenz ständig für Konflikte. Imhof war wissbegierig, saugte alle Informationen, die sie kriegen konnte, regelrecht auf. Ihre Eltern verstanden sie nicht. Für sie bedeutete Denken Arbeit. Für Imhof bedeutete es Spaß.

Das Kind vom anderen Stern

Ständig war sie den anderen Kindern voraus. Mit neun Monaten konnte sie laufen und sprechen. Während ihre Mitschüler in der Grundschule lesen lernten, las Imhof bereits mehrere Bücher am Tag. Erst alle “Was-ist-was”-Bücher, die es zu Hause gab, dann die Lexika der Eltern und schließlich alle anderen Bücher, die sie in die Hände bekam.

Sie interessierte sich für Astronomie und Paläontologie, zitierte Schiller und hörte Verdi-Opern. Wenn sich alle anderen am Tisch unterhielten, wurde es Imhof oft zu langweilig. Sie zog sich dann in ihre eigene Welt zurück, las oder zeichnete Pferde, was sie bald nahezu perfekt beherrschte.

Ihre offensichtliche Intelligenz wurde jedoch von den Eltern weder gefördert noch anerkannt. Hochbegabung war in den 70er-Jahren ein Tabuthema. Imhof blieb unter ihren Möglichkeiten und erfuhr auch von Gleichaltrigen häufig Ablehnung. Manche Klassenkameraden reagierten – verständlicherweise – nicht immer wohlwollend auf Imhofs offensichtliche Überlegenheit.  

Erst Provokation, dann Rückzug

“Auf die Ablehnung, die ich als Kind erfuhr, habe ich zunächst mit Provokationen reagiert”, erzählt Imhof. “Eine Zeitlang habe ich mich regelmäßig wie Goethes Werther angezogen und bin so in die Schule gegangen”, sagt Imhof und lacht.

“Oft bin ich den Leuten mit klassischer Literatur auf die Nerven gegangen und habe mich schon mal mit Lehrern angelegt. Das war sozial eher kontraproduktiv.”

Intelligenz und Hochbegabung:

Intelligenz bezeichnet die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen. 

Experten unterscheiden inzwischen 9 verschiedenen Arten von Intelligenz:

  • Sprachliche Intelligenz, logisch-mathematische Intelligenz, musikalisch-rhythmische Intelligenz, bildlich-räumliche Intelligenz, naturalistische Intelligenz, interpersonale bzw. soziale Intelligenz, intrapersonelle Intelligenz, körperliche Intelligenz, spirituelle Intelligenz 

Nur zwei Prozent der Weltbevölkerung gelten als hochbegabt – dazu zählt, wer eine weit über dem Durchschnitt liegende intellektuelle Begabung hat. In der Regel gilt ein IQ von 130 und höher als ausschlaggebendes Messkriterium.

Es gibt Tests, die die allgemeine Intelligenz messen oder nur Komponenten. Grundsätzlich sind Intelligenztests umstritten – da Intelligenz von verschiedenen Faktoren wie Umwelt oder Erbgut beeinflusst wird und ein Test nur teilweise Aufschluss geben kann.

Grundsätzlich wird zwischen fluider und kristalliner Intelligenz unterschieden.

Fluide Intelligenz ist von den Genen bestimmt und steht dafür, wie flexibel und kreativ Menschen in Situationen reagieren und wie schnell sie Probleme erfassen und Lösungen finden.

Kristalline Intelligenz beschreibt, welche Lernprozesse wir im Laufe unseres Lebens durchlaufen haben. Dazu zählt zum Beispiel erlerntes Wissen aus der Schule, aber auch Allgemeinbildung. 

Wie ihr Anzeichen dafür erkennt, ob euer Kind hochbegabt ist, könnt ihr hier nachlesen.

Damals hatte Imhof noch nicht gelernt, sich zu kontrollieren, denn ihr war noch nicht klar, was es mit ihrer Andersartigkeit auf sich hatte.

“Zu anderen Zeiten ist es dann in die gegensätzliche Richtung geschlagen und ich habe mich zurückgezogen.”

Diese Zeiten, in denen sie sich versteckte und verstellte, waren die wohl unglücklichsten ihres Lebens. Zum Beispiel als ihre eigene Tochter noch klein war und Imhof sich oft mit anderen Müttern auseinandersetzen musste. “Da hatte ich oft das Gefühl, ich muss mich zurücknehmen”, erzählt sie.

Das Muttersein verändert alles 

Wenig später kam es jedoch zu einem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben:

“Als sich herausgestellt hat, dass meine Tochter hochbegabt ist, wurde mir doch einiges klar. Denn in dem Moment, wo ich sicherstellen wollte, dass mein Kind seiner Persönlichkeit entsprechend aufwachsen kann, da habe ich zum ersten Mal so richtig überlegt, ob ich bei mir selbst darauf achte. Und habe schnell festgestellt, dass ich das in vielerlei Hinsicht nicht tue.”

Imhof wollte, dass ihre Tochter nicht wie sie mit dem Gefühl aufwächst, nicht richtig zu sein. Also durfte sie selbst sich nicht länger verstellen und verleugnen. Stattdessen fing sie an, besser für sich selbst und ihren schnellen Verstand zu sorgen. Sie kündigte ihren Job und begann, ihr Leben umzugestalten.

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Auf die Frage, wie denn ein ganz normaler Tag in ihrem Leben aussieht, reagiert Imhof amüsiert. “Ganz normale Tage versuche ich möglichst zu vermeiden”, sagt sie.

Wenn sie sich zu lange mit ein und derselben Sache beschäftigt, wird ihr schnell langweilig. “Meinem Umfeld zuliebe versuche ich, das zu vermeiden. Denn ich werde unerträglich, wenn ich mich langweile.”

Die Sache mit der Sozialkompetenz 

Das erklärt, warum Imhof etwa zwanzig Sprachen spricht und bei Bedarf ohne weiteres 1000 Seiten am Tag liest. Es erklärt, warum sie nicht nur einen Doktor in Islamwissenschaften gemacht, sondern auch noch Philosophie und vergleichende Religionswissenschaft studiert hat. Warum sie eine klassische Gesangsausbildung hat und gleichzeitig eine passionierte Schwertkämpferin ist. Warum sie sich begeistert mit Astro- und Quantenphysik beschäftigt, aber auch zahlreiche historische Romane veröffentlicht hat.

Dass ihr Verstand so schnell arbeitet und sie den meisten anderen Menschen dadurch ständig voraus ist, heißt aber nicht, dass Imhof keinerlei Sozialkompetenz verfügt. Es hat nur ein wenig länger gedauert, bis Imhof gelernt hat, wie sie auf andere eingehen kann, weil ihr so lange nicht bewusst war, worin ihre Andersartigkeit bestand.

“Wenn man nicht weiß, dass man hochbegabt ist und nicht begreift, dass die anderen nicht so sind, dann hat man gar keine Chance, ein scheinbar unsoziales Verhalten zu vermeiden”, erklärt sie.

“Je weniger man sich aber verstellen und seine Intelligenz verstecken muss, desto mehr kann man auch auf andere eingehen.”

Die intellektuellen Akkus aufladen 

Mit Freunden und vertrauten Menschen spricht Imhof inzwischen ganz offen über ihre Hochbegabung.

“Das bedeutet nicht, dass ich den ganzen Tag über Quantenphysik oder arabische Poesie spreche”, sagt Imhof und lacht.

Sie kann sich auch ohne Weiteres über ganz alltägliche Dinge unterhalten, sich auch mal mit der Nachbarin über Apfelkuchenrezepte austauschen – solange sie auf eine gewisse Ausgewogenheit achtet und regelmäßig ihre intellektuellen Reserven auflädt.

“Es ist leichter, sich auch mal auf einem völlig ‘normalen Niveau’ zu unterhalten, wenn man sich zwischendurch die Möglichkeit herausnimmt, die anderen Bedürfnisse zu befriedigen”, erklärt sie.

Als Ausgleich besucht Imhof gerne Vorträge aus Fachbereichen, die sie noch nicht kennt oder tauscht sich mit Menschen aus, die sich auf einem bestimmten Gebiet spezialisiert haben.

“So kann ich meine Akkus wieder aufladen”, erzählt sie.

Inzwischen ist Imhof mit sich selbst im Reinen, hat ihren schnellen Verstand lieben gelernt und will ihn nie wieder verleugnen. Eines will sie jedoch nicht verraten: Wie hoch das Ergebnis ihres IQ-Tests ausgefallen ist.

“Das ist schließlich kein Statussymbol!”

Beltz

(ak)