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27/07/2018 21:51 CEST | Aktualisiert 31/07/2018 21:26 CEST

Hitzewelle in Deutschland: 3 Experten erklären, ob der Klimawandel schuld ist

"Die Chance auf so einen heißen Sommer in der Zukunft nimmt zu."

Nikada via Getty Images
Hitzewelle in Deutschland: 3 Experten erklären, ob der Klimawandel schuld ist.

Deutschland schwitzt. 

Die heißen Temperaturen sorgen für Rekorde mancherorts, für “Brennpunkte” im Ersten Deutschen Fernsehen und für Schweißflecken auf den Klamotten. 

Am Freitag brachte die Feuerwehr mehrere größere Waldbrände unter Kontrolle. Die anhaltende Hitze und die Trockenheit beschäftigen das Land. 

Am Samstag soll das Tief “Juli” in Deutschland vorübergehend für etwas Abkühlung sorgen. Doch viele Menschen fragen sich in diesen Tagen:

► Ist der vom Menschen verursachte Klimawandel für die Hitzewelle in Deutschland verantwortlich? Müssen wir uns in Zukunft auf längere und extreme Phasen mit hohen Temperaturen und ausbleibenden Regen einstellen?

Wir haben drei Experten gefragt.

Mojib Latif, Klimaforscher am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel 

dpa

“Wir haben es im Moment mit einem gewaltigen Hoch mit Kern über Skandinavien zu tun, das sehr ausdauernd ist. Das beschert uns einen nahezu wolkenlosen Himmel mit sehr hohen Temperaturen.

Der Klimawandel führt schon heute zu spürbar mehr Temperaturextremen: Hitzetage mit Temperaturen von mindestens 30 Grad und auch Tropennächte, in denen die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad fällt, nehmen seit Jahrzehnten zu. Außerdem nehmen die Frosttage ab. Hinzu kommt, dass Starkniederschläge bei höheren Temperaturen zunehmen.

Die Trends, die wir in den letzten Jahrzehnten gemessen haben, werden sich in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen. Es wird auch neue Temperaturrekorde geben, mit Temperaturen deutlich über 40 Grad. Der gegenwärtige Rekord für Deutschland liegt bei knapp über 40 Grad.”

Hans Schipper, Leiter des Süddeutschen Klimabüros am Karlsruher Institut für Technologie

“Durch die Lage eines Tiefdruckgebietes über dem Atlantik und ein Hoch über Skandinavien strömt warme Luft aus Südeuropa immer nach. Die lang anhaltende Trockenheit sorgt zudem dafür, dass nur noch wenig Wasser verdunstet und fast alle Energie in die Erwärmung der Luft geht.

Da diese Situation jetzt schon einige Zeit anhält, wird es immer wärmer, vor allem nachts, was dazu führt, dass die Temperaturwerte morgens bereits relativ hoch sind, wodurch tagsüber schnell hohe Temperaturen erreicht werden können.

Der Klimawandel sorgt erstmal grundsätzlich dafür, dass sich das Klima ändert. Das klingt zwar trivial, nur kommen beim Klima viele Faktoren zusammen, was dazu führt, dass das Bild ‘Das ist jetzt Klimawandel’ nicht so leicht zu beantworten ist. Klar ist, dass die Temperatur über die letzten Jahrzehnte bereits zugenommen hat. Zudem nahmen die Niederschläge im Sommer geringfügig ab, was die Anfälligkeit für Trockenheit erhöhte.

Nimmt man das alles zusammen, ist ein solches Wetter, so wie wir das momentan erleben, etwas was aus den Messungen der letzten Jahrzehnte zu erwarten war, im Gegensatz zu beispielsweise einem kalten verregneten Sommer.

Da sich der Klimawandel ungebremst fortsetzt, wird sich diese Anfälligkeit in Zukunft nach aller Wahrscheinlichkeit noch erhöhen. Dabei heißt es nicht, dass alle Sommer in Zukunft warm und trocken sein werden, die Chance auf einen solchen Sommer nimmt aber weiter zu. Inwiefern man sich darauf einstellen soll, hängt davon ab, wie sehr man von einem solchen Sommer beeinflusst ist.

Fakt ist aber, dass wir, wie beim Klima selber, sehr abhängig voneinander sind (zum Beispiel bei der Energiegewinnung oder Landwirtschaft) und das auch global, wodurch wir früher oder später alle die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen.”

Hans von Storch, Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum Geesthach

Das Klima – das ist die Statistik des Wetters, also wie oft, wie warm, wie lange warm und so weiter es innerhalb einer Jahreszeit wird. Da gibt es dann Sommer, in denen es sehr lange sehr warm ist – wie dieser Sommer. Oder der in 2003.

Diese Schwankungen an sich sind normal, aber im Zuge des menschgemachten Klimawandels hat sich diese Verteilung hin bewegt zu höheren Temperaturen und damit auch zu längeren sehr warmen Perioden.

Insofern ist das, was wir jetzt erleben, nicht überraschend, und wir werden uns weiter daran gewöhnen müssen, dass es ab und an sehr warme, lang anhaltende Episoden gibt. Je stärker sich Klimawandel ausprägt, und dies ist in sehr guter Näherung einfach eine Frage des Umfangs der Emissionen von Treibhausgasen in die Atmosphäre, umso stärker wird diese Tendenz hin zu lang anhaltend warmen Episoden.

Aus dieser Deutung der Verhältnisse ergibt sich, dass Gesellschaft und Politik sich um diese Tendenz kümmern müssen. Wenn das Pariser Abkommen tatsächlich umgesetzt wird, werden die Emissionen deutlich gemildert, aber eine Rückkehr zum früher Normalen ist nicht zu erwarten.

Tatsächlich wird der gegenwärtige Trend sich auch in diesem optimistischen Fall noch einige Jahre fortsetzen, bis es vielleicht zu einem Stopp käme. Dies bedeutet, dass eine Vorsorgepolitik für Bevölkerung und Ökosysteme sich jetzt und weiterhin um eine bessere Anpassung kümmern muss. Die Vogel-Strauss Rhetorik der 1990er-Jahre, wonach eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik Anpassungsmaßnahmen als sekundäre Aufgaben erscheinen lässt, erweist sich immer deutlicher als unangemessen.”

(jg)