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01/05/2018 12:54 CEST | Aktualisiert 01/05/2018 18:04 CEST

Hirnforscher erklärt: So werden Menschen zu Mördern

Von Schachspielern, Brokkoli und Hitler.

  • Robert Sapolsky ist erfolgreicher Neuroforscher an der renommierten US-amerikanischen Stanford University 
  • Im P.M. Magazin erklärt er, wie Menschen zu Mördern werden
  • Im Video oben: Dieser Mann tötete jemanden und zeigte das Ganze auf Facebook 

Die Endgültigkeit des Todes oder die oftmals damit einhergehende Grausamkeit: Es gibt viele Gründe, warum Morde Menschen beschäftigen und sogar faszinieren.

Doch was bewegt einen Menschen dazu, das Leben eines anderen zu beenden? 

Sucht man eine Erklärung dafür, warum Menschen zu Mördern werden, ist die Frage nach den individuellen Motiven meist nicht weitreichend genug.

Wie der berühmte Neurowissenschaftler Robert Sapolsky in einem Interview mit dem “P.M. Magazin” erklärt, liegen die Gründe für eine solch brutale Tat viel tiefer in der Natur des Menschen.

Auch im Tierreich verbreitet

Er erklärt, dass man Morde bereits im Tierreich beobachten könne, aber nicht nur zur Nahrungsbeschaffung. Männliche Paviane würden sich zum Beispiel ebenfalls immer wieder gegenseitig umbringen

► Dabei gehe es zu 100 Prozent um männliche Dominanz. 

Doch wieso gibt auch der deutlich weiter entwickelte Mensch, diesen Trieben noch immer nach?

Nicht einfach durch Hirnscan zu erkennen 

Sapolsky erklärt, dass weder unsere Technologie noch unser Wissen momentan ausreichen, um nur durch einen Gehirnscan festzustellen, ob jemand zum Mörder wird. 

Es gäbe allerdings den ein oder anderen Anhaltspunkt.

Ist zum Beispiel der präfrontale Kortex im Hirn geschädigt, kann man sein Verhalten weniger gut kontrollieren. Das mache einen Menschen aber nicht zwangsläufig zu einem Mörder.

Bei Adolf Hitler hätte man bei einer Untersuchung mit heutiger Technologie etwa vermuten können, dass dieser “womöglich zum Massenmörder” wird.

“Aber vielleicht haben Sie auch nur die Angewohnheit, sich ein bisschen zu laut zu unterhalten während einer Hochzeitszeremonie oder einer Beerdigung”, erklärt Sapolsky.

Hirnscans könnten viel über die Natur des Menschen zeigen, aber nicht, wie er diese auslebt.

Ähnliches sei bei einer Sensationssucht zu beobachten. Auch diese lasse sich durch Scans feststellen. Auch hier sei allerdings die Frage, wie der Mensch mit dieser umgehe.

“Vielleicht werden Sie ein Ornithologe, der selbst im stärksten Sturm mit dem Fernglas nach draußen geht, um Vögel zu beobachten. Aber vielleicht bekommen Sie Ihren Kick auch bei der Fremdenlegion und kämpfen als Söldner im Jemen.”

Das Gehirn von Ulrike Meinhof

Eine Hirnregion, die ebenfalls eine große Rollen spielen könnte, ist die Amygdala. Es handelt sich dabei um den Teil des Gehirns, der für Furcht und Aggression, also Kampf- und Fluchtreflexe, zuständig ist. 

Sapolsky erwähnt hier das Beispiel von Ulrike Meinhof: Bei der RAF Gründerin wurde ein Hirntumor entfernt. Untersuchungen nach ihrem Tod ergaben, dass ihre Amygdala beschädigt war.

Auch Charles Whitman, der in den 60-er Jahren in Texas mehr als ein Dutzend Leute erschossen hat, litt unter einem Tumor, der auf die Amygdala-Region drückte. 

Die Amygdala erfüllt eigentlich den Zweck, innerhalb von Millisekunden Alarm zu schlagen, wenn Gefahr droht. Das könnte beim Anblick einer Schlange oder einer Spinne passieren, allerdings auch, wenn man Menschen mit einer anderen Hautfarbe sieht. 

So erklärt sich der Neuroforscher auch, wieso so viele Schwarze US-Amerikaner von Polizisten erschossen werden. “In einer Welt voller Giftschlangen ist die Amygdala der wunderbarste Teil unseres Gehirns. Doch in einer Welt, in der jeder eine Knarre tragen darf, ist sie ein Desaster.”

Die Brokkoli-Studie

Auf die Frage, ob man diese Alarmglocken gegenüber Fremden auch ausschalten kann, meint Sapolsky, es würde schon reichen, sich ein wenig mit der “Fremdgruppe” zu beschäftigen. Dann wäre die Amygdala meist auch weniger reaktiv. 

Der Forscher erwähnt nebenbei auch eine ungewöhnliche Art, wie man eine solche konstruktive Konfrontation herbeiführen kann. Er beruft sich dabei auf die “Brokkoli-Studie”:

Dabei legt man jemandem das Bild eines fremden Menschen vor und fragt: “Welches Gemüse isst diese Person wohl gern?”. Der Befragte ist dann quasi gezwungen, sich Gedanken über die Hintergründe und die Vorlieben der Person zu machen und vermenschlicht das Gegenüber. 

Mehr zum Thema: “Mein Sohn hat meine Tochter getötet, um mich zu bestrafen”

Die Rolle des Testosteron

Sapolsky geht auch darauf ein, welche Rolle Testosteron im Bezug auf Aggressivität und Tötungsdelikte spielt. Testosteron fördere nämlich nicht aggressives Verhalten, sondern einfach nur Verhalten, dass den Status eines Menschen sichert. 

“Bei uns Menschen wird Aggression häufig mit einem höheren Status belohnt. Aber stellen Sie sich mal eine Gesellschaft vor, in der zufällige Akte der Freundlichkeit einen Aufstieg in der Hierarchie bedeuten – zum Beispiel einer alten Dame über die Straße helfen oder wildfremden Menschen einen Espresso spendieren. In so einer Welt würde ein hoher Testosteronspiegel die Männer dazu bringen, freundlicher zu anderen Menschen zu sein.”

Kann jeder zum Mörder werden?

Zum Ende des Interviews äußert sich Sapolsky noch dazu, ob jeder Mensch denn zu Mord fähig ist. Er denkt, dass es zumindest viel mehr Menschen seien, als man glaubt. Dazu komme noch, dass es ja auch Menschen gäbe, die Bösartigkeit als Banaliät ausführen. Ein gutes Beispiel seien hier die Menschen, die in ihren Büros die Pläne für Ausschwitz gezeichnet hatten. 

Bei einem ist sich der Forscher allerdings sicher: Genauso wie jeder Mensch bösartig werden könne, sei auch das Potential zum Helden in uns allen versteckt. Denn Menschen, die beeindruckende Dinge tun, unterscheiden sich für gewöhnlich eben nicht vom Rest der Welt. Das Gute schlummert also in jedem von uns. 

(ame)