POLITIK
08/09/2018 17:47 CEST | Aktualisiert 08/09/2018 17:56 CEST

Hetzjagd in Chemnitz: ZDF-Reporter zeigt treffend, wie absurd die Debatte ist

"Es geht nicht darum, die Vorwürfe zu dramatisieren oder zu bagatellisieren."

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Michael Bewerunge, der Studioleiter des ZDF in Sachsen, machte deutlich, wie brutal die rechte Gewalt in Chemnitz war. 
  • Gab es Hetzjagden in Chemnitz? Über diese Frage ist in Politik und Medien eine heftige Debatte ausgebrochen.
  • Der ZDF-Reporter Michael Bewerunge brachte am Freitagabend auf den Punkt, warum diese angesichts der rechten Gewalt in Chemnitz absurd ist. 

Chemnitz ist eine Zäsur für die deutsche Demokratie. 

Tagelang war die Stadt im Ausnahmezustand, tausende Rechte zogen durch die Straßen, nahmen eine Bluttat an einem jungen Menschen zum Anlass, ihre Parolen durch die Straßen zu brüllen. 

Parolen wie “Deutsch, sozial, national”. Oder “Ausländer raus”. Oder “Für jeden toten Deutschen ein toten Ausländer.”

Es waren Rechtsextreme, Neonazis und Hooligans die da Seite an Seite mit AfD-Politikern, Pegida-Anhängern und angeblich “besorgten Bürgern” marschierten. 

Und doch hat sich die Debatte nach den Ereignissen von Chemnitz nicht auf den Schwerpunkt, wie der Staat dieser rechten und extremen Gefahr Herr werden kann, verlagert. Sondern auf das Semantische. 

Auf die Frage, ob es in Chemnitz zu Hetzjagden von Rechten auf Migranten kam, oder nicht. Beziehungsweise: Ob man die Jagd auf Migranten, die in Videos und durch Zeugen dokumentiert ist, Hetzjagden nennen dürfe. 

Die Bundesregierung sagt ja. Der Verfassungsschutz-Chef sagt auf Geheiß des Bundesinnenministers nein.

Und der ZDF-Reporter Michael Bewerunge fasste am Freitagabend im ZDF zusammen, warum diese Diskussion über Hetzjagden in Chemnitz vollkommen absurd ist. 

ZDF-Reporter über Chemnitz: “Die erschreckenden Fakten sind bekannt”

“Wir haben sehr intensiv die Fakten geprüft, und ich muss schon sagen, das ist schon eine ziemlich absurde Debatte, die hier um den Begriff Hetzjagd geführt wird”, sagte Bewerunge im Interview mit der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka im “heute journal”. 

“Es geht nicht darum, die Vorwürfe zu dramatisieren oder zu bagatellisieren”, sagte der ZDF-Reporter. Es seien eine Menge erschreckender Fakten über die entsprechenden Ereignisse am 26. August in Chemnitz bekannt.

“Da ist eine Menge von 800 Demonstranten durch die Stadt gezogen, angeführt laut der Polizei von 50 gewaltbereiten rechten Demonstranten”, sagte Bewerunge.

“Die Polizei wurde mit Steinen und Flaschen beworfen, aus dieser Gruppe sind Angriffe auf Ausländer ausgeführt worden”, sagte der ZDF-Journalist. Es habe drei Anzeigen gegeben, “und eine Polizeisprecherin sprach von einem Fall, in dem ein Mann ‘regelrecht verfolgt’ worden sei.” 

Außerdem habe auch ein Chemnitzer Stadtrad der Linken Jagdszenen auf eine Gruppe von Ausländern beobachtet. 

Doch das sei noch gar nicht das Gravierenste, was an diesem Sonntag in Chemnitz passiert sei. 

Mordaufrufe von Nazis und Rechten in Chemnitz 

“Das Gravierenste ist für mich, dass es auf dieser Demo Rufe gab: ‘Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer’”, sagte Bewerunge. Dazu gäbe es ein verifiziertes Video und mehrere Zeugen. 

Der ZDF-Reporter sagte: “Das ist nichts anderes als ein direkter Aufruf zum Mord, damit scheint sich niemand beschäftigen zu wollen.” 

Bewerunge berichtete auch unter Bezug auf Informationen aus Sicherheitskreisen, dass bei der Demonstration am Montag dem 27. August von 6000 rechten Demonstranten ein Drittel “zum harten rechtsextremen Kreis” gezählt hätten. 

Auch bei einer “Pro Chemnitz” Demonstration am folgenden Samstag seien von 2000 Demonstranten laut Sicherheitskreisen ein Drittel Rechtsextreme gewesen. 

“Das ist ein großer Teil”, sagte Bewerunge. “Da kann man nicht bagatellisieren, dass hier nur harmlose Bürger durch die Stadt gelaufen wären.” 

Und angesichts dieser rechtsextremen Gewalt wirkt auch der Streit um den Begriff “Hetzjagd” wie Bewerunge es formulierte: absurd.