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29/07/2018 13:34 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 13:34 CEST

Hera Lind: Das verdichtete Leben

Das wahre Leben schreibt die spannendsten Geschichten. Deshalb konzentriert sich die Autorin Hera Lind auf Tatsachenromane, zu denen sie ihre Leser inspiriert haben. Darin verdichtet sie das Leben und fragt: Was ist wichtig? Welche Begebenheiten sollten festgehalten werden? Was ist es wert, erzählt zu werden? Die Menschen in ihren Büchern glauben an das Gute im Menschen und sind davon überzeugt, dass ihr Leben dadurch besser wird, wenn sie es auch für andere leben. Ihr Optimismus besteht darin, Leben und Arbeit tatkräftig anzugehen – auch im Bewusstsein, dass nicht immer alles zum Besten verlaufen wird. Hera Lind schenkte anderen selbst immer ihr volles Vertrauen und war ihnen zugewandt – auch auf die Gefahr hin, zwischendurch enttäuscht zu werden.

Auch wenn sie in den vergangenen Jahren viele Schicksalsschläge meistern musste, so ist ihr Image bis heute untrennbar mit dem Begriff "Superweib" verbunden. Während ihre Bücher seit den achtziger Jahren millionenfach verkauft wurden und seitdem viele Leserinnen unterhalten haben, fand sich in den Feuilletons wenig bis keine Beachtung ihres Schreibens. Gewiss muss in einigen Autoren der Stoff so lange wohnen, bis sie davon „bewältigt“ werden. Sie misstrauen dieser Art von Rhythmus, jährlich ein Buch zu schreiben, denn sie müssen ein Buch „erwarten“ können (und das kann Jahre dauern).

Dass Hera Lind die Schule des Schreibens beherrscht und ihre Bücher das haben, was Hugo von Hofmannsthal Tiefe an der Oberfläche nannte, steht dennoch außer Frage. Auch ihr verschafft das Schreiben immer auch eine innere Klarheit im Denken. Und ihre Bücher zeigen, dass sie ständig im Training bleibt. Talent allein reicht nicht, um die Probleme der Gegenwart zu lösen, auch hier braucht es ständige Übung und Kontinuität. Sie ist keine lebensfremde Intellektuelle, die ihren Lesern kryptische Wortungeheuer vorlegt – vielmehr ist sie der Welt und ihren Mitmenschen empathisch zugewandt.

Vieles spiegelt sich auch in ihrem neuen Buch, dem Sozialdrama „Hinter den Türen“, in dem die große Hilfsbereitschaft einer Familie fast zum Verhängnis wird: Die Sozialpädagogin Juliane Bressin lebt mit ihrem Mann Jonathan, der als Pflegedienstleiter arbeitet, und den beiden Kindern als perfekte Familie in einer Reihenhaussiedlung. Als sie in der Zeitung liest, dass für „drei ganz normale Kinder“, deren Mutter im Koma liegt und deren Vater gestorben ist, eine Pflegefamilie gesucht wird, zögert sie nicht lange und möchte ihr Glück mit anderen teilen: „Ich wollte diese drei kleinen verwilderten Kinder aus ihren Höhlen holen und in unsere perfekte Butterblumenwelt stecken!“

Das erste Treffen mit den Kindern war allerdings ein Kulturschock. Und beim Einzug der drei, sechs, zehn und zwölf Jahre alten Pflegekinder mit thailändischen Wurzeln stellte die Familie fest, dass die Schützlinge nicht nur verwahrlost, sondern auch traumatisiert, verängstig und misstrauisch waren. Die Kinder übertrugen ihre Wut und den Zorn, der ihren Eltern gelten sollte, auf die Pflegeeltern. Für die Protagonistin erhärtete sich immer mehr ein schrecklicher Verdacht und bald steht sie mit ihrer eigenen Familie an einem schrecklichen Abgrund. Hera Lind lässt uns hineinschauen, aber sie zeigt auch, wie sich Menschen darin nicht verlieren.

Sie ist eine grandiose Übersetzerin der Nachhaltigkeit - ohne den Begriff je zu gebrauchen. Viele Menschen haben zu diesem Wort ein ambivalentes Verhältnis, weil es durch seine Unschärfe dazu einlädt, missbraucht zu werden. Es gibt allerdings einen wunderbaren Satz von Johann Heinrich Campe von 1813, der ihn begreifbar macht und gleichzeitig zeigt, was Leben und Schreiben bei Hera Lind ausmacht: „Nachhaltig ist das, was hält, wenn alles andere nicht mehr hält.“

Tina Graf

Hera Lind (Herlind Wartenberg) wurde in Bielefeld-Sennestadt geboren. Sie studierte Germanistik, Musik und Theologie. 14 Jahre lang war sie als Profisängerin Mitglied des Kölner Rundfunkchores und hatte sich auch als Gesangs-Solistin einen Namen gemacht. Durch eine Zwangspause in der ersten Schwangerschaft kam sie zufällig zum Schreiben – aus Langeweile, weil sie nicht Singen konnte. Auf Anhieb landete sie einen Bestseller mit „Ein Mann für jede Tonart“. Mit ihren Romanen von „Die Champagner-Diät“ und „Verwechslungsjahre“ bis „Eine Handvoll Heldinnen“ hatte sie beachtlichen Erfolg. Mit „Das Superweib“ gelang ihr der große Durchbruch. Viele ihrer Bestseller der unterhaltenden Frauenliteratur wurden mit Starbesetzung verfilmt. Auch mit ihren Tatsachenromanen „Kuckucksnest“, „Die Frau, die zu sehr liebte“ und „Mein Mann, meine Frauen und ich“ eroberte sie die SPIEGEL-Bestsellerliste. Seit 2002 ist die Autorin mit dem Hotelier Engelbert Lainer verheiratet. Hera Lind lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

Hera Lind: Hinter den Türen. Roman nach einer wahren Geschichte. Diana Verlag, München 2018.

Diana Verlag