ELTERN
18/12/2017 17:48 CET | Aktualisiert 07/02/2018 16:03 CET

Alle, die über moderne Helikopter-Eltern schimpfen, sollten die Worte dieses Psychologen kennen

Überfürsorgliche Eltern sind kein Problem des 21. Jahrhunderts.

Terry Vine via Getty Images
Der Begriff "Helikopter-Eltern" ist inzwischen beleidigender als manches Schimpfwort.
  • Der Ausdruck “Helikopter-Eltern” ist längst zum geflügelten - wenig schmeichelhaften - Begriff geworden 
  • Viele Kinder, so der weit verbreitete Vorwurf, wüchsen zu Weicheiern und kleinen Tyrannen heran
  • Ein Schriftstück aus den 60ern aber zeigt: Überfürsorgliche Eltern sind kein Problem des 21. Jahrhunderts

Moderne Eltern müssen sich viel gefallen lassen.

Ihr verständnisvoller, empathischer Erziehungsstil mache Kinder zu Weicheiern, wirft man ihnen vor. Oder noch schlimmer: Sie setzten keine Grenzen und erzögen die Kleinen damit zu tyrannischen Monstern, die laut und frech durch die Welt wüten.

Der Ausdruck Helikopter-Eltern ist längst nicht mehr nur Menschen mit Kindern ein Begriff - und inzwischen beleidigender als manches Schimpfwort.

Wer sich mit der Zuschreibung konfrontiert sieht, gilt als überfürsorglich, extrem ängstlich und unfähig, die Kinder sich natürlich entfalten zu lassen. Wie ein Überwachungshubschrauber eben, der permanent über dem Nachwuchs kreist. Oder eine Drohne, die den Kindern auf Schritt und Tritt folgt.

Waren Eltern früher resoluter?

Liest man Artikel, Blogeinträge und Social-Media-Kommentare zu dem Thema, könnte man meinen, die Helikoptereltern seien ein neues Phänomen - hervorgebracht durch die kranke Psyche des durchoptimierten 21. Jahrhunderts.

Man könnte meinen, die Menschheit sei dem Untergang geweiht - weil moderne Eltern nur noch unselbstständige, weinerliche, jähzornige Kinder groß ziehen, die in einigen Jahren unsere Gesellschaft bestimmen werden.

Die Sache ist aber die: Helikopter-Eltern sind gar kein neues Phänomen. Das beweist ein Essay aus dem Jahr 1966, den das Onlinemagazin “Quartz” kürzlich wiederentdeckt hat.

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Der Text trägt den Titel “The Parents’ Share” (“Der Anteil der Eltern”). Verfasst hat ihn der inzwischen verstorbene Psychologe Hugo G. Beigel. Der in die USA emigrierte Österreicher war zu dieser Zeit Herausgeber der Zeitschrift “The Journal of Sex Research” und einer der einflussreichsten Sexualwissenschaftler der Welt.

Schon in den 60ern gab es “verhätschelte und überbehütete” Kinder

“The Parents’ Share” beschäftigt sich mit der in den 60ern stark angestiegenen Zahl an Schwangerschaften bei Teenagern und geht der Frage nach, welche Rolle die Eltern dabei spielten.

Zu dieser Zeit waren Verhütungsmittel noch nicht in allen Teilen der Gesellschaft anerkannt und viele Eltern scheuten sich, mit ihren Kindern über Schutz beim Sex zu sprechen.

Das Interessante ist: Schon Beigel beschreibt Jugendliche und Kinder als “verhätschelt und überbehütet”. Denen werde selten etwas abgeschlagen und bei Fehlverhalten drohten ihnen keine Konsequenzen, so seine Beobachtung.

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“Weite Teile der oberen Mittelschicht haben Angst, dass ihre Kinder sie nicht mehr lieben, wenn sie ihnen etwas verbieten”, heißt es in dem Essay. “Sie scheitern nicht nur daran, ihnen Verantwortungsbewusstsein und Selbstdisziplin beizubringen, sondern machen zudem die wenige Disziplin zunichte, die ihre Kinder an den Schulen mitbekommen.”

Der Psychologe macht seine Kritik an einem Beispiel fest. “Eltern trauen sich nicht, ihre Kinder vom Fernseher loszueisen und sie anzuweisen, ihre Hausaufgaben zu machen”, schreibt er. “Stattdessen schreiben sie am nächsten Morgen eine Entschuldigung an den Lehrer, dass ihr Kind verhindert war.”

Elternsein ist mehr als nur sicherzustellen, dass das Kind glücklich ist

Außerdem, so kritisiert Beigel, feilschten sie mit den Lehrern um bessere Noten für ihre Kinder, weil sie es mit denen, die sie eigentlich verdient hätten, nicht aufs College schaffen würden.

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In seinem Essay, aus dem “Quartz” passagenweise zitiert, äußert der Psychologe die Besorgnis, unangenehme Konsequenzen würden noch zunehmen, wenn Eltern nicht eine wichtige Sache begreifen würden: dass Elternsein mehr ist, als nur sicherzustellen, dass das Kind glücklich ist.

Das kommt euch alles sehr bekannt vor? Uns ebenfalls.

Auch wenn es damals den Begriff Helikopter-Eltern noch nicht gab: Die Kritik an den angeblich zu weichen Erziehungsmethoden – in erster Linie die der Mittelschicht – war dieselbe wie heute.

Manche Vorwürfe mögen durchaus berechtigt sein. Kindern tut es in der Tat nicht gut, wenn ihre Eltern ihnen nur wenig zutrauen und sie keine Regeln lernen, an denen sie sich orientieren können. Da sind sich Experten schon lange einig.

Helikopter-Eltern sind kein Problem unserer Zeit

Beigels Aufsatz aber lässt eine sehr beruhigende Erkenntnis zu: Überfürsorgliche Eltern sind kein Problem speziell unserer Zeit und auch nicht unbedingt eine Folge der modernen Erziehung. Es gab sie schon immer. 

Und moderne Eltern per se vorschnell als hysterische Helikopter-Eltern zu verurteilen, nur weil sie verständnisvoll und geduldig mit ihrem Kind umgehen, ist sicherlich wenig sinnvoll.

Wenigstens eine Sache hat sich seit 1966 geändert: Über Verhütung sprechen Eltern inzwischen meistens doch etwas offener mit ihren Kindern.

(ks)