POLITIK
21/03/2018 10:06 CET

Helfer in Syrien prangert an: Gefühllose Welt schaut dem Gemetzel zu

Die Hilfe in der belagerten syrischen Region lässt nach.

AMMAR SAB/ANADOLU AGENCY VIA GETTY IMAGES
Nach den Luftangriffen am Montag sind zahllose Gebäude im Osten von Ghouta nahe Damascus beschädigt.
  • Die Region Ghouta trifft der Bürgerkrieg in Syrien besonders hart
  • Helfer prangern an, die Weltöffentlichkeit sehe dem Sterben unzähliger Zivilisten zu

Es ist ein “gigantisches Gemetzel, dem die Welt ohne jedes Gefühl zusieht”. So beschreibt Abdelkarim Ibrahim aus der belagerten syrischen Region Ghouta der HuffPost das Leid und die Hoffnungslosigkeit vieler Menschen, die wegen Luftangriffen festsitzen und keine Möglichkeit zur Flucht haben.

Ibrahim ist humanitärer Helfer, arbeitet mit der Organisation “Save the Children” zusammen und schildert der HuffPost mit Hilfe eines Übersetzers das Grauen, das er sieht.

Seit 2013 im Bombenhagel

Ghouta, eine Region, die an die Hauptstadt Damaskus angrenzt, ist seit 2013 Ziel von Angriffen der Regierungstruppen, die im syrischen Bürgerkrieg versuchen, Rebellen und Oppositionskräfte aus dem Gebiet zu vertreiben.

Im Februar startete die Regierung eine Offensive, um Gebiete in Ghouta zurückzuerobern. Sie verstärkte das Bombardement und stoppte die medizinische Hilfe sowie die Versorgung mit Lebensmitteln in der gesamten Region.

HASAN MOHAMED/AFP VIA GETTY IMAGES
Kinder laufen am 10. März 2018 nach einem Luftangriff durch die Trümmer Doumas in Ost-Ghoua. Die jüngsten Angriffe töteten über Nacht mindestens 13 Menschen. Das berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Seit 2011 starben 13.000 Zivilisten im Osten von Ghouta

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet von einer “katastrophalen humanitären Situation”. In den vergangenen Monaten seien mehr als 500 Zivilisten getötet und Tausende verletzt worden

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien teilte im Februar mit, dass seit 2011 beinahe 13.000 Menschen in der Region getötet worden seien.

Die Bomben trafen auch Krankenhäuser, Schulen und Gotteshäuser.

“Hölle auf Erden”

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, sagte vergangenen Monat, die 400.000 in Ost-Ghouta eingeschlossen Menschen lebten “in der Hölle auf Erden”. Die UN beschlossen daraufhin einstimmig eine 30-tägige Waffenruhe in Syrien und die Aufhebung der Belagerung von Ghouta.

Tatsächlich sind in der Woche nach dem Beschluss 100 Menschen getötet worden, wie Beobachter berichten.

Helfer spricht von furchtbarer Panik

Ibrahim erzählt der HuffPost von der furchtbaren Panik der Menschen, die in der Region festsitzen. Sie seien “unablässigen Luftangriffen, Fassbomben und Artilleriebeschuss” ausgesetzt.

Die Lebensumstände für die Bevölkerung in Ghouta haben sich verheerend verschlechtert”, sagte er von Syrien aus.

“Die Zivilisten im Osten Ghoutas haben nie zuvor eine so zerstörerische Offensive erlebt. Eine Stadt mit 107 Quadratkilometern und 400.000 Einwohnern ist von mehr als 4200 Luftangriffen getroffen worden.

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Nach Luftangriffen auf die Stadt Kafr Batna im Osten Ghoutas in Syrien steigt Rauch auf.

Tägliche Waffenruhe ist zu kurz, um effektiv zu helfen

Ibrahim sagt, die Waffenruhe sei auf zwei Stunden pro Tag eingedampft worden, dann gingen die Kämpfe wieder weiter. Helfer hätten so nicht genug Zeit, in das Gebiet vorzudringen und medizinische Hilfe zu leisten oder Lebensmittel zu bringen.

Zivilisten suchten Schutz vor Bomben in ungeeigneten, überfüllten und unhygienischen Kellern.

Den Binnenflüchtlingen fehlen selbst die einfachsten Dinge – Essen, Medizin und Kleidung. Zur Zeit leben alle Menschen in Ghouta in Kellern, selbst das Nötigste fehlt.”

Es fehlen Hygieneartikel und Medikamente

“Die Keller sind Gefängnisse für die Massen ... Ein solch erbärmlicher Mangel an Sauberkeit und sanitären Einrichtungen, der Mangel an Wasser und Hygieneartikeln hat zur Ausbreitung von Seuchen geführt. Auch Probleme wie Läuse bei Kindern sind eine Folge der mangelnden Hygiene”, sagt er.

“Chronisch Kranke, die etwa an Diabetes oder Bluthochdruck leiden, sind gestorben, weil die Medikamenten fehlten. Menschen mit einem Nierenleiden haben keine Möglichkeit in Ghouta, eine Dialyse zu bekommen.”

Die Menschen können ihre Toten nicht begraben

Selbst die Toten zu beerdigen, sei schwierig bis unmöglich. “Die Friedhöfe der Stadt werden bombardiert.” 

“In Douma mussten die Leute die Leichen in öffentlichen Parks und in den Hinterhöfen von Häusern begraben. Es war unmöglich für sie, bis zu den Friedhöfen der Stadt durchzukommen”, sagt Ibrahim.

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Rauch steigt am Freitag über Kafr Batna auf.

Die Weltöffentlichkeit schaut weg

Ibrahim sagt, weltweit hätten Menschen die Situation in Syrien ignoriert. Was Ost-Ghouta versprochen worden sei und dort ankomme, sei “beschämend für die Welt”. Seinen Aussagen zufolge reicht die Unterstützung gerade einmal für sechs Prozent der Stadtbewohner.

“Die lokalen Hilfsorganisationen sind immer weniger in der Lage, Zivilisten ausreichend zu versorgen. Läden für Essen und Medikamente sind bombardiert worden. Die Angreifer haben auch die Einrichtungen humanitärer Organisationen ins Visier genommen.”

Helfer fordert Menschen weltweit dazu auf, sich gegen das Töten zu stellen

“Die Menschen in anderen Ländern der Welt müssen Druck auf ihre Regierungen und Menschenrechtsorganisationen ausüben, damit diese sich gemeinsam gegen das massenhafte Töten von Zivilisten in Ghouta stellen. Ihr Erfolg würde Hunderttausende Menschen davor bewahren, vor den Augen der Welt niedergemetzelt zu werden.”

Hier leben Menschen, Menschen wie überall sonst auf der Welt. Die Menschen da draußen müssen das verstehen, damit sie sich nachdrücklich dafür einsetzen können, die Menschen in Ghouta vor Unrecht und Tod zu bewahren.”

Der Text erschien ursprünglich bei HuffPost Australia und wurde von Konrad Dreyer aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.