POLITIK
09/03/2018 16:03 CET | Aktualisiert 09/03/2018 18:18 CET

Helfer fassungslos: Krebskranker Flüchtling sollte kurz vor seinem Tod abgeschoben werden

Helfer erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden

Yenni Kellermann
Zur Beerdigung Lamins kamen viele Menschen
  • Obwohl ein Flüchtling todkrank war, sollte er aus Deutschland abgeschoben werden
  • An Polizei und Behörden wird nun heftige Kritik laut

Lamin ist tot. Der 20-Jährige hat in seinen letzten Lebenswochen nicht nur gegen seine Krankheit, sondern auch noch mit den deutschen Behörden kämpfen müssen.

Lamin floh, so schreibt es der Verein “Matteo – Kirche und Asyl” auf Facebook, vor Verfolgung aus Sierra Leone, überlebte einige Zeit in einem der berüchtigten Flüchtlingslager in Libyen, ebenso die dramatische Überfahrt nach Italien. Im Dezember 2016 kam er nach Deggendorf in Bayern.

Doch das sichere Leben, von dem er geträumt hatte, hat er nie kennengelernt. 

Krank nach Italien abgeschoben

Ärzte diagnostizierten damals dem Vernehmen nach Hepatitis. “Offenbar wurde er aber nicht ernsthaft therapiert und seine lebensbedrohliche Krankheit nicht ernst genommen”, schreibt Matteo-Chef Stephan Theo Reichel.

Lamin wurde trotzdem nach Italien abgeschoben. Wie die “Passauer Neue Presse” (“PNP”) am Freitag berichtet, holten ihn die Beamten eines morgens um zwei Uhr früh aus dem Bett, um ihn zum Flughafen zu bringen.

Obwohl er nach Angaben von Lamins Freunden die Polizisten über seine Erkrankung informiert und ihnen eine Bestätigung für einen Arzttermin vorgelegt habe. Die Beamten hätten sogar gesagt, sie würden ihn zum Arzt fahren.

Nach dem bis heute formell gültigen “Dublin-Verfahren” müssen Flüchtlinge von dem Land aufgenommen werden, in dem sie zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben.

Zweite Flucht nach Deutschland

Laut “PNP” lebte Lamin wochenlang in Mailand ohne jegliche medizinische Betreuung auf der Straße. Es sei ihm schlecht dort gegangen, aber aufgeben wollen habe er sich nicht.

Er entschloss sich zu einer erneuten Flucht nach Deutschland, landete in einer Gemeinschaftsunterkunft in Hutthurm bei Passau.

In der Klinik dort erhält er im Januar 2018 die nächste Diganose, wie Reichel schreibt: Leberkrebs in fortgeschrittenem Stadium mit Metastasen in der Wirbelsäule.

Ende Januar soll er jedoch erneut abgeschoben werden – direkt aus dem Krankenbett. Dabei ist Lamin schon todkrank und kämpft um sein Leben. Wie die “PNP” und Bayerischer Rundfunk (BR) berichten, konnte die Abschiebung nur aufgrund des Protests von Helfern und Ärzten gestoppt werden. 

Kurz darauf starb Lamin.

Vorwürfe an Bamf und Politik

Nun werden schwere Vorwürfe an die verantwortlichen Behörden laut. Helfer und Ärzte zeigen sich laut “PNP” fassungslos über die Abschiebepolitik und ganz besonders darüber, wie mit Lamin umgegangen worden war. 

“Wir wissen nicht, ob die Abschiebung des schwerkranken Lamin nach Italien hauptursächlich für seinen Tod gewesen ist, es ist aber sicher, dass er bei ausreichender medizinischer Betreuung vor der Abschiebung nach Italien und ohne das Leben auf der Straße in Italien eine Chance gehabt hätte, noch länger in Würde zu leben, vielleicht überleben zu können”, schreibt Reichel.

Flucht vor Ebola und Folter

Sierra Leone zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Bis 2002 tobte dort ein zehn Jahre anhaltender Bürgerkrieg, in dem nach UN-Angaben bis zu 300.000 Menschen getötet wurden. Etwa 2,6 Millionen Menschen mussten ihr Land verlassen.

Die Lage in dem westafrikanischen Staat stabilisiert sich nur langsam. 

Noch kurz vor seinem Tod hatte der Flüchtling einer behandelnden Ärztin offenbar die Gründe für seine Flucht erklärt. Wie die Medizinerin der “PNP” sagte, habe der junge Mann in seiner Heimat nach dem Wüten des Ebola-Virus und drohender Folter keine Perspektive mehr gesehen. 

Asylantrag abgelehnt

Wie die Sprecherin der Regierung von Niederbayern, Katharina Kellenberger, der “PNP” sagte, ist das Bundesamt für Miration und Flüchtlinge (Bamf) zuständig für Entscheidungen über Abschiebungen nach dem “Dublin-Verfahren”.

Das Amt müsse dabei auch prüfen, ob lebensbedrohliche Erkrankungen vorliegen, die sich im Fall einer Abschiebung wesentlich verschlechtern würden.

Doch nach Angaben des Blattes hat das Bamf Lamins Asylantrag am 22. Februar 2017 abgelehnt. Die Gründe, warum trotz schwerer Krankheit die Abschiebung erfolgen sollte, sind unklar.

Der Flüchtling stellte daraufhin einen Antrag beim Verwaltungsgericht Regensburg und wies nach Zeitungsangaben darauf hin, dass er an chronischer Hepatitis B leide.

Doch auch das Gericht lehnte den Antrag am 9. Mai 2017 ab, wobei es feststellte, dass “keine relevanten krankheitsbedingten Gründe” einer Abschiebung im Weg stünden.

Zuguang zu Ärzten für Flüchtlinge verhindert

Reichel von Matteo sagt, der Umgang mit Lamin sei kein Einzelfall. “Wir erhalten immer wieder Berichte, dass in Deggendorf und den großen Lagern keine oder nicht ausreichende medizinische Versorgung für Traumatisierung oder Erkrankung gegeben wird. Der Zugang zu Ärzten wird offen be- und verhindert.”

Reichel unterstellte den Behörden fahrlässiges Verhalten. Der “PNP” sagte er, es müsse auch im Ministerium bekannt sein, dass Italien überfordert sei mit der Migration und sich daher nicht um Rückkehrer kümmere.

Auf Facebook schreibt Reichel: “Wir werden nicht ruhen, bis alle Umstände des Schicksals von Lamin aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen sind, auch Politiker, die für seinen Tod den Boden bereitet haben.”

Lamin wurde am Mittwoch auf dem Friedhof in Hutthurm beerdigt.

 

(sk)