BLOG
19/10/2018 09:45 CEST | Aktualisiert 19/10/2018 09:54 CEST

Häusliche Gewalt: "Mein Vater hat meine Mutter ermordet – ich musste zusehen"

Erst nachdem er die siebte Kugel auf meine Mutter abgefeuert hatte, hörte mein Vater auf zu schießen.

KatarinaGondova via Getty Images
Nour Naas' Mutter wurde Opfer häuslicher Gewalt.

Unsere Autorin Nour Naas stammt aus Libyen und lebt inzwischen im US-Bundesstaat Kalifornien. Als sie 18 Jahre alt war, wurde sie Zeugin, wie ihr Vater ihre Mutter umbrachte. Seitdem engagiert sich Naas gegen häusliche Gewalt.

Derzeit arbeitet sie an einer Geschichtensammlung, in der sie den Tod ihrer Mutter aufarbeitet. 

Meine Eltern waren 26 Jahre lang verheiratet – bis zu jenem Samstagnachmittag im Jahr 2013, als mein Vater meine Mutter ermordet hat. Es geschah in der Gasse hinter dem Computergeschäft meines Vaters. Ich war damals 18 Jahre alt und erinnere mich an jedes Detail der Tat.

Wenige Minuten zuvor hatte er sie geschlagen. Auf ihrer rechten Wange zeichnete sich seine Hand ab.

Danach beschlossen meine Mutter und ich, das Haus eine Weile lang zu verlassen. Wir gingen nach draußen, um spazieren zu gehen – so, wie wir es immer taten, wenn mein Vater die Kontrolle verlor. Leider war das immer nur eine vorübergehende Lösung, um seiner Gewalt zu entgehen.

Aber dieses Mal folgte mein Vater uns schnell. Als wir vor der Tür waren, stellte er sich uns in den Weg. Er sagte, ich sollte wieder rein gehen, er wollte “nur kurz mit meiner Mutter reden”. Ich weigerte mich zunächst, doch schließlich entfernte ich mich von den beiden.

Mit Schrecken musste ich mitansehen, wie mein Vater eine Waffe hinter seinem Rücken hervor zog und anfing, auf meine Mutter zu schießen. Ehe sie zusammenbrach, schrie sie seinen Namen.

Ich schrie so laut, dass es in der Gasse widerhallte. Die Vögel in den Bäumen wurden davon aufgeschreckt. Meine Mutter lag in einer Lache aus Blut. Erst nachdem er die siebte Kugel auf sie abgefeuert hatte, hörte mein Vater auf, zu schießen.  

Der Tod meiner Mutter stürzte mich in eine tiefe Krise. Ich fühlte mich schuldig. Wäre ich doch nur stehen geblieben – vielleicht hätte das meinen Vater daran gehindert, sie zu töten.

Mehr zum Thema: Ich hatte jeden Tag Angst, dass mein Stiefvater mich umbringt

Ich machte mir Vorwürfe, weil ich nicht erkannt hatte, dass mein Vater zu solch extremer körperlicher Gewalt fähig war. Der Missbrauch, dem wir normalerweise ausgesetzt waren, war in erster Linie psychologischer Natur. Auch Jahre nach dem Tod meiner Mutter saß der Schock darüber noch tief.

Häusliche Gewalt in Deutschland

  • Jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt.
  • Seit dem Jahr 2012 lässt sich auch in Deutschland ein kontinuierlicher Anstieg der Opferzahlen von Partnerschaftsgewalt feststellen.
  • Nach Angaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurden 2016 insgesamt 133.080 Personen erfasst, die Opfer von Gewalt durch ihren Partner wurden.
  • Die überwältigende Mehrheit davon war weiblich (knapp 109.000) und mehr als die Hälfte hat in einem Haus mit dem Täter gelebt. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten.
  • In der Statistik zu häuslicher Gewalt erfasst werden Bedrohung (über 16.700) Körperverletzung (über 69.700), schwere Körperverletzung (rund 11.900), Stalking (über 7.600) sowie Mord und Totschlag (357).

Jahrelanger Missbrauch

Im Jahr 2009 sah ich meinen Vater zum ersten Mal gewalttätig werden.

Wir lebten damals in einer kalifornischen Vorstadt, in der Nähe von Fairfield. Mein Vater rief Mama ins Wohnzimmer, wo er gerade fernsah.

Er wollte, dass sie sich auf den Boden setzte, damit er etwas mit ihr besprechen könnte. Als sie sich weigerte, stand er auf und begann sie zu schütteln. Seine Finger gruben sich dabei so tief in ihre Haut, dass ihre Arme zwei Wochen lang mit schwarzen Blutergüssen übersät waren.

Er ließ sie nur los, um nach dem hölzernen Stuhl neben sich zu greifen, den er dann in Richtung meiner Mutter schleuderte – sie ging hinter einem Bücherregal in Deckung.

Ich war immer noch fassungslos über das, was ich gesehen hatte, als ich am nächsten Morgen aufwachte. Ich räumte mein Zimmer auf und faltete meine Kleidung, um mich irgendwie zu beschäftigen. Dann tauchte mein Vater in meiner offenen Zimmertür auf.

Er lächelte mir zu. Alles in mir sträubte sich, sein Lächeln zu erwidern, doch er blieb beharrlich: Er starrte mich solange an und lächelte, bis ich zurück lächelte – aber nach dem, was ich am Vorabend gesehen hatte, sah ich meinen Vater mit anderen Augen.

“Ich wünschte, ich hätte einen Vater, der mich beschützt, nicht einen, vor dem ich Schutz suchen muss”, schrieb ich damals in mein Tagebuch.

Körperliche Gewalt war etwas Neues. Bislang hatte mein Vater uns nur psychisch und emotional missbraucht.

Jede Kleinigkeit konnte ihn auf die Palme bringen, hier ein paar Beispiele, die ich in meinem Tagebuch notiert hatte:

Warum hat meine Mutter meinen ältesten Bruder auf der Schnellwahltaste und nicht ihn? Warum hatte mein Vater einmal beim Abendessen nicht am Kopf des Tisches sitzen dürfen? Warum stand das Abendessen nicht schon auf dem Tisch, als mein Vater nach Hause kam? Warum öffnen wir meinem Vater nicht die Türe, wenn er nach Hause kommt (obwohl er natürlich einen Schlüssel hat)?

Nachdem mein Vater sie geschüttelt hatte, folgte Mama dem Rat einer Freundin und wandte sich an die Behörden. Als mein Vater davon erfuhr, drohte er ihr, sie zu ermorden, falls sie jemals wieder zur Polizei gehen sollte.

Wir wahrten den Schein

Von diesem Tag an änderte sich einiges bei uns daheim. Meine Mutter richtete meinem Vater jeden Tag sein Abendessen an und bereitete seinen Lieblingsnachtisch vor. Sie hoffte wohl, dass er sie besser behandeln würde, wenn sie ihn zufrieden stellte.

Mein kleiner Bruder und ich warteten oft hinter der Türe auf unseren Vater und wenn er nach Hause kam, öffneten wir ihm die Türe und umarmten ihn zur Begrüßung. Er sagte mir immer, dass er mich lieb hätte und ich musste es erwidern.

Mein Familienleben ähnelte immer mehr einer Fernsehshow.

Tatsächlich hat mein Vater meine Mama eine ganze Weile lang in Ruhe gelassen. Er wurde zumindest nicht mehr grob, ausgerastet ist er dennoch regelmäßig. Und er wurde zunehmend besitzergreifend. Er kontrollierte sie regelrecht.

Seine Launen waren unberechenbar und extrem. Meine Mama, die eigentlich ein sehr geselliger Mensch war, wurde somit in die Isolation gezwungen.

Mehr zum Thema: Frau wird von ihrem Freund bedroht – ein Tierarztbesuch rettet sie

Mein Vater suchte wegen jeder Kleinigkeit Streit. Das führte dazu, dass meine drei Brüder und ich uns große Sorgen um unsere Mutter machten und das Gefühl hatten, auf sie aufpassen zu müssen.

Die angespannte Situation zu Hause wirkte sich auch auf mich aus: Meine Noten in der Schule wurden immer schlechter – früher war ich eine der Klassenbesten, nun fiel ich durch sämtliche Prüfungen durch.

Kein Entkommen mehr

Die Wirtschaftskrise von 2008 traf uns hart. Wir verloren unser Haus und zogen in den Computershop meines Vaters. Meine Brüder und mein Vater schliefen auf Matratzen auf dem Fußboden, während meine Mama und ich uns die Abstellkammer teilten.

Mein Vater beteuerte, dass das nur eine vorübergehende Lösung sei. Letzten Endes lebten allerdings wir fünf Jahre lang dort.

Das bedeutete auch, dass wir meinem Vater selbst tagsüber nicht mehr entfliehen konnten. Wir lebten ja dort, wo er arbeitete. Es war absurd zu sehen, wie geduldig und großzügig, sogar freundlich er mit seinen Kunden umging – und wie grob und gefühlskalt mit uns. Es war, als hätte er eine gespaltene Persönlichkeit.

Wir waren froh, wenn ein Kunde kam, denn dann konnten wir uns wenigstens einen Moment lang von seiner Tyrannei erholen. Seine Stimmungsschwankungen waren beängstigend. Es schien unmöglich, ihn zufrieden zu stellen.

Wir haben ein falsches Bild von häuslicher Gewalt

Wie sagst du jemandem, dass du Angst um deine Mutter hast, wenn es keine körperlichen Anzeichen dafür gibt, dass sie missbraucht wird?

Ich begriff damals noch nicht, dass es nicht nur eine Form von Gewalt gibt. Psychische Gewalt ist genauso schlimm, denn sie verfolgt dasselbe Ziel wie körperliche Gewalt: die völlige Kontrolle über das Opfer. Es geht in erster Linie um ein Machtgefälle.

Mein Vater musste meine Mutter nicht schlagen, damit ich um ihre Sicherheit fürchte.

Tatsächlich kam es selten vor, dass mein Vater handgreiflich wurde. Ich kann die Situationen an einer Hand abzählen.

Viele Menschen glauben, dass man häusliche Gewalt ganz einfach erkennen kann. Dass die Täter andauernd gewalttätig sind und ihre Partner wegen einer Lapalie zusammenschlagen. Aber oft ist das nicht der Fall.

In etwa ein Drittel der Fälle, in denen häusliche Gewalt tödlich oder beinahe tödlich endet, war der (versuchte) Mord oder Totschlag die erste Einwirkung von körperlicher Gewalt, die das Opfer durch den Partner erfahren hat. Das haben Studien gezeigt.

Auch wenn mir damals nicht bewusst war, dass psychische Gewalt einmal in einem Mord enden würde: Ich wollte meine Mutter vor meinem Vater retten. Ich versuchte, sie dazu zu bringen, ihn zu verlassen.

Innerhalb eines Tages wurde ich zur Vollwaise

Die Erinnerung an den Tod meiner Mutter lässt mich nicht los. Der Moment, in dem mein Vater aufhörte, zu schießen und sich ungerührt von ihrem leblosen Körper entfernte, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Ich habe mich oft gefragt, ob er nur aufgehört hat zu schießen, weil ihm die Kugeln ausgegangen waren, oder weil er genug hatte.

Mehr zum Thema: Betreiber von Frauenhäusern schlagen Alarm: Wir müssen tausende Frauen in Not abweisen

Ich floh aus der Gasse, ohne zu wissen, wohin ich rannte. Ich rannte auf die Straße und hielt zwei Autos an. Ich konnte mich nicht artikulieren. Eine Frau versuchte mich zu beruhigen.

Die Polizei kam und brachte mich zurück zum Geschäft meines Vaters. Der Krankenwagen kam, um den leblosen Körper meiner Mutter abzuholen – und den meines Vaters.

Die Polizisten, die mich später befragten, erzählten mir, dass mein Vater von einem Beamten tödlich verwundet worden sei, nachdem er seine Waffe auf die Polizisten gerichtet hatte.

Ich war noch nie in meinem Leben so sauer. Ich wollte, dass er lebt, damit ich meinen Hass auf ihn projizieren konnte.

Ich konnte nicht mit der Situation umgehen. Ich brach mein Studium ab, verlor meinen Job und zog von einem Ort zum nächsten. Ich nahm Medikamente, ich begab mich in Therapie und wurde dennoch schrecklich depressiv.

Manchmal vergingen Tage, ohne dass ich etwas aß oder trank.  

Meine Brüder und ich entfremdeten uns nach dem Tod unserer Eltern. Wir gingen alle auf unsere eigene Art mit unserer Trauer um. Wir haben niemals über das, was passiert ist, gesprochen.

Die Trauer übermannte mich zeitweise. Ich versuchte, mit Gott zu verhandeln, damit er meine Mutter zurückbringt. Nachts suchte ich die Stelle auf, an der sie gestorben war und spielte die Szene vor meinem inneren Auge ab. 

Manchmal war ich völlig wirr vor Trauer. Ich fuhr durch die Nacht auf der Suche nach Mama. Ich war der Überzeugung, dass ich sie finden würde, wenn ich nur lange genug suchte. 

Die Reaktionen meines Umfelds haben mich entsetzt

In den ersten Jahren nach Mamas Tod konnte ich nicht darüber sprechen, was geschehen war. Ich fürchtete, dass die Leute mich immer damit in Verbindung bringen und mich deshalb anders behandeln würden.

► Die erste Person, der ich vom Mord an meiner Mutter erzählt habe, nannte es einen “Mord im Affekt”. Mein Vater habe meine Mutter nur getötet, weil er sie geliebt habe.

► Der nächste Mensch, mit dem ich darüber sprach, wollte wissen, ob mein Vater betrunken gewesen sei.

► Andere wollten, dass ich jedes kleinste Detail der Tat beschreibe und rätselten über das Motiv meines Vaters.

► Es gab sogar Menschen, die sich fragten, was meine Mutter wohl getan habe, um meinen Vater so wütend zu machen.

Diese Reaktionen vermittelten mir, dass es besser sei, zu schweigen.

Mehr zum Thema: Frau wird von ihrem Freund bedroht – ein Tierarztbesuch rettet sie

Bis ich erkannte, dass Schweigen niemandem hilft. Und ich wollte nichts mehr, als andere Menschen vor demselben Schicksal zu bewahren.

Es ist nicht leicht, über derart schlimme Erfahrungen zu sprechen. Frauen, denen Ähnliches passiert ist, können sich jederzeit und kostenfrei an das Hilfetelefon des Familienministeriums unter 08000 116 016 wenden. Auf der Webseite der Behörde gibt es zudem ein umfassendes Informationsangebot für Betroffene und ihre Angehörigen.

Ich will andere vor diesem Schicksal bewahren

Mama hat mich stets inspiriert – und sie tut es noch immer. Ihr Tod hat mich dazu gebracht, mich für Opfer häuslicher Gewalt einzusetzen: Ich arbeite ehrenamtlich in zwei Heimen für Gewaltopfer und berate Betroffene.

Ich will anderen Menschen dabei helfen, psychische Gewalt zu erkennen und ihnen klar machen, dass sie nicht weniger gefährlich ist als körperliche Gewalt. Meine Familie hätte eine solche Beratung gebraucht.

Ich hoffe, dass ich durch mein Engagement eine andere Familie davor bewahren kann, dasselbe Schicksal zu erleiden.

Meine Mutter gab mir den Namen Nour ― er ist arabisch und bedeutet “Licht”: Ich vermisse sie schrecklich. Dieses Licht, die Liebe, die sie mir geschenkt hat, werde ich weitertragen, es gibt mir Kraft und dafür werde ich ihr immer dankbar sein.

Dieser Blog erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.

(ak)