WIRTSCHAFT
26/07/2018 21:09 CEST | Aktualisiert 26/07/2018 21:09 CEST

Hat Trump die EU über den Tisch gezogen? 3 Experten antworten

"Mich wundert, warum das Ergebnis jetzt als Erfolg gefeiert wird."

Joshua Roberts / Reuters

Es gibt einen Deal.

US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker haben sich am Mittwoch auf Maßnahmen geeinigt, den drohenden Handelskrieg zu entschärfen.

Details wurden bislang nicht bekannt gegeben. Nur so viel: 

► USA und EU wollen nun Gespräche über die Abschaffung von Zöllen auf Industriegüter beginnen. Mögliche hohe US-Zölle auf Autos sind nach Auffassung der EU vorerst vom Tisch.

► Im Gegenzug sagte Juncker zu, dass die EU den Import von Flüssiggas aus den USA erleichtern wolle und mehr Soja aus den USA einführen werde.

Wir haben 3 Experten gefragt, wie dieses Ergebnis zu bewerten ist.

Carsten Brzeski, Chef-Volkswirt bei der ING-Diba

ING DIBA

“Getreu dem Motto, was schert mich mein Geschwätz von gestern, präsentiert Trump sich jetzt als großer Freihandelsanhänger. Die Aussagen nach dem Treffen sind daher auch mit viel Vorsicht zu geniessen.

Sie passen in die Serie letztere “großartiger“ Treffen Trumps mit Putin und Kim, die mit viel positiver Musik begleitet wurden, bei denen aber - bisher - wenig bis rein gar nichts Greifbares herausgekommen ist.

Wenn man die Aussagen nach dem Treffen ernst nimmt, sollte es an den Märkten, in der Konjunktur, Erleichterung und Entspannung geben. Das alleine sollte reichen für einen positiven Konjunkturschub.

Ob wir letztendlich wirklich Schritte zum Zollabbau und nicht zum Aufbau bekommen, ist dann fast schon sekundär. Natürlich wäre es zu begrüßen, aber sicherlich nach den Erfahrungen der letzten Wochen gilt: Erst sehen, dann glauben.

► Bleibt die Annäherung erfolglos, dann sind wir in ein paar Tagen, Wochen, Monaten wieder zurück in der jetzigen Situation: einer Situation mit steigender Unsicherheit und vielen Spekulationen über einen möglichen eskalierenden Handelskrieg. Gift für den Aufschwung.”

Claudia Schmucker, DGAP Leiterin Globalisierung und Weltwirtschaft

“Mich wundert, warum das Ergebnis jetzt als Erfolg gefeiert wird. Man freut sich offenbar allein schon darüber, dass es nicht zur Eskalation kam wie meistens. Die Erwartung sind mittlerweile schon so niedrig.

Es war schon im Vorfeld innerhalb der EU klar, dass Deutschland alles tun wird, um Autozölle zu verhindern. Deshalb war ein Zukommen auf Trump zu erwarten.

► Der Teufel liegt allerdings im Detail. Noch hat die Kommission kein Mandat. Und im Rahmen von TTIP haben wir auch gemerkt, dass es selbst schwierig sein kann, Zölle abzubauen.

Trump ist auch nicht der EU entgegengekommen. Der interne Druck gegen die Automobilzölle wurde einfach zu hoch. Die gesamte amerikanische Automobilindustrie hat sich dagegen ausgesprochen. Auch der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer war nicht überzeugt. Der Kongress schon gar nicht. Somit hat er nach einem Ausweg gesucht

► Klar ist: Eine Abschaffung von Zöllen würde beiden Seiten helfen. Die USA und die EU gehören zu den Märkten, die am offensten sind auf der Welt. Es geht ja auch zunächst nur um die Industrie und nicht etwa um die sehr sensible Landwirtschaft.

Die Waren beider Seiten sind wettbewerbsfähig, Zölle hin oder her. Die Zölle sind Verhandlungsmaße und nicht existentiell für die Industrie.”

Lawrence Mishel, Handelsexperte beim Washingtoner Economic Policy Institute

Scott J. Ferrell via Getty Images

“Es war eine überraschende Ankündigung (Trump liebt das), aber es ist kein Durchbruch. Es wurde noch nichts vereinbart. Sie haben sich nur darauf geeinigt, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Die Ankündigung war Kosmetik, die den innerpolitischen Bedürfnissen von Trump und Juncker dient. 

Es lässt sich nur schwer sagen, ob die getroffenen Vereinbarungen implementiert werden. Trump liebt es, Nachrichten zu schaffen. Aber oft ist die Pressemitteilung nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurde. 

► Es gibt keinen eindeutigen Gewinner. Das hängt von den Ergebnissen der Folgeverhandlungen ab. Juncker bekam das Versprechen, die Gespräche über die Stahl- und Aluminiumzölle wieder eröffnet werden. Und Trump verzichtete vorerst auf Zusatzzölle für Autos. 

Aber die Untersuchung (ob ausländische Handelsüberschüsse im Automobilsektor die nationale Sicherheit der USA gefährden, Anm.) geht weiter. Und es gab keine Verpflichtung in der Erklärung, EU-Autos und Autoteile von Zusatzzöllen zu befreien. Sie könnten immer noch mit 25-Prozent-Zöllen getroffen werden, wenn Trump hart gegen den Automobilsektor vorgeht. 

Auch die Versprechen der EU werden wenig dazu beitragen, das US-Handelsdefizit mit der EU zu reduzieren (2017 waren das 132 Milliarden US-Dollar). Es ist unwahrscheinlich, dass die EU die verlorenen Sojabohnenexporte nach China ersetzen wird, da wir im vergangenen Jahr zehnmal mehr Bohnen nach China exportiert haben wie in die EU. 

Das Kernproblem: Trumps Zöllen und Handelsabkommen sind nicht mehr als die Suche nach einer Strategie. Es gibt keinen Plan, das Handelsdefizit zu beseitigen.