POLITIK
10/12/2018 17:33 CET

Hass und Gewalt gegen Juden: Europaweite Umfrage zeichnet beängstigendes Bild

Auf den Punkt.

dpa
Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn steht am Eingang der Stuttgarter Synagoge.

Es sind Sätze, die Furcht einflößen. Sie stammen von Jüdinnen und Juden, die in Europa leben:

► “Die Menschen haben aufgehört, sich schämen, dass sie heutzutage Rassisten und Antisemiten sind. Und das tut mir weh.” (Polen)

► “Ich habe wirklich Angst um die Sicherheit meines Kindes, das eine jüdische Schule besucht. Jeden Tag frage ich mich, ob ich ich ihn auf eine andere Schule schicken soll.” (Belgien)

► “Meine größte Sorgen sind die ‘alternativen’ Medien (...). Dort werden rassistische und antisemitische Beleidigungen sowie krude, absurde, oft antisemitische, Verschwörungstheorien verbreitet.” (Deutschland)

Die Zitate stammen aus einer am Montag veröffentlichten Studie, bei der die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) europaweit mehr als 16.000 Jüdinnen und Juden befragte. Die Ergebnisse der weltweit größten Umfrage zeigen, dass sich ihre Situation deutlich verschlechtert hat.

“Es ist erschütternd festzustellen, dass Antisemitismus in der EU Jahrzehnte nach dem Holocaust weiter zunimmt”, erklärt FRA-Direktor Michael O’Flaherty. Er forderte die Mitgliedstaaten zum Handeln auf. “Jüdinnen und Juden haben das Recht, frei, ohne Hass und ohne Angst um ihre Sicherheit zu leben.“ 

Die Ergebnisse der Umfrage – auf den Punkt gebracht.

Wie weit verbreitet Antisemitismus in Europa ist:

Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in der Europäischen Union hat laut einer Studie das Gefühl, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen hat.

Rund 90 Prozent der Befragten aus zwölf Ländern sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Ebenfalls rund 90 Prozent halten antisemitische Äußerungen insbesondere im Internet für ein Problem, und 70 Prozent erfahren Antisemitismus im öffentlichen Raum, in den Medien und in der Politik. 45 Prozent bezeichneten Antisemitismus als ein “sehr großes Problem”. 

Zu den gerade im Internet verbreiteten antisemitischen Vorurteilen zählen laut der FRA-Studie Aussagen wie “Israelis benehmen sich wie Nazis gegenüber den Palästinensern”, “Juden haben zu viel Macht” und “Juden nutzen die Opferrolle im Holocaust für ihre eigenen Zwecke aus”.

“Die Ergebnisse zeigen, dass Antisemitismus in der Öffentlichkeit präsent ist, dabei werden negative Klischees wiederholt und eingeprägt”, heißt es in der Studie.

► Wo es besonders schlimm ist: Frankreich – 65 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden bezeichneten Antisemitismus als ein “sehr großes Problem”. 

► Wie schlimm es in Deutschland ist: 43 Prozent der Befragten bezeichneten Antisemitismus als ein “sehr großes Problem”. 

Woher der Hass gegen Juden kommt:

Auffällig ist – wie schon andere Studien gezeigt haben – dass Antisemitismus keine alleinige Einstellung des rechten Rands ist.

Zu den häufigen Täter-Gruppen zählten Menschen mit extrem muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der eher linken Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und Personen mit eher rechtsextremen Ansichten (13 Prozent). 

► Wo es besonders schlimm ist: Polen – 32 Prozent der Befragten gaben an, dass sie persönlich mitbekommen haben, wie andere Juden innerhalb der vergangenen zwölf Monaten verbal oder physisch attackiert wurden.

► Wie schlimm es in Deutschland ist: In Deutschland nahmen 20 Prozent der Befragten antijüdische Attacken war.

Hass und Gewalt gegen Juden in Europa: 

40 Prozent der Befragten machen sich laut Studie Sorgen, dass sie in den nächsten Monaten Opfer eines gewalttätigen Angriffs aufgrund ihrer Religion werden könnten. Tatsächlich passiert ist das in den vergangenen zwölf Monaten laut der Studie nur zwei Prozent der Befragten.

Fast jeder Dritte ist darüber hinaus belästigt oder beleidigt worden, wobei diejenigen am stärksten betroffen waren, die als jüdisch zu erkennen sind. Aus der Erhebung geht hervor, dass die Schauplätze für Antisemitismus vor allem das Internet und die Sozialen Medien sind.

► Wo es besonders schlimm ist: Deutschland – 41 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres antisemitisch bedroht worden zu sein. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre wurden sogar 52 Prozent der Befragten Opfer von antisemitischen Drohungen. 

Wie die einzelnen Länder mit Antisemitismus begegnen:

Viele Juden melden die Schikane gar nicht der Polizei, wie die FRA-Studie zeigt. “Antisemitismus scheint in der Gesellschaft so tief verwurzelt zu sein, dass regelmäßige Belästigungen für die Befragten zum Alltag geworden sind”, heißt es in einer Mitteilung der FRA. 80 Prozent derer, die solche Erlebnisse hatten, seien weder zur Polizei noch zu sonstigen Organisationen gegangen.

Grund dafür sei oft der fehlende Glaube, dass sich durch eine Anzeige etwas ändern würde. Viele fanden die Bedrohung oder Belästigung laut Organisation auch nicht ernsthaft genug, um sie zu melden.

Diese Erkenntnisse ähneln stark denen aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Agentur über Schwarze in Europa. Auch in dieser Gruppe melden demnach die wenigsten Opfer von Diskriminierungen die Vorfälle – unter anderem, weil sie der Polizei nicht vertrauen oder Angst vor ihr haben.

► Wo es besonders schlimm ist: Polen – Nur 7 Prozent der Befragten erklärten, dass die polnische Regierung Antisemitismus effektiv bekämpft. 

► Wie schlimm es in Deutschland ist: In Deutschland gaben 22 Prozent der Befragten an, dass der Kampf Bundesregierung gegen Antisemitismus effektiv ist.

Wie die Umfrage erstellt wurde:

Die Ergebnisse der EU-Agentur für Grundrechte basieren auf einer Online-Umfrage, die zwischen Mai und Juni 2018 in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Lettland, den Niederlanden, Österreich, Polen, Schweden, Spanien und Ungarn durchgeführt wurde.

In diesen Staaten leben laut FRA mehr als 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der EU. Die Antworten aus Lettland konnten aufgrund zu weniger Teilnehmer und Problemen bei der Vergleichbarkeit nicht berücksichtigt werden.

Die Umfrage richtete sich an Menschen, die sich selbst auf Grundlage ihrer Religion, Kultur oder aus anderen Gründen als jüdisch einstufen würden. Das Mindestalter lag bei 16 Jahren. 

Hass und Gewalt gegen Juden – auf den Punkt gebracht:

Bereits Ende November hatte eine Umfrage offenbart, wie weit Antisemitismus und Unwissen über den Holocaust in Europa verbreitet sind.

Die nun veröffentlichte Auswertung der Antworten von tausenden Jüdinnen und Juden zeigt, wie massiv und nahe alltäglich die Folgen für sie sind. Angesichts der Grauen der Vergangenheit sollten die Ergebnisse nicht nur eine Mahnung sein, sondern auch zu vermehrten Maßnahmen gegen Antisemitismus.   

Mit Material von dpa.