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04/11/2018 11:29 CET | Aktualisiert 04/11/2018 11:29 CET

Hass zerstört das Internet, aber diese 5 Ideen könnten das stoppen

Sie sollen das Gift im Netz eindämmen.

Illustration: Tobias Kaiser

Ein digitaler Sturm der Entrüstung entlud sich über die Berliner Staatssekretärin. Sawsan Chebli hatte es “gewagt”, auf einem Foto eine teure Uhr zu tragen – und das als Mitglied der Arbeiterpartei SPD. 

Der absurde Vorwurf reizte Nutzer in den Sozialen Medien dazu, die Politikerin tagelang zu adressieren:

So etwas wie Dankbarkeit darf man von dieser dummdreisten, arroganten, ja größenwahnsinnigen Zicke natürlich nicht erwarten. – Ein Nutzer auf Facebook
Mit Dir will ich keinen Dialog. Du bist ein Schlag in die Fresse für alle guten Migranten. – Eine Nutzerin auf Twitter

Ein typischer “Shitstorm” eben. Dass das Uhren-Foto mehrere Jahre alt war, Kleidung Privatsache ist oder was andere Politiker so am Handgelenk tragen – das alles spielte für die Angreifer keine Rolle.

Gegenüber der “Bild”-Zeitung klagte Sawsan Chebli: “Hunderte, manchmal waren es sogar Tausende Hassbotschaften unter einem Post. Und zwar unabhängig vom Inhalt. Egal, was ich gepostet habe, es wurde mit Hass und Hetze reagiert.” 

Die Konsequenz: Die Politikerin legte ihr Facebook-Konto vorerst auf Eis.

Shitstorm

Ein Internetphänomen, bei dem negative Emotionen in den Sozialen Medien hochkochen und sich lawinenartig über eine Person oder Organisation entladen. Betroffene werden davon überfordert und an ihrer normalen digitalen Kommunikation gehindert.

Ein Einzelfall ist das nicht. Das Internet dient – wie jeder Nutzer längst weiß – nicht nur der Verbreitung niedlicher Katzenbilder, sondern auch von digitalem Gift in Form von Wut, Hass und Häme. Und das wird tagtäglich ungehemmt in Kommentarspalten und in den Sozialen Medien verspritzt.

Diese 5 Ideen sollen das Gift im Netz eindämmen – doch nur 3 davon haben wirklich gute Chancen.

Illustration: Tobias Kaiser

Idee 1 – Ein Gesetz gegen Hass: das NetzDG

Können wir nicht ein Gesetz gegen digitalen Hass erlassen? So naiv ist die Frage nicht, tatsächlich gilt seit dem 1. Januar 2018 in Deutschland das “Netzwerkdurchsetzungsgesetz” (kurz NetzDG) in vollem Umfang. 

Es zwingt Soziale Netzwerke, rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu löschen.Plattformbetreibern, die dies wiederholt und systematisch versäumen, drohen Geldstrafen in Millionenhöhe.

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Die Bilanz nach fast einem Jahr fällt aber ernüchternd aus. Noch immer toben auf Facebook giftige Posts, wie Sawsan Cheblis Fall zeigt. Stattdessen hat das NetzDG dieselben grundsätzlichen Probleme, die alle Gesetze haben, die unerwünschte Äußerungen verbieten sollen:

► Willkür: Die großen Sozialen Netzwerke löschen etwa 1/3 aller gemeldeten Beiträge. Nach Recherchen des Medienmagazins ZAPP bleiben aber viele rechtswidrige Posts trotz Beschwerde einfach stehen. Die Begründungen, die die Netzwerke dafür vorbringen, sind selbst für Medienanwälte nicht nachvollziehbar. Die schiere Masse der täglich gemeldeten Posts scheint die Kontrolleure bei Facebook und Co. zu überfordern, die jeden solchen Post einzeln checken müssen.

► Overblocking: Die hohen Strafen, die durch das NetzDG drohen, verleiten die Netzwerke dazu, auch harmlose Nachrichten zu sperren; zum Beispiel einen Twitter-Post des Satiremagazins Titanic. Das bedrohe die Meinungsfreiheit, warnen Netzverbände und Reporter ohne Grenzen: Denn Facebook und Co. entscheiden dann als Privatunternehmen über Recht und Unrecht; dabei sollte diese Verantwortung nur in den Händen von Richtern liegen.

Quelle: twitter – @titanic copyright
Der gelöschte Twitter-Post vom Satiremagazin Titanic.

Dazu greift das NetzDG nur bei “offenkundig rechtswidrigen” Inhalten wie Volksverhetzung. Eine Lösung gegen den alltäglichen Hass im Netz ist es also nicht.

Dieser Ansicht ist auch Jörg Müller-Lietzkow. Er lehrt Medienökonomie und Medienmanagement in Paderborn und ist Co-Sprecher und Mitbegründer des Vereins für Netzpolitik #cnetz:

Das Giftige sind ja nicht nur direkte, meist plumpe Beleidigungen wie ›‘Du dummer Idiot.’ Das sind einfach Beleidigungen die wenig nachhaltig wirken. Giftig ist es, wenn versucht wird, Realitäten vor dem Hintergrund nichtexistierender Fakten zu verdrehen und damit entsprechende Diskussionen zu forcieren. – Jörg Müller-Lietzkow, Professor für Medienökonomie und Medienmanagement

Damit lässt sich der Hass auch gar nicht staatlich kontrollieren, ohne die freie Meinungsäußerung zu gefährden. Müller-Lietzkow sagt:

Wir haben ja nicht ohne Grund mit unserem Grundgesetz einen klaren Rahmen, der unsere Meinungsfreiheit erhält. Denn natürlich wäre es technisch möglich, effektiv Hasskommentare in einem mehrstufigen Verfahren herauszufiltern – partiell passiert dies ja auch bei klaren Gesetzesverstößen in den sozialen Netzwerken.

Doch wenn Politik entscheidet, was gesagt und was nicht gesagt werden darf, dann haben wir ein Rechts- und Ethikproblem. Dann sind wir bei Zensurverhältnissen die der freiheitlich-demokratischen Grundordnung fundamental widersprechen.

Das Dilemma bleibt: Menschen können die Fülle giftiger Kommentare im Netz nicht überprüfen, Künstliche Intelligenz wiederum kann die Gratwanderung zwischen Hassrede und freier Meinung nicht stemmen.

Wenn aber Gesetze wie das NetzDG nicht greifen, was kann ein Staat sonst gegen das digitale Gift tun?

Idee 2 – Steuer auf Soziale Medien: Uganda macht’s

“Größenwahnsinnige Zicke!” ist heute als Post schnell abgesetzt. Denn was sie da ins Smartphone tippen, darüber machen sich viele Nutzer einfach keine Gedanken – Soziale Medien sind schließlich kostenlos und immer verfügbar.

Könnte man da nicht mit einer Social-Media-Steuer dafür sorgen, dass Menschen bei jedem einzelnen Post einen Moment länger darüber nachdenken, ob er ihnen das wert ist?

In Uganda ist diese Idee seit Juli 2018 Realität.

Präsident Yoweri Museveni führte eine Steuer auf Soziale Medien ein, um das Land einerseits am Profit der US-Unternehmen zu beteiligen und um andererseits gegen “Lügen, Boshaftigkeit, Vorurteile und Beleidigungen” im Netz vorzugehen. Das verkündete er (ganz ohne Ironie) über Soziale Medien.

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Heute kostet jeder Tag auf Facebook, Twitter und Co. im Land umgerechnet rund 4 Eurocent, die automatisch vom Telefonguthaben abgezogen werden. Das eingenommene Geld will der Staat in den Ausbau der Breitbandnetze stecken.

Doch das macht Ugandas Bürger nur noch wütender – und das aus gutem Grund. Denn sie sind vergleichsweise arm und können sich Soziale Medien einfach nicht an 365 Tagen (immerhin 16 Euro) leisten.

Aufgebrachte Nutzer sammeln seitdem Unterschriften für Petitionen, erste Tech-Unternehmen reichten Klage ein.

Ob sich die neue Steuer in Uganda halten wird, ist fraglich. Doch selbst wenn, ist sie alles andere als eine gute Lösung: Soziale Medien sind nämlich auch der Kanal, über den sich in Uganda die vom Präsidenten hart angegangene Opposition und andere Kritiker organisieren. 

So entpuppt sich die Steuer eben auch als repressives Machtinstrument eines Regierungsapparates.

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Lösung 3 – Nur zum Thema beitragen: Quizfragen aus Norwegen

Eines ist klar: Viele Nutzer haben kaum fundiertes Wissen über die Wirkung ihrer Aussagen, die sie online lautstark kundtun. Vor allem in den Kommentarspalten von Online-Zeitungen geht es nur selten um den eigentlichen Beitrag – stattdessen überschütten Kommentatoren sie mit themenfremdem digitalen Gift und steigern sich regelmäßig in Beleidigungsschlachten, sogenannte “Flamewars”, hinein.

Das brachte das Technologie-Portal von Norwegens staatlicher Rundfunkgesellschaft (NRKBeta) auf eine einfache Idee: Leser müssen in einem einfachen Quiz Fragen zum Artikel beantworten, um kommentieren zu dürfen.

Der Testlauf im Jahr 2017 war ein Erfolg: Hass und Wut verschwanden, die Kommentare wurden auch bei Reizthemen konstruktiver und Leser verlinkten einander sogar Bücher zu gut begründeten Argumenten. 

Doch die Auswertung des Experiments brachte Schwächen zutage: So schafften es 72 Prozent der Nutzer nicht, die richtigen Antworten zu finden. Andere Nutzer hielten das Quiz für einen inhaltlichen Test und ignorierten es sowie den dahinterliegenden Kommentarbereich ganz.

Illustration: Tobias Kaiser

Deshalb setzt NRKBeta das Quiz heute nur noch gezielt bei Reizthemen ein. Doch auch wenn eine solche Schranke die Kommentarspalten eines Online-Portals durch ein kurzes Innehalten friedlicher macht, hilft das nicht, wenn Hass und Häme sich in Sozialen Medien wie Facebook und Co. sammeln.

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Lösung 4 – Gegenhalten: So funktioniert Counterspeech

Wenn es kein gutes technisches System gegen Hatespeech gibt, müssen wir vielleicht selbst dagegenhalten. Das dachte sich auch Unternehmensberater Hannes Ley, als er #ichbinhier ins Leben rief. 

Auf Facebook macht diese Gruppe darauf aufmerksam, wenn sich im Internet besonders viel digitales Gift ansammelt, und koordiniert zivile Gegenmaßnahmen – “Counterspeech” genannt. Die Mitglieder fragen nach, ordnen mit klaren Worten ein, beruhigen einfühlsam und bleiben freundlich.

ichbinhier steht für konstruktiven Dialog in den Sozialen Medien. Ohne Hass, ohne Hetze, ohne Fake News. – Disclaimer der Facebook-Gruppe

Mit 44.000 Mitgliedern ist das Projekt zu einer digitalen Bürgerbewegung geworden. Gemeinsam zeigen sie auch Opfern und friedlichen Mitlesenden, dass sie nicht allein sind und ein ziviles Miteinander im Netz möglich ist.

Illustration: Tobias Kaiser

Und eine koordinierte Gegenrede gegen Hass wirkt; das zeigt auch der Fall von Sawsan Chebli.

Denn als die Politikerin attackiert wurde, sprangen ihr Politiker aller Fraktionen digital zur Seite:

Das Ergebnis: Der Shitstorm beruhigte sich.

Auch Jörg Müller-Lietzkow hat sich im Fall Chebli per Twitter solidarisiert: “Natürlich ist es wichtig, in so einem Fall Haltung zu zeigen – warum soll die Dame denn ihr Geld nicht so ausgeben, wie sie es möchte?”

“Bleibt der ganze Hohn und Hass unkommentiert stehen, dann fühlen sich diese Hater im Sinne einer stille Zustimmung bestätigt und die Aggression schaukelt sich womöglich noch weiter auf. Und, da dann auch Ebenen vermengt und verwechselt werden, zusammenhanglose Zusatzkommentierungen erfolgen, entsteht ein kruder, aber eben schädlicher Unsinn.”

Quelle: Jörg Müller-Lietzkow copyright
Jörg Müller-Lietzkow ist Co-Sprecher und Mitbegründer des CDU-nahen Vereins für Netzpolitik 

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Gegenrede ist daher wichtig, aber für die beste Lösung gegen das Gift im Netz hält Müller-Lietzkow das nicht – denn geduldige Gegenrede geht auch immer auf Kosten der Zeit und Aufmerksamkeit der Beteiligten.

Sie können sich einfach, während sie gegen Hass und Häme anschreiben, nicht auch auf eigene Aufgaben und Herausforderungen konzentrieren. So kann ein anhaltender “Shitstorm” menschliche Ressourcen binden, Zeit und Nerven rauben und sogar ökonomischen Schaden verursachen.

In solchen Fällen ist also zu hoffen, dass Gegenrede den Hass schnell abklingen lässt. Wenn da nicht die Medien aufspringen…

Lösung 5 – Einordnen, aufklären, Ruhe bewahren: die Rolle der Medien

Können die Medien einen besseren Job machen, wenn es um das Gift im Netz geht? Das können sie, sagt Jörg Müller-Lietzkow und erklärt genau, was bei Sawsan Cheblis letztem Shitstorm schief lief:

Es ist schon abenteuerlich, dass deutsche Leitmedien auf diese ganze Sache so eingegangen sind und den Privatbesitz einer Uhr diskutieren. Da wurden Professionalitätsstandards der Hintergrundrecherche völlig vernachlässigt und die Medien müssen sich mal fragen: Sind wir noch auf der Seite der Aufklärung – oder skandalisieren wir der Reichweite wegen?

Allein die Nicht-Relevanz des Themas ist schon ein Ausschlusskritierum der Berichterstattung. Stattdessen machen sich aber einige Medien somit zum Resonanzkörper von Hatespeech.

Die Kritik an der Reaktion mancher Medien ist berechtigt. Journalisten müssen entscheiden, was sie aus den Tiefen des Netzes zum Thema machen, welche Hashtags und Begriffe sie weiterreichen und möglicherweise damit verstärken. Denn flüchtige Phänomene wie Shitstorms erhalten auch dadurch gesellschaftliche Relevanz, dass – und wie – darüber berichtet wird.

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Böse gefragt: Gab es in der Woche der Cum-Ex-Papiere und eines in Istanbul getöteten Journalisten nicht viel Relevanteres und Diskussionswürdigeres als etwas Wut über das Handgelenk einer Berliner Staatssekretärin?

Noch komplizierter wird es für die Medien, weil manches digitale Gift von politischen Akteuren gezielt destilliert wird. Nicht umsonst tauchen “sorgfältig geplante Provokationen” und “Eskalation der Konflikte” als Stichworte im geleakten AfD-Strategiepapier zur letzten Bundestagswahl auf.

Don’t feed the troll! – Internetsprichwort zum Umgang mit Nutzern, die Unruhe verbreiten wollen

Auch Jörg Müller-Lietzkow weiß: “Die eine gute, einfache Lösung gegen Hass im Netz gibt es nicht. Das ist einfach schwierig und da kommt unser freiheitliches System manchmal auch an seine Schmerzgrenze.”

Wenn aber klare und sachliche Gegenrede, Solidarität, guter Journalismus und wachsende Medienmündigkeit zusammenkommen, hat der digitale Hass weniger Chancen – ohne dass wir unser Recht auf freie Meinungsäußerung aufgeben müssen.

Dieser Text erschien zuerst bei Perspective Daily

(amr/ujo)