POLITIK
10/06/2018 14:11 CEST | Aktualisiert 10/06/2018 15:04 CEST

Harvard-Historiker: "Merkel hätte schon lange zurücktreten müssen"

"Sie könnte als die Regierungschefin in die Geschichte eingehen, die Europa auf dem Gewissen hat."

  • Ein britischer Historiker hat in einem Interview ein hartes Urteil über Kanzlerin Angela Merkel gefällt.
  • Er empfiehlt ihr, sofort zurückzutreten.
  • Im Video oben seht ihr, weshalb er Merkel empfiehlt, ihr Amt niederzulegen.

Als die Kanzlerin zuletzt mit der Forderung nach ihrem Rücktritt konfrontiert wurde, reagierte sie gelassen. Die politischen Richtungsentscheidungen seit 2015 seien wichtig gewesen, sagte Angela Merkel (CDU) in dieser Woche im Bundestag.

Ein AfD-Abgeordneter hatte sie gefragt, wann sie endlich zurücktrete. Die Forderung ist nicht neu – und findet sich auch nicht ausschließlich bei den Rechtspopulisten.

In einem Interview mit der “Welt am Sonntag” geht der britische Historiker Niall Ferguson mit der Kanzlerin hart ins Gericht – und empfiehlt ihr: “Treten Sie umgehend zurück.” 

Er fügt hinzu: “Das hätte Merkel schon viel früher tun müssen.” Der Brite wirft der deutschen Bundeskanzlerin drei schwere Fehlentscheidungen vor.

Wer Niall Ferguson ist:

Ferguson lehrt Geschichte an der Standford University in Kalifornien, zuvor war er in Oxford und auch in Harvard tätig. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit der Wirtschafts- und Finanzgeschichte, aber auch mit dem Internet und seinen Folgen für die Demokratie. 

Politisch ist der 54-jährige Ferguson deutlich konservativ eingestellt. Das zeigt die Ausrichtung seiner Schriften, aber auch frühere Interviews. Bereits 2016 bezeichnete er etwa die deutsche Politik der offenen Grenzen als einen Fehler. 

Auch seine aktuelle Analyse von Merkels Kanzlerschaft und dem Zustand der Europäischen Union fällt daher – wenig überraschend – äußerst pessimistisch aus. 

Diese drei Fehler wirft der Historiker Merkel vor: 

“Merkel hat in den vergangenen zehn Jahren drei folgenschwere Fehlentscheidungen getroffen”, sagt Ferguson der “WamS”. “In Summe würde ich behaupten, dass keine Einzelperson auf dem Kontinent so sehr für den bedenklichen Zustand der EU verantwortlich ist wie sie.”

Die drei Fehler sind für ihn:

1. Ihr Management der Finanzkrise: Merkel sei dafür verantwortlich, “dass Europa viel zu spät auf die Finanzkrise reagiert und die Banken zu spät rekapitalisiert hat”. Daher habe die Finanzkrise in der Eurozone länger gedauert als etwa in den USA.

2. Ihre fehlende Antwort auf den Arabischen Frühling: Als in den arabischen Ländern 2011 und danach die Menschen auf die Straße gingen, habe Europa keine Antwort geboten. “Dieses Versagen hat die Flüchtlingskrise erst möglich gemacht”, glaubt Ferguson.

3. Die sogenannte Grenzöffnung: Ferguson hält die Entscheidung der Kanzlerin für falsch, als sie Tausenden Flüchtlingen, die am Budapester Bahnhof gestrandet waren, im Herbst 2015 die Einreise nach Deutschland erlaubte.

“Wissen Sie, was mir die Leute in Großbritannien im Jahr der Brexit-Abstimmung gesagt haben, wenn ich dort im Pub war?”, fragt Ferguson die Journalisten von der “WamS”. Die Antwort: Die Menschen hätten befürchtet, dass Flüchtlinge aus Deutschland nach Großbritannien kommen würden.

Für Historiker Ferguson hat Merkel also auch die Anti-Einwanderungsstimmung in Großbritannien befeuert, die 2016 zum Austritt der Briten beitrug. 

Wie gerechtfertigt seine Kritik ist:

Es ist nicht die erste Totalkritik, der sich Merkel stellen muss. Gerade international blicken viele Medien skeptisch auf die Leistung der deutschen Kanzlerin.

Der britische “Guardian” machte sie etwa maßgeblich für den Ausgang der Italien-Wahl verantwortlich. Dort regieren mit der Lega und Fünf-Sterne-Bewegung nun euroskeptische Populisten. Das “Desaster der Austeritätspolitik in der Eurozone” gehe auf Merkel zurück, kommentierte der “Guardian”, was wiederum die Italiener die Populisten wählen ließ.

Ferguson ist also nicht allein mit seiner Kritik, Merkel für den labilen Zustand Europas derzeit Vorwürfe zu machen.

Unbestritten ist etwa, dass ihre Flüchtlingspolitik zu Streit in der EU führte. Noch immer sperren sich Länder wie Ungarn oder Polen gegen eine Verteilung von Flüchtlingen in Europa nach einer festen Quote.

Auch Reformen der Eurozone wurden zu lange aufgeschoben – eine konkrete Antwort auf die Vorschläge aus Frankreich formulierte Merkel erst am vergangenen Wochenende.

► Ferguson findet daher: “So wie die Dinge jetzt stehen, könnte sie (Merkel, Anm.) als die Regierungschefin in die Geschichte eingehen, die Europa auf dem Gewissen hat.” Merkel habe eine Politik von “Germany first, Europe second” betrieben.

Noch aber läuft der Betrieb in Brüssel, noch ist die EU – trotz aller Unkenrufe – nicht untergegangen. Merkel bleibt also noch eine Chance, Europa aus der derzeit schwierigen Lage zu führen und das Urteil in den Geschichtsbüchern über sie zurechtzurücken.

Sollte Ferguson dieses Buch schreiben, ist allerdings fraglich, ob Merkel dabei gut weg kommt. 

(sk)