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19/12/2017 13:58 CET | Aktualisiert 19/12/2017 21:41 CET

Wenn das Jobcenter Weihnachten stiehlt: Warum kaum ein Hartz-IV-Empfänger ein schönes Fest hat

Viele Familien können sich nicht mal einen Tannenbaum leisten.

An Weihnachten in meiner Kindheit denke ich immer gerne zurück. Ein kleiner Tannenbaum, ein festliches Essen, Geschenke - das gehörte einfach dazu. Heute bin ich erwachsen und weiß: Für viele Menschen ist so etwas purer Luxus.

Im Video oben: Wie Jobcenter in Deutschland Hartz-IV-Empfänger im Stich lassen

Die Wahrheit ist: Kein Hartz-IV-Empfänger kann sich Weihnachten wirklich leisten.

Ich habe über 8 Jahre lang in 5 verschiedenen Jobcentern gearbeitet und dabei zahlreiche Menschen und Familien beraten. Heute berate ich sie noch ehrenamtlich.

Ein Tannenbaum übersteigt das Budget

Meist kommen Familien, in denen die Eltern das Arbeitslosengeld II beziehen, gerade so über die Runden. In ihrem Budget ist nur das Notwendigste zum Leben einberechnet. Im Dezember bekommen Hartz-IV-Empfänger nicht einen Cent mehr als in den anderen Monaten.

Ein Tannenbaum oder ein Festessen übersteigen dann das Budget. An Geschenke für die Kinder ist gar nicht erst zu denken. Diese Ausgaben sind in den derzeitigen Regelsätzen gar nicht mit einberechnet. So freuen sich die Eltern, wenn sie von Sozialeinrichtungen, Freunden, Oma oder Opa, Second Hand kleinere Weihnachtsgeschenke als Spenden erhalten oder über Ebay Günstiges ersteigern können.

Mehr zum Thema: Was sich arme Menschen auf Deutschlands Straßen zu Weihnachten wünschen

Ich kenne viele Eltern, die bereits im Januar für das nächste Weihnachtsfest zu sparen beginnen. Jeden Monat werden dann paar wenige Euro beiseite gelegt.

Einmal, es war Anfang Dezember, kam eine junge Mutter zu mir, die ich in Hartz-IV-Angelegenheiten beriet. Sie sagte zu mir: “Ich esse ganz wenig, damit ich für meine Kinder einen Weihnachtsbaum kaufen kann.”

Wenn ich so etwas höre, wird mir schlecht.

In der ehemaligen Sozialhilfe gab es für solche Fälle einen Weihnachtszuschuss. Es war nicht viel, jede Kommune durfte die Höhe selbst festlegen. 

Im Arbeitslosengeld II ist das nicht vorgesehen. Mit den rund 4,3 Millionen Hartz-IV-Empfängern in Deutschland gehen die Jobcenter im Advent genauso um wie in jedem anderen Monat: Es gibt nicht mehr Geld, Anträge werden auch nicht schneller bearbeitet. Sie lassen sie liegen, auch wenn das Weihnachtsfest für die ein oder andere Familie dann ausfällt.

Kein Recht auf Weihnachten?

In der Sozialpolitik ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere.

Und das obwohl seit Jahren in Deutschland Parteien an der Macht sind, die mit einem “C” im Namen für “christlich” oder einem “S” für “sozial” stehen sollten.

In den Jobcentern ist davon nichts zu spüren. Dass arme Menschen auch ein Weihnachtsfest verdienten, das sahen manche meiner Kollegen nicht ein. Einmal hörte ich jemanden zu einer alleinstehenden Dame sagen: “Warum drängeln Sie so auf Ihr Geld? Sie leben doch allein?”

“Wir brauchen Weihnachtsgeld im Hartz-IV-Satz”

Ganz so, als hätten Menschen die alleine leben, kein Recht auf ein Weihnachtsfest.

Ich habe immer versucht, es anders zu machen als meine Kollegen. Ich bemühte mich, für jeden meiner Klienten alles rechtzeitig fertig zu machen und hatte immer eine Kinderecke in meinem Büro, wo es für die Kleinen Schokolade gab.

Weihnachten ist ein hohes christliches Fest, das zu unserer deutschen Kultur auch ein Stück weit dazu gehört. Kinder lieben Weihnachten. Die, die aus reicheren Familien stammen, fiebern wohl wie ich damals lange darauf hin.

Es ist frustrierend, seinem Kind nichts zu Weihnachten zu schenken 

Nach den Weihnachtsferien erzählen sie, welche Geschenke sie bekommen haben. Wie muss es sich für ein Kind, das kein Geschenk bekommen hat, anfühlen? Seinen Klassenkameraden dabei zuhören zu müssen?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, wie es den Eltern dabei geht. Seinem Kind kein Geschenk ermöglichen zu können, ist frustrierend. Es ist verletzend und löst ein Gefühl des Versagens aus.

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Wie schwer kann es für die Politik sein, armen Familien ein paar wenige Euros Weihnachtsgeld zu Verfügung zu stellen? Es muss nicht viel sein. Die Familien, die ich kennengelernt habe, brauchten nicht viel. Sie waren genügsam und freuten sich auch über Kleinigkeiten.

Unsere Sozialpolitik muss wieder sozialer werden. Wir brauchen Weihnachtsgeld im Hartz-IV-Satz. Denn Weihnachten sollte für jeden sein.

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