WIRTSCHAFT
21/11/2018 08:01 CET | Aktualisiert 21/11/2018 12:13 CET

Hartz IV: Studie räumt mit weit verbreitetem Vorurteil über Eltern auf

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Ralf Geithe via Getty Images
Das Ergebnis einer Studie zu Hartz-IV-Haushalten und anderen Haushalten mit niedrigen Einkommen widerspricht gängigen Vorurteilen. 

► Finanzielle Direkthilfen vom Staat für arme Familien kommen bei den Kindern an. Das Vorurteil, dass ein Plus dieser Hilfen von den Eltern für Alkohol, Tabak oder Unterhaltungselektronik ausgegeben werde, ist demnach in der Regel falsch – so lautet das Urteil einer Studie der Bertelsmann-Stiftung.

► Im Auftrag der Stiftung hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) untersucht, wie sich Kindergeld und das in einigen Bundesländern ausgezahlte Landeserziehungsgeld auf das Ausgabeverhalten von Familien mit niedrigen Einkommen auswirken. Dabei haben die Forscher den Zeitraum von 1984 bis 2016 untersucht.

► So gaben bei einer fiktiven Erhöhung des Kindergeldes um 100 Euro die Familien 14 Euro mehr für die Miete aus, um mehr Wohnfläche zu haben. Ein Anstieg beim Zigarettenkonsum ist seit 2008 nicht mehr nachweisbar. Auch habe die Höhe des Kindergeldes keinen Einfluss auf den Alkoholkonsum.

► Dank höheren Kindergeldes steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in einer Kita betreut werden. Auch steigt der Anteil der Kinder, die an Musikerziehung oder am Turnen teilnehmen. 

Warum die Studie für die Hartz-IV-Debatte wichtig ist: 

Trotz der guten Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren ist Kinderarmut weiterhin ein Problem in Deutschland. Laut einer aktuellen Auswertung des Statistischen Bundesamtes sind 15,4 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren armutsgefährdet, leben also in Familien, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben. 

Dass sich diese Werte trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung nicht verbessert haben, nennt Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, “beschämend”.

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt nun, dass Kindern in armen Familien – Familien mit geringen Einkommen oder mit Hartz-IV-Bezug – mit direkten staatlichen Zahlungen geholfen werden kann. 

Was die Autoren der Studie fordern: 

“Direkte finanzielle Leistungen für Familien sind sinnvoller als aufwendig zu beantragende Sachleistungen. Das Geld kommt den Kindern zu Gute und wird nicht von den Eltern für ihre eigenen Interessen ausgegeben”, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Bei zweckgebundenen Sach- und Geldleistungen wie beim Bildungs- und Teilhabepaket würden laut der Stiftung rund 30 Prozent der Mittel bei der Verwaltung hängen bleiben. 

Die Stiftung fordert beim Kampf gegen Kinderarmut in Deutschland die Ablösung des bisherigen Systems. Mit einem neuen Teilhabegeld sollen bisherige staatliche Maßnahmen wie das Kindergeld, Teile des Bildungs- und Teilhabepakets, der Kinderzuschlag und Zahlungen über die Sozialhilfe gebündelt werden. Berechtigt wären nach diesem Vorschlag alle Kinder.

Allerdings soll das Teilhabegeld mit dem steigenden Einkommen der Eltern abgeschmolzen werden. “Anders als das Kindergeld erreicht es so gezielt arme Kinder und Jugendliche”, betont Dräger.

(vw)