POLITIK
21/03/2018 17:52 CET | Aktualisiert 30/07/2018 22:45 CEST

Es geht nicht um Geld: Was alle in der Debatte um Hartz IV falsch verstehen

Niemand wird plötzlich Hartz-IV-Empfänger.

Reuters

416 Euro für Essen, Kleidung und Co.: So viel Geld steht einem Hartz-IV-Empfänger monatlich zur Verfügung.

Und so viel Geld soll auch Jens Spahn laut einer Petition nur noch ausgeben dürfen, zumindest einen Monat lang. Auf diese Weise soll der neue Gesundheitsminister nach seiner umstrittenen Aussage lernen, was Armut wirklich bedeutet.

Dass der Plan aufgeht, Herr Spahn von seinem “Armutspraktikum” lernt und wir daraus nachhaltige Schlüsse für den Umgang mit Hartz IV ziehen, bezweifle ich allerdings.

Bei der aktuellen Debatte um Hartz IV, die Herr Spahn losgetreten hat, geht es größtenteils darum, ob 416 Euro pro Monat zum Leben ausreichen. Das hat mit den eigentlichen Problemen der Hartz-IV-Empfänger nichts zu tun.

Es geht nicht um Geld.

Die eigentlichen Probleme der Hartz-IV-Empfänger

Denn belastender als die Tatsache, am Existenzminimum zu leben, ist für viele Hartz-IV-Empfänger die Isolation und gesellschaftliche Ächtung.

Mehr zum Thema: Mehr Geld hilft keinem Hartz-IV-Empfänger – sie brauchen etwas ganz anderes

Vor allem als Kind von Hartz-IV-Empfängern finde es sehr lobenswert, dass Sandra S., selbst Hartz-IV-Empfängerin, sich stark gemacht und das Wort gegen Jens Spahn ergriffen hat.

Ich finde es beeindruckend, dass die Petition, die sie ins Leben rief, schon über 150.000 Befürworter gefunden hat und es anscheinend so viele Menschen gibt, die die Armutsproblematik von Hartz IV nachvollziehen können oder selbst erlebt haben.

Jedoch kann der Schuss auch ganz schön schnell nach hinten losgehen.

Die Lebensrealität von Hartz-IV-Empfängern wird er nicht kennenlernen 

Selbst wenn Herr Spahn sich nun tatsächlich dazu bereit erklärt, einen Monat lang vom Hartz-IV-Satz zu leben: Er wird trotzdem seiner normalen Tätigkeit nachgehen.

Er wird jeden Tag ins Büro fahren, seine Kollegen treffen und gratis Kaffee trinken. Er wird vielleicht nicht in schicken Vier-Sterne-Restaurants essen können – aber sein Leben wird größtenteils so bleiben, wie es ist.

Der psychische Druck, den viele Hartz-IV-Empfänger empfinden, wird nicht eintreten.

Die Gefahr, dass Herr Spahn am Ende sagt: “Geht doch” und damit die Realität, die viele Langzeitarbeitslose täglich erleben, verzerrt wird, ist groß. Und das wird viele Hartz-IV-Gegner wieder in ihren Argumenten bekräftigen.

Parallel wollen einige Journalisten den Selbsttest wagen. So haben zum Beispiel die Mitarbeiter des Rheinneckarblogs beschlossen, 15 Tage lang zu kochen wie Hartz-IV-Empfänger.

Dabei vergesst ihr aber einen wesentlichen Aspekt, liebe Rheinneckarblogger: Hartz IV ist keine Kochshow.

Mehr zum Thema:  Essen, schlafen, sterben – so sieht der Alltag eines Hartz-IV-Empfängers aus

Es geht nicht darum, wer mit 4,80 Euro ein gesundes Drei-Gänge-Menü auf die Beine stellen kann. Es geht darum, dass über vier Millionen Menschen mit diesem Budget täglich auskommen MÜSSEN. Das MÜSSEN ist das eigentliche Problem, nicht die 4,80 Euro.

Niemand wird plötzlich Hartz-IV-Empfänger

Armut setzt sich viel komplexer zusammen, als man auf den ersten Blick meint. Finanzielle Notsituationen sind ein Teil davon, der allerdings relativ ist.

Hinzu kommen weitere, wichtige Faktoren, die wir bei der Diskussion um Hartz IV nicht außer Acht lassen sollten:

Zunächst einmal ist praktisch jeder Hartz-IV-Empfänger in irgendeiner Form “vorbelastet” – damit meine ich: Man bekommt meistens nicht einfach so Hartz IV.

► Die meisten verlieren ihren Job, erhalten 14 Monate lang Arbeitslosengeld I und erst dann, wenn die Arbeitssuche erfolglos war, Arbeitslosengeld II.

► Viele andere wachsen als Kinder von Hartz-IV-Empfängern auf und haben wesentlich schlechtere Chancen, der Armut zu entkommen.

Die wenigsten werden also denken: “Juhu, endlich bin ich Hartzer”, sondern sind in Anbetracht der langwierigen Job-Suche oder Familienverhältnisse erst einmal hoffnungslos und enttäuscht.

Isolation und gesellschaftliche Ächtung

Zudem kommt die gesellschaftliche Ächtung. Laut einer Umfrage glaubten 2012 noch 55 Prozent der Deutschen, dass Hartz-IV-Empfänger faul seien und keine Arbeit suchen würden. 

Die Realität spiegelt das nicht wider, dennoch werden alle Langzeitarbeitslose gerne in einen Topf geworfen.

Meine Mutter bezieht Hartz IV. Wenn ich mit ihr darüber spreche, was sie daran am schlimmsten findet, nennt sie die Abgrenzung von anderen, arbeitenden Menschen. Sie sagt:

“Natürlich sind 416 Euro pro Monat nicht viel zum Leben – aber man kann auf vieles verzichten. Ich muss nicht jeden Tag Kaffee trinken gehen oder rauchen, so spare ich natürlich Geld.

Aber ich fühle mich von der Gesellschaft isoliert. Ich habe kaum Kontakt zu Vollzeittätigen, geschweige denn zu Akademikern.

Da ich selbst ein Studium abgeschlossen habe, fehlt mir dieses Umfeld sehr – aber ich finde einfach keinen Zugang zu ihnen. Die meisten wollen sich nicht mit Hartz-IV-Empfängern abgeben.

Meine Mutter wünscht sich, normal behandelt und aufgrund ihres finanziellen Status nicht dämonisiert zu werden.

Hartz-IV-Selbstversuche werden das System nicht ändern

Das alles sind Probleme, mit denen sich Jens Spahn oder Redakteure, die Hartz-IV-Selbstversuche starten, nicht plagen müssen, die aber einen wesentlichen Teil des Lebens mit Hartz IV ausmachen.

Auch wenn es gerade für Hartz-IV-Empfänger mit Kindern eine Erleichterung bedeuten würde, die Sätze anzuheben, macht es für die meisten womöglich keinen Unterschied, ob sie 5 Euro mehr oder weniger pro Monat erhalten.

Das Problem ist ein anderes: Wer zu lange in der Arbeitslosigkeit bleibt, hat schlechtere Chancen auf einen Wiedereinstieg in die arbeitende Gesellschaft. Laut einer DGB-Studie finden gerade mal 16 von 1.000 Langzeitarbeitslosen wieder einen Job oder machen sich selbstständig.

Die Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung stellen damit eine größere Gefahr dar als die finanzielle Armut, die natürlich dennoch nicht zu ignorieren ist.

Wir sollten also bei der aktuellen Diskussion das System Hartz IV als Ganzes und all seine Konsequenzen, psychologische und gesellschaftliche eingeschlossen, nicht aus den Augen verlieren.

Wenn jemand wie Herr Spahn einen Monat von Hartz IV lebt, zeigt ihm das vielleicht, dass er nicht mehr im Bio-Markt einkaufen oder teure Anzüge shoppen kann - aber das systemische Problem ist damit lange nicht gelöst.

(fk/tb)