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08/08/2018 07:48 CEST | Aktualisiert 08/08/2018 11:21 CEST

"Ich habe alle Hartz-IV-Shows von RTL geschaut – und bin dafür dankbar"

Die Schicksale dieser Menschen haben mich berührt und sehr betroffen gemacht.

RTL / RTL2

“Anna, ich habe einen geilen Auftrag für dich: Auf RTL II läuft heute Abend die Doku ‘Armes Deutschland’. Schau dir das doch mal an.” 

Alles begann mit dieser E-Mail.

Anfangs habe ich meinen Chef dafür verflucht, dass er mich damit beauftragt hat, RTL II zu schauen. Und dann auch noch eine dieser räudigen Hartz-Dokus. Aber einmal ist keinmal, dachte ich damals noch. 

Vier Monate später kenne ich jeden einzelnen Armutsporno im deutschen Fernsehen von vorne bis hinten: “Armes Deutschland”, “Hartz und Herzlich”,  “Promis auf Hartz IV”, “Zahltag” – ich habe sie alle gesehen.

Und ich muss sagen: Heute bin ich dankbar dafür.

Ausflug in den TV-Hartz

Ich habe mir nie viele Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, arm zu sein. “Mich betrifft das ja nicht”, dachte ich mir meistens, wenn von Hartz IV die Rede war.

Anders als die Protagonisten der RTL-Trash-Shows bin ich privilegiert aufgewachsen. Ich hatte immer viele Spielsachen, es war immer mehr als genug Essen da und meine Eltern haben mich finanziell bei all meinen Vorhaben unterstützt.

Ich wusste schlichtweg nicht, wie wenig manche Menschen in Deutschland zum Leben haben – wie sehr ihr Alltag von Verzicht geprägt ist.

Und ehrlich gesagt, hatte ich auch einige Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Empfängern – dass sie Alkoholiker sind, ihre Wohnungen immer unordentlich aussehen, sie den ganzen Tag nur untätig zuhause sitzen und eigentlich gar nicht arbeiten wollen. Kurz gesagt: Dass sie Schmarotzer sind. 

Zugegeben, die Sendeformate von RTL und RTL II haben dieses Bild oft bestätigt. Erst vor Kurzem begleitete das Kamerateam den 26-jährigen Marcel, der noch nie einen Job hatte – und sich auch noch nie um einen bemüht hat.

Meine Fresse sind das Assis”

Er ist mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten, betrügt seine Freundin und hat im Drogenrausch deren Wohnung demoliert.

“Meine Fresse sind das Assis”, ging es mir durch den Kopf, als ich diese Szenen sah. 

Hartz-Trash brachte mich zum Weinen

Doch dann passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Ich begann, Mitgefühl für die Protagonisten dieser Sendungen zu entwickeln. 

► Für René Metz, der in der ersten Folge von “Zahltag!” in Tränen ausbrach, als er den Koffer voller Geld geöffnet hat. Jetzt könne er sich und seiner Familie endlich Wünsche erfüllen. 

► Für Dagmar aus “Hartz und Herzlich”, die den Termin für ein Probearbeiten mit einem Herz im Kalender markiert hat – nur um dann vom Kioskbesitzer begrapscht zu werden.

► Und für die neunjährige Isabel-Chantal aus “Armes Deutschland”, die zu arm ist, um Geburtstag zu feiern. “Das tut uns weh”, sagt ihre Mutter. “Wir hätten ihr das gerne ermöglicht –”

Den Rest des Kurzinterviews konnte ich leider nicht mehr verstehen, denn zu diesem Zeitpunkt habe ich Rotz und Wasser geheult.

Armut ist nicht unterhaltsam

Mittlerweile habe ich bei jedem einzelnen dieser Formate mindestens schon einmal geweint – bis auf “Promis auf Hartz IV”, das war wirklich bodenloser Unsinn.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Empfänger stirbt einsam in Wohnung – die Nachbarn klagen an

Mehr noch: Ich musste diese Beispiele für diesen Artikel nicht nochmal nachlesen, ich erinnere mich an sie. Die Schicksale dieser Menschen haben mich berührt und sehr betroffen gemacht.

Armut ist nicht unterhaltsam. Es macht mir keinen Spaß, dabei zuzuschauen, wie Menschen am Existenzminimum kratzen. Aber es ist gut, dass ich es tue. 

Denn Hartz-Trash zu schauen, hat mein Bild von Arbeitslosen verändert. Heute weiß ich, dass Hartz-IV-Empfänger keine homogene Gruppe sind. Sie haben zwar alle denselben Status, aber die Wege, die sie in diese Lage gebracht haben, sind nicht dieselben.

Ich glaube nicht, dass sich die Mehrheit der 4,2 Millionen Hartz-IV-Empfänger aussucht, in armen Verhältnissen zu leben. Deshalb wünsche ich jedem von ihnen, dass er es aus der Armut heraus schafft, dass ihnen jemand eine Chance gibt – denn die hat jeder verdient.

Und für noch etwas war meine Reise in den TV-Hartz gut: Ich kann voll und ganz verstehen, dass viele Menschen in Deutschland das Gefühl haben, die Politik hätte sie abgeschrieben. Dass es Menschen extrem wütend macht, dass in einem reichen Land Millionen von Deutschen in solchen prekären Lagen leben müssen.

Ich kann voll und ganz verstehen, dass viele Menschen in Deutschland das Gefühl haben, die Politik hätte sie abgeschrieben.

Und das, obwohl viele von ihnen sogar einer Tätigkeit nachgehen. Nur reicht der Lohn dafür oft nicht aus, um eine Familie zu ernähren.

Das macht mich auch verdammt wütend. Arbeit muss sich lohnen, egal welche Art von Arbeit es ist.

Wir müssen die soziale Ungleichheit in unserem Land bekämpfen

Natürlich ist es verabscheuungswürdig, dass RTL und RTL II die soziale Notlage von Millionen von Menschen als Anlass verstehen, um Quoten zu machen. Oder dass Menschen wie Dagmar und Isabel-Chantal von den Produzenten vorgeführt werden, als seien ihre Schicksale Teil eines Kuriositätenkabinetts.

Denn gewiss schärft die provokante Darstellung von Armut das negative Bild, das viele Leute von Hartz-IV-Empfängern haben nur noch. 

Mehr zum Thema: Der neue Armutsporno: Wie Hartz IV zur Entertainment-Show wurde

Trotzdem bin ich dankbar, für die Einblicke, die mir diese Sendungen gegeben haben. 

Denn so klischeebeladen die RTL-Protagonisten und die Lebenswelten die der Sender auch abgebildet sind, so sehr ich auch weiß, dass solche Sendungen immer auch irgendwie strukturiert und inszeniert sind, eine wichtige Erkenntnis bleibt: Die sozialen Gräben in unserem Land könnten nicht größer sein und das müssen wir dringend ändern.