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26/03/2018 11:50 CEST | Aktualisiert 26/03/2018 11:50 CEST

Happy Hartz IV: Warum wir alle vom Arbeitslosengeld II leben sollten

Wer einmal Hartz IV ausprobiert hat, bleibt oft ein Leben lang dabei.

dpa
Mit Hartz IV muss man sich keine Sorgen mehr um Geld machen

Urlaub auf Staatskosten - so funktioniert Hartz IV wirklich: Ich erhalte schon seit fünf Jahren Arbeitslosengeld II und könnte kaum zufriedener sein. Denn, wie viele schon wissen: Mit Hartz IV muss man sich keine Sorgen mehr um Geld machen - schließlich wird alles bezahlt, was man zum Leben braucht.

Wie ein bedingungslos liebender Vater zahlt Deutschland mir ein monatliches Taschengeld – ohne, dass ich etwas dafür tun muss.

Die Tage lästiger Arbeit sind vorbei, dafür kann man sich endlich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren: ausschlafen, fernsehen, dem Gras beim Wachsen zusehen oder auch einmal mal nichts tun.

Deswegen freue ich mich nun besonders darüber, dass Journalisten und sogar namhafte Politiker wie Jens Spahn nun den Selbsttest wagen oder zumindest in Erwägung ziehen.

Urlaub auf Hartz IV

Wenn man zwei Wochen lang mit einem ähnlichen Budget kocht wie ein Langzeitarbeitsloser oder mal ausprobiert, wie es ist, einen Monat lang von nur 416 Euro zu leben, ist das nicht nur unterhaltsam für Normalverdiener, die solche Experimente in den Medien mitverfolgen können.

Auch können endlich die Vorteile beleuchtet werden, die ein Hartz-IV-Empfänger alltäglich genießt.

Ich muss zugeben, ganz neu ist die Idee vom Selbstversuch Hartz IV nicht. Schon über 4 Millionen Menschen testen aktuell das Leben in Langzeitarbeitslosigkeit – und sie werden fast allesamt dabei bleiben: Gerade mal 16 von 1.000 Mitgliedern steigen wieder ausWelches andere Programm kann mit einer unglaublichen Erfolgsquote von über 98 Prozent protzen?

Wer einmal Hartz IV ausprobiert hat, bleibt oft ein Leben lang dabei 

Ähnlich, wie gerade von Jens Spahn gefordert wird, habe auch ich einen Monat lang den Selbsttest gewagt und versucht, von Hartz IV zu leben: Ich war überrascht, wie einfach das ging. Aus dem Monat wurden schnell fünf Jahre.

Mehr zum Thema: Deutschland feiert das Jobwunder - ausgerechnet viele Arbeitslose werden sich nicht darüber freuen

Mein Leben hat sich von Grund auf gewandelt. Nun kann ich Dinge tun, für die ich aufgrund der lästigen Arbeit früher nie Zeit hatte: Ohne geregelten Tagesablauf kann ich mich nun vollends auf meine Computerspiele konzentrieren - vielleicht schaffe bei Candy Crush endlich Level 748?

Oder ich kann Stunden im Drogeriemarkt verbringen und ausführlich Zahnpastatuben miteinander vergleichen – vielleicht findet man eine, die noch billiger ist.

Hartz IV ist auch so schön für die Kinder

Auch beim DIY-Trend sind wir Hartzer ganz stark vertreten: Ganz wichtig für uns ist es, Nachhaltigkeit mit Kreativität zu vereinen – was noch verwendet werden kann, wird verbastelt!

Während der Normalverdiener sich im Job abschuftet oder mit sozialen Verpflichtungen plagt, wie zum Beispiel mit seinen Freunden oder Arbeitskollegen herumzuhängen, polieren wir Sessel vom Sperrmüll auf oder basteln ganz süße Kissenbezüge aus alten Hemden.

Mehr zum Thema:1,8 Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht - Tendenz steigt

Mein Tipp für Familien mit Kindern: Aus alten Plastikflaschen oder Dosen lässt sich ganz tolles Vintage-Spielzeug für die Kleinen basteln.

Während die meisten Kinder Spielekonsolen oder Smartphones von ihren Eltern bekommen, sind Hartz-IV-Kinder mit ihrer DIY-Dosentrommel der Hit der Schulklasse.

Toller Nebeneffekt bei solchen Projekten: Man spart den ein oder anderen Euro.

Seitdem ich von Hartz IV lebe, hat sich außerdem meine Ernährung verbessert: Ich lebe jetzt nach dem Low-Prinzip.

Viele kennen ja nur Low-Carb, im Hartz-IV-Programm entwickelt man diese Grundidee weiter - Low-Protein, Low-Vitamine, Low-Meat – alles lässt sich herunterschrauben. Das tut nicht nur der Figur gut, auch dem Geldbeutel.

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Keine lästigen Freundschaftsanfragen mehr mit Hartz IV

Viele wundern sich vielleicht: Wie sieht das aus mit dem Sozialleben im Hartz-IV-Programm – über vier Millionen Mitglieder, das klingt schon nach einem sehr großen Verein.

Wird man da nicht ständig zugemüllt mit Anrufen und Nachrichten? Nein!

Denn das ist schönste an Hartz IV: Jeder kann gemütlich für sich allein von zu Hause aus hartzen, sogar vor dem Fernseher geht das ganz nebenbei.

Unser Club ist so exklusiv, dass man ganz gut von sozialen Anfragen arbeitender Menschen abgeschirmt wird.

Wir genießen eine Art gut geschütztes Promi-Dasein: Alle wissen, dass wir existieren, alle bewundern uns für unser erfolgreiches Nichtstun, aber dass wir mit normalen Menschen oft Tür an Tür wohnen, ist den meisten gar nicht bewusst.

Und wenn mich doch mal wer fragt, was ich so mache: Die magischen Worte “Ich bekomme Hartz IV” sorgen gleich für den respektvollen Abstand, den man als Mitglied eines solch glamourösen Clubs verdient.

Ich jedenfalls könnte mit Hartz IV kam zufriedener sein – anders möchte ich gar nicht mehr leben.

Wie schön, dass es für Ü60-Jährige wie mich deswegen eine garantierte Mitgliedschaft mindestens bis zur Rente gibt.

Happy mit Hartz IV – die Wahrheit sieht leider anders aus

Aber mal ernsthaft: Ich lebe nun seit fünf Jahren von Hartz IV und mir ist es vollkommen unverständlich, wie manche Menschen meinen können, das sei ein bequemes Leben – Urlaub auf Staatskosten quasi.

Einige glauben, uns Hartz-IV-Empfängern würde es noch viel zu gut gehen. Aber die Isolation, die Nutzlosigkeit, die Ächtung haben nichts mit einem erfüllten Dasein zu tun.

Mehr zum Thema: Alltag eines Hartz-IV-Empfängers: Essen, schlafen, sterben

Der Druck, auf Staatskosten zu leben, ist zermürbend. Die ständige Kontrolle seitens des Jobcenters lässt mich nachts manchmal nicht schlafen. Mit dem Jobverlust ging ein Verlust sämtlicher Freunde und Bekannte einher.

Und nein, es macht keinen Spaß, Lebensmittel, Kosmetika und notwendige Haushaltsgegenstände miteinander zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen, um das möglichst günstigste herauszufinden, weil 416 Euro im Monat preisliche Ausrutscher nach oben nicht finanzieren.

Für Menschen wie mich, ist kein Platz mehr

Einfacher zu ertragen wäre Hartz IV, wenn ich wüsste, es ist nur für eine Zeitlang. Leider weiß ich jetzt schon, dass ich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens zumindest dazu finanziert werden muss.

Ich selbst habe in den letzten Jahren keine neue Vollzeitstelle mehr finden können – auch die Sachbearbeiter vom Jobcenter haben mir von Anfang an deutlich gemacht, dass sie mich nicht mehr werden vermitteln können.

Auf dem Arbeitsmarkt ist kein Platz für über 60-jährige Arbeitslose.

Der Geldmangel und vor allem die soziale Isolation beeinflussen mein Leben nachhaltig und haben vieles verändert.

Meinen Humor jedoch habe ich behalten – er lässt mich die Situation besser ertragen, und immerhin kostet Lachen nichts.

Dieser Beitrag wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski