BLOG
19/03/2018 16:28 CET | Aktualisiert 30/07/2018 22:45 CEST

Was ich als Kind armer Eltern an einer Reichen-Schule erlebte

Sie hielten Hartz-IV-Empfänger für Schmarotzer.

skynesher via Getty Images
Ich teilte das Klassenzimmer mit Sprösslingen von Ärzten, Unternehmern und Politikern. 

Sie sind faul, arbeiten nicht und leben vom Geld anderer: Spreche ich von Arbeitslosen? Nein, ich meine die Kinder reicher Eltern.

Als Kind von Geringverdienern und späteren Hartz-IV-Empfängern bin ich zur Schule gegangen mit der damals gehobenen deutschen Zukunft: Ich teilte das Klassenzimmer mit Sprösslingen von Ärzten, Unternehmern und Politikern.

Und von genau diesen Leuten musste ich mir anhören, was für Schmarotzer Hartz-IV-Empfänger seien – obwohl sie selbst Papas Geld mit beiden Händen ausgaben.

Es spricht nichts dagegen, reich zu sein. Das ist gar nicht der Punkt. Ich gönne jedem seinen Luxus – vorausgesetzt, er sieht deswegen nicht auf weniger wohlhabende Menschen herab, verurteilt deren Lebensstil oder setzt kleine Kasse mit wenig Klasse gleich.

Noch schlimmer ist es, wenn junge Leute, die noch niemals in ihrem Leben gearbeitet haben, schimpfen: “Die Hartzer leben von unseren Steuergeldern!” Naja, solange du selbst nicht arbeitest und deinen Eltern auf der Tasche liegst, schon mal nicht von deinen. Wenn du über arme Menschen schimpfen willst, musst du dir das erst verdienen.

Benedikt war der Meinung, Hartz-IV-Empfängern ginge es prima

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem Klassenkameraden, nennen wir ihn Benedikt.

Benedikt trug teure Markenklamotten, hat ein Auslandsjahr im englischsprachigen Ausland verbracht und fuhr regelmäßig in den Skiurlaub. Einen Nebenjob hatte er, im Gegensatz zu einigen anderen Klassenkameraden, inklusive mir, natürlich nicht.

Benedikt war der Meinung, Hartz-IV-Empfängern ginge es prima, trotzdem würden sie sich beschweren. Die hätten doch alles, was sie bräuchten – eine bezahlte Wohnung, Krankenkasse, Geld für Nahrung. Wer von Steuergeldern anderer lebt, hätte sowieso keine Berechtigung, zu jammern.

Das stimmt streng genommen alles. Aber mich hat es genervt, dass jemand wie er sich eine so harte und negative Meinung bilden konnte, ohne einen Einblick in die Lebenssituation eines Arbeitslosen zu haben.

Mehr zum Thema: Berlin: 13-Jährige berichtet über das harte Leben in einer Hartz-IV-Familie

Ich sagte: “Na ja, aber stell dir mal vor – die Lebensqualität leidet enorm. Wenn jemand lange Zeit arbeitslos ist, hat er Schwierigkeiten, sich zu motivieren. Viele soziale Kontakte brechen weg, zahlreiche Hobbys sind nicht mehr möglich – und sowas wie Urlaub ist natürlich nicht mehr drin.”

“Ha, das wäre ja noch schöner, wenn Hartz-IV-Empfänger Urlaubsgeld kriegen würden!”, antwortete er.

“Ja, aber wenn du nicht mehr in den Skiurlaub fahren könntest, würdest du auch erst mal dumm aus der Wäsche schauen.”

Mich schockierte der Mangel des bloßen Willens zur Empathie

Mich nervte nicht die Aussage an sich – klar wäre es absurd, wenn Arbeitslose Urlaubsgeld bekommen würden, das war gar nicht der Punkt. Mich schockierte jedoch der Mangel des bloßen Willens zur Empathie und die offenbare Endgültigkeit seiner Meinung. Dabei wäre Benedikt doch aufgeschmissen gewesen, wenn er für seine teuren Hobbys und Urlaube plötzlich selbst hätte aufkommen müssen.

Benedikt wollte mir bestimmt nichts Böses und war sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass ich zu diesem Zeitpunkt selbst von Hartz IV lebte. Ich erwarte auch nicht, dass reiche Teenager die Welt verstehen – ich erwarte allerdings, dass sie nicht so tun, als hätten sie die Welt schon verstanden.

Auch ein 18-jähriger sollte so viel Weitsicht haben, zu wissen, dass er in einem extrem privilegierten Umfeld aufwächst, sich ihm durch das Geld seiner Eltern viele Türen öffnen und er jedem Menschen mit derselben Offenheit begegnen sollte, egal, wie viel er im Portemonnaie hat.

Stattdessen schienen einige meiner Klassenkameraden einen Blick für die Realität verloren zu haben, weil sie nur unter sich waren – Reiche unter Reichen.

“Na toll, unsere Schule goes Hartz IV!”

Für viele Mädchen war es selbstverständlich, Mascara für über 20 Euro zu kaufen und dann über meine billigen Klamotten zu lästern. Einmal hörte ich einen Jungen jammern, dass er sein neues Handy für nur 100 Euro mehr in Gold bekommen hätte.

Ich dachte: Oh Mann, von 100 Euro im Monat ernähre ich mich.

Als es hieß, dass unser Abi-Ball nicht in einem luxuriösen Hotel, sondern in einer normalen Veranstaltungshalle stattfinden sollte, grölte ein Typ: “Na toll, unsere Schule goes Hartz IV!” Solche Sprüche fand ich verletzend  – dein Anspruch muss nicht meiner sein. Und deswegen ist keiner von uns besser oder schlechter.

Mehr zum Thema:  Ich beziehe Hartz IV – so kann ich trotzdem jeden Monat Geld sparen

Mir ist bewusst, dass damals Extreme aufeinander geprallt sind. Mittlerweile ist mein Lebensstandard natürlich gewachsen, ich habe mir auch schon einmal Mascara für 20 Euro gekauft – aber ich weiß, dass ich diese 20 Euro selbst verdient und mir etwas davon gegönnt habe. Ich habe das Geld für so etwas Unnötiges, aber Schönes nicht von meinen Eltern bekommen.

Ich gönne jedem anderen seinen Reichtum

Meine Eltern und ich hatten, auch wenn sie lange Zeit arbeitslos waren, immer genug zum Leben. Ich bin dankbar, dass wir Unterstützung vom Staat erhalten haben und gönne jedem anderen seinen Reichtum. Ich wollte nur nicht, weil wir weniger Geld hatten, als Mensch zweiter Klasse behandelt werden – erst recht nicht von Jugendlichen, die meinen, aufgrund des Vermögens ihrer Eltern auf andere herabsehen zu können.

Viele meiner Klassenkameraden sind hinterher auf gute Hochschulen gegangen, oft auch auf private Unis, in Deutschland oder im Ausland. Sie hatten ihren ersten Job sehr wahrscheinlich erst nach dem Studium.

Ich finde es völlig neidlos toll, wenn Eltern ihre Kinder so weit unterstützen können, dass sie erst nach dem Studium anfangen müssen zu arbeiten. Viele meiner Freunde im Studium mussten sich ebenfalls keinen Nebenjob suchen – aber keiner von ihnen wäre jemals auf die Idee gekommen, einen Hartz-IV-Empfänger einen Schmarotzer zu nennen.

Mehr zum Thema: Sozialhilfeempfänger dealte mit Drogen: “Ich brauchte das Geld für meine Tochter”

Meine Klassenkameraden haben es sich teilweise in ihrer luxuriösen Welt viel zu bequem gemacht und ihren Reichtum als Standard der deutschen Gesellschaft gewertet. Wer diesem Standard nicht entsprach, schien etwas falsch gemacht zu haben.

Um solchen Haltungen von Grund auf vorzubeugen, würde es sich lohnen, auf eine stärkere gesellschaftliche Vielfalt an Schulen zu achten, um einen stärkeren sozialen Austausch zu gewährleisten.

Denn ein Blick hinter die eigenen Klassengrenzen hilft, Vorurteile ab- und Empathie aufzubauen.

(mf)