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27/03/2018 13:12 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 20:10 CEST

Warum der Hass gegen Hartz-IV-Empfänger uns allen schadet

Schuld ist das System – nicht die Hartz-IV-Empfänger.

DPA
In vielen Jobs lohnt es sich einfach nicht mehr, zu arbeiten.

Der Hass gegen Hartz-IV-Empfänger spaltet die Gesellschaft: Er bedingt nicht nur die soziale Ausgrenzung Bedürftiger, sondern trägt am Ende dazu bei, dass Gehälter vor allem im Niedriglohnsektor weiter gedrückt werden.

Die Stigmatisierung von Hartz-IV-Empfängern, gepaart mit der Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg, führt dazu, dass Arbeitnehmer Jobs zu immer schlechteren Bedingungen annehmen  – um bloß nicht als Sozialschmarotzer zu gelten.

Hartz-IV-Empfängern wird nahegelegt, sie sollen gefälligst arbeiten gehen – egal um welchen Preis.

Dabei lohnt es sich für viele oft nicht, einer bezahlten Vollzeittätigkeit nachzugehen. Das weiß auch Frau S., eine HuffPost-Leserin. Unter einen Artikel kommentiert sie: 

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Wie sie ganz richtig feststellt, unterscheidet sich der Lohn in einigen Fällen nur unwesentlich vom Hartz-IV-Regelsatz oder ist sogar geringer. Viele nehmen das zum Anlass, um auf “Sozialschmarotzer” zu schimpfen, “die kein schlechtes Gewissen dabei haben, dass andere Menschen für sie mit arbeiten müssen”, wie eine andere Nutzerin schreibt.

Schuld ist der Arbeitsmarkt mit seinen gering bezahlten Jobs

Allerdings sind nicht die Hartz-IV-Empfänger schuld am gestörten Verhältnis zwischen ALG II und bezahlter Tätigkeit, sondern der Arbeitsmarkt mit seinen teils gering bezahlten Jobs.

► Seit Januar 2018 erhält ein Single-Hartz-IV-Empfänger 416 Euro im Monat, außerdem werden die Kosten für Wohnen (bis zu einer regional abhängigen Mietobergrenze) und Krankenversicherung abgedeckt.

► Zusätzlich kann eine Heizkosten- und Warmwasserpauschalebeantragt werden, die allerdings unter 10 Euro monatlich liegt.

Ein Beispiel: Meine Mutter, die seit fünf Jahren Hartz IV empfängt, lebt in Essen in einer knapp 43-Quadratmeter-Wohnung. Die Mietkosten von 376 Euro warm übernimmt der Staat, zusätzlich erhält sie den Regelsatz von 416 Euro und 100 Euro von ihrem Nebenjob – pro Monat sind das also 892 Euro.

Mehr zum Thema: Happy Hartz IV: Warum wir alle vom Arbeitslosengeld II leben sollten

► Im Vergleich dazu: Menschen im Niedriglohnsektor wie Friseure, Mitarbeiter in Wäschereien oder Bestattungsunternehmen verdienen im deutschlandweiten Durchschnitt gerade einmal 1.672 Euro monatlich. Netto sind das etwa 1.200 Euro.

Wenn von dieser Summe sämtliche Fixkosten wie Miete, Heizung und Versicherungen abgezogen werden, bleibt je nach Wohnort ein Betrag zur freien Verfügung, der sich unter Umständen nur noch geringfügig vom Regelsatz eines Hartz-IV-Empfängers unterscheidet.

Langzeitarbeitslose sind nicht schuld daran

Selbstverständlich ist es nicht fair, wenn ein Friseur 40 Stunden pro Woche arbeitet und nach Abzug der Fixkosten lediglich 200 Euro mehr auf dem Konto hat als ein Hartz-IV-Empfänger. Es ist allerdings auch nicht richtig, Langzeitarbeitslose dafür verantwortlich zu machen.

Es liegt nicht im Interesse des Hartz-IV-Empfängers, dass dem Kellner unwesentlich mehr Geld zur Verfügung steht als ihm selbst. Denn schließlich sorgen auch die geringen Löhne dafür, dass Langzeitarbeitslosen nicht genügend Anreize geboten werden, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen.

“Einfach putzen gehen. Arbeit gibts genug”, wie HuffPost-Leserin Frau B. meint, funktioniert leider oftmals nicht so einfach, wie gedacht.

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Gerade einmal 16 von 1.000 Langzeitarbeitslosen finden einen neuen Job oder machen sich selbstständig. Schuld an den niedrigen Wiedereinstiegschancen sind, neben den viel zu zahlreichen Jobs im Niedriglohnsektor, die geringen Zusatzverdienstmöglichkeiten für Hartz-IV-Empfänger.

Mehr zum Thema: Paradox der Armut: So teuer ist es für Hartz-IV-Empfänger, kein Geld zu haben

Das findet auch FDP-Arbeitsmarktfachmann Johannes Vogel, wie er kürzlich der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” mitteilte:  ”In der Debatte kommt bisher zu kurz, dass wir doch vor allem einen Sozialstaat mit mehr Aufstiegschancen benötigen. [...] Ein zentraler gesetzgeberischer Hebel beim Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit, den wir dafür endlich umlegen müssen, ist die Verbesserung der Zuverdienstmöglichkeiten.

Aktuell dürfen Hartz-IV-Empfänger maximal 100 Euro als Grundfreibetrag monatlich hinzuverdienen. Wer auf 450-Euro-Basis eingestellt ist, darf zudem 20 Prozent von dem behalten, was er über die 100-Euro-Grenze hinaus erwirtschaftet.

Die Aufstiegschancen sind zu niedrig

Wie die Statistiken zur Langzeitarbeitslosigkeit beweisen, ist es nahezu unmöglich, von einer geringfügigen Beschäftigung zu einer Vollzeit-Anstellung zu wechseln, dafür sind die Freibeträge zu niedrig – und die Aufstiegschancen.

Die Lösung ist nun nicht, Hartz-IV-Sätze zu kürzen. Der Satz ist so berechnet, dass er das Existenzminimum sichern und so ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll.

Genauso wenig können wir allerdings Langzeitarbeitslose in unterbezahlte Beschäftigungsverhältnisse zwingen, wie zum Beispiel HuffPost-Leser Herr S. meint:

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Einen Lösungsvorschlag, der in Richtung des Kommentars geht, bietet zurzeit Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er fordert eine teilweise Abschaffung von Hartz IV und dafür die Einführung eines solidarischen Grundeinkommens. 

► So solle jeder nach Ablauf der Zahlungen von ALG I die Möglichkeit bekommen, einen sozialversicherungspflichtigen kommunalen Job anzunehmen.

►Dieser wäre dem Mindestlohn entsprechend entlohnt, sprich mit etwa 1.200 Euro. Wer keinen gemeinnützigen Job annehmen kann oder will, darf weiterhin Hartz IV beziehen – schließlich soll niemand zur Arbeit gezwungen werden.

Jedoch droht die Gefahr, einen parallelen Arbeitsmarkt zu schaffen

Ich habe meine Mutter gefragt, was sie von Herr Müllers Ansatz hält. Grundsätzlich begrüßt sie die Idee:

 “Der Vorteil daran wäre, dass Langzeitarbeitslosen so eine Beschäftigungsmöglichkeit geboten wäreund sie nicht aus der arbeitenden Gesellschaft ausgeschlossen wären. Gerade für ältere Menschen, die noch wesentlich stärker mit dem Arbeitsmarkt zu kämpfen haben, wäre das eine Chance – denn es ist vor allem die Isolation, mit der sich viele, auch ich, schwer tun.”

Mehr zum Thema: Meine Freundin lebte von Hartz-IV – jetzt weiß ich, was Armut bedeutet

Gleichzeitig droht jedoch die Gefahr, einen parallelen Arbeitsmarkt zu schaffen, der Arbeitslosen womöglich keine langfristige Karriereperspektive bietet. Schließlich sollte Arbeit nicht zur Beschäftigungstherapie verkommen.

Wer sich vom sozialen Abstieg bedroht fühlt, nimmt eher einen Job zu schlechten Konditionen an 

Klar ist: Politik und Wirtschaft müssen eingreifen. Nicht nur, um Hartz-IV-Empfängern weitere Anreize zu schaffen, wieder einen Job zu ergreifen, sondern auch, um die Arbeitsbedingungen zahlreicher Kellner, Reinigungskräfte und Erzieher zu verbessern. 

Immer noch verdienen Millionen deutscher Arbeitnehmer unterhalb des gesetzlichen Mindesstundenlohns – und das schadet sowohl Arbeitnehmern im Niedriglohnsektor als auch Langzeitarbeitslosen. Denn wer sich vom sozialen Abstieg bedroht fühlt, nimmt eher einen Job zu schlechten Konditionen an – was natürlich einige Unternehmen dazu verführt, inakzeptable Arbeitsbedingungen anzubieten.

Irgendjemand findet sich schon, der die Arbeit erledigt, um bloß nicht in Hartz IV zu landen.

Hartz-IV-Empfänger schüren die Wut der Arbeitnehmer, die sich gleichzeitig von einem weiteren Abstieg in die Armut bedroht fühlen. Dabei sollten wir alle für dasselbe kämpfen: gerechtere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.

Mit Neid auf andere soziale Gruppen, vor auf allem diejenigen, die selbst am Existenzminimum kratzen, helfen wir höchstens dabei, die Löhne noch weiter zu drücken.