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17/10/2018 10:40 CEST | Aktualisiert 17/10/2018 11:05 CEST

Hartz IV: Medienpsychologe erklärt, wie RTL II armen Kinder schadet

Von wegen Hartz-IV-Doku: Die Sendung habe mehr mit einer Casting-Show wie “Germany’s Next Topmodel” gemein, sagt Medienpsychologe Batinic.

Privat / Screenshot RTL II
Medienpsychologe Bernad Batinic erklärt für HuffPost, was "Armes Deutschland" mit dem Zuschauer macht.

Eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin, deren ältester Sohn wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis sitzt.

Ein 11-jähriges Mädchen, das sich ihr Zuhause mit toten Ratten und Bergen von Müll und dreckiger Wäsche teilen muss.

Ein langzeitarbeitsloses Ehepaar, das seit 20 Jahren quasi durchgehend schwanger war – das sind die Protagonisten von “Armes Deutschland – Deine Kinder”. 

Selbst der routinierte Zuschauer muss bei dieser Ansammlung von gescheiterten Existenzen zugeben: Da haben die Produzenten von RTL II mal wieder einen ganz großen Fang gelandet. 

Kaum sind die letzten Szenen der Sendung über meinen Bildschirm geflimmert, klingelt mein Handy.

Am anderen Ende der Leitung ist Professor Bernad Batinic, Leiter des Instituts für Pädagogik und Psychologie an der Universität Linz. Er ist Medienpsychologe und forscht zudem rund um das Thema Arbeit – welche Bedeutung hat sie und welche Motivation haben Menschen, arbeiten zu gehen.

Ich hatte ihn gebeten sich die Sendung anzuschauen und mir eine Einschätzung zu geben. Denn seit ich damit begonnen habe, die zahlreichen Hartz-IV-Dokus auf RTL II zu rezensieren, frage ich mich, was diese Sendung mit ihren Zuschauern macht.

Professor Batinic hält jedenfalls nicht viel von “Armes Deutschland”: “Die Sendung erweckt den Anschein, dass es sich dabei um eine Dokumentation handelt, aber das ist sie nicht.” Dazu sei die Argumentation viel zu unausgewogen. 

“Die Protagonisten sind keineswegs repräsentativ für alle Hartz-IV-Familien. Es handelt sich hier um extreme Fälle, die zudem noch mit bestimmten Stilmitteln überspitzt werden”, ist sich der Medienpsychologe sicher. 

"Die Sendung erweckt den Anschein, dass es sich dabei um eine Dokumentation handelt, aber das ist sie nicht."

RTL II will ein bestimmtes Bild von Hartz-IV-Empfängern zeichnen

Batinic vermutet, dass die Protagonisten von “Armes Deutschland”, wie auch seinem Schwesterformat “Hartz und Herzlich”, durch gezielte Befragung von Seiten der Produzenten in eine bestimmte Rolle gedrängt werden.

“Ich vermisse hier die nötige Distanz der Macher. Für mich liegt auf der Hand, dass die Produzenten ein spezifisches Bild von Armut vermitteln wollen. Sie haben also ein Drehbuch im Kopf und wissen schon von Anfang an, welche Geschichten sie anhand der Protagonisten erzählen wollen.”

“Armes Deutschland” hat also mehr mit einer Casting-Show wie “Germany’s Next Topmodel” gemein, als mit einer faktischen Dokumentation über Armut. Die Protagonisten sind eher als Laien-Darsteller zu begreifen und weniger als normale Bürger, die durch ihren Alltag begleitet werden.

Im Video oben schildert die Tochter einer Hartz-IV-Empfängerin den Teufelskreis, in dem sie gefangen ist.

Quote auf Kosten von armen Kindern

Und genau da liegt das Problem, meint Batinic: “Die dort gezeigten Menschen besitzen höchst wahrscheinlich nicht die nötige Medienkompetenz; sie sind sich nicht bewusst, welches Licht die Sendung auf sie wirft und welche Konsequenzen das haben kann.”

Es läge deshalb in der Verantwortung der Produzenten, also der Medienprofis, eine gewisse Schutzfunktion für die Darsteller zu übernehmen. Das sei bei “Armes Deutschland” allerdings offenbar nicht der Fall.

“Dass RTL II nun auch noch Kinder vor die Kamera zerrt, finde ich deshalb besonders entsetzlich”, sagt Batinic. 

Vor allem eine Szene macht den Medienpsychologen wütend: Das Geschwisterpaar Nick und Jotti spricht darüber, wie es für sie ist, in Armut zu leben. Nick gesteht daraufhin gegenüber dem Kamerateam, dass er nie Freunde mit nach Hause bringen würde, weil er sich für seine Lebensverhältnisse schämen würde.

Mehr zum Thema: Ex-Hartz-IV-Empfängerin an RTL II: “Wie ihr Kinderarmut darstellt, ist ekelhaft”

“Ich bezweifle, dass dem Jungen in diesem Moment klar ist, dass eben diese Lebensverhältnisse von einem Millionenpublikum im Fernsehen begutachtet werden”, sagt Batinic. 

“Das was sie in dieser Sendung von sich preisgeben, wird diese Kinder noch lange begleiten. Für ihr Umfeld sind sie abgestempelt, aber Hauptsache RTL II macht Quote auf ihre Kosten.”

Vertieft “Armes Deutschland” die Gräben zwischen Arm und Reich?

Nicht nur für die Protagonisten, auch für die Gesellschaft ergeben sich Folgen aus RTLIIs quotengetriebenem Handeln. Denn Sendungen wie “Armes Deutschland” festigen den Eindruck, dass arme Menschen ihre Situation selbst verschuldet hätten. 

Die Zuschauer können nicht erkennen, dass es sich nicht um eine faktische Doku handelt. Für viele entsteht also der Eindruck, dass hier ein authentisches Bild von Armut in Deutschland widergespiegelt wird.”

Das stimme natürlich nicht, sagt Batinic: “Armut in Deutschland ist weitaus vielseitiger als Sendungen wie ‘Armes Deutschland’ und glauben lassen”, sagt Batinic. “Und sie ist in Wahrheit viel unspektakulärer – aber wahrscheinlich ist das weniger zeigenswert für RTL II.”

Die Einschätzung des Medienpsychologen bestätigt meine eigene Meinung von RTLIIs pseudo-dokumentarischen Formaten: Es ist abscheulich, dass der Sender die Notlage von Millionen von Menschen ausschlachtet, um damit Quote zu machen.

Armut ist nicht unterhaltsam, sondern für viele Menschen in Deutschland bitterer Alltag. Anstatt uns jeden Dienstag vor dem Fernseher zu versammeln, um über gescheiterte Existenzen, wie RTL II sie zeigt, lustig zu machen, sollten wir uns lieber Gedanken darüber machen, wie wir ihnen helfen können.

Damit wir irgendwann in einem Land leben, in dem jeder eine Chance auf ein würdevolles Leben hat.

(jg)