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04/10/2018 12:51 CEST

Hartz-IV-Kind nennt Berufswunsch – Vater macht Perspektivlosigkeit klar

Man fragt sich, wo RTL2 diese Menschen immer wieder auftreibt.

  • Sind Hartz-IV-Empfänger wirklich dumm, faul und asozial? Die neue RTL2-Doku “Abgestempelt” will den Vorurteilen auf den Grund gehen.
  • In der ersten Folge trifft das Kamerateam eine arbeitslose Familie im Stadtteil Köln-Chorweiler.
  • Im Video oben: So wohnen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland.

RTL2 feiert seit einiger Zeit große Erfolge mit Armutsshows wie “Hartz und Herzlich”, “Armes Deutschland”, oder “Promis auf Hartz IV”. Nun schickt der Sender ein neues Format ins Rennen: “Abgestempelt – Armut in Deutschland” soll ergründen, woher die vielen Vorurteile über Hartz-IV-Empfänger kommen. 

► Sind Arbeitslose wirklich alle dumm, faul und asozial? 

Vorurteil #1: Hartz-IV-Empfänger sind verwahrlost 

Wenn man sich Menschen wie Hubert und seine Frau Manuela anschaut, bekommt man tatsächlich diesen Eindruck. Das Ehepaar und seine zwei Kinder bekommen in der ersten Folge Besuch von Ex-Fußballprofi Hans Sarpei, der selbst im Kölner Stadtteil Chorweiler aufwuchs und für RTL2 durch die Sendung führt.

Ehe ein Gespräch zustande kommt, muss sich Sarpei jedoch erst mal einen Weg durch die völlig vermüllte Wohnung bahnen: auf dem Wohnzimmertisch stapeln sich alte Zeitungen, in jedem Zimmer befinden sich mehrere Tierkäfige, die Wände sind von Schimmel übersät. 

Vorurteil #2: Hartz-IV-Empfänger wollen gar nicht arbeiten

In der Zwischenzeit erfährt der Zuschauer durch einen Kommentator des Senders, wieso die Familie von Hartz IV lebt: Mutter Manuela hat ihren Job als Hilfsköchin gekündigt, weil sie dort auch noch putzen sollte. Seitdem ist die arbeitslos.

Ihr Mann Hubert war früher als Lastwagenfahrer tätig. Auch Hubert hat seinen Job gekündigt, “weil ihm die Polizeikontrollen zu viel wurden.” Auch er lebt seitdem von Hartz IV.

Er will erst wieder arbeiten gehen, wenn die Bezahlung stimmt. 

“Bei vielen Jobs habe ich sogar noch weniger Geld als das, was ich vom Jobcenter bekomme”, sagt Hubert. Momentan bekommt seine Familie 1500 Euro Arbeitslosengeld II. “Wenn ich Lastwagen fahre, bekomme ich vielleicht 1300 Euro.”

Doch ein angemessenes Gehalt ist nicht die einzige Bedingung, die der Kölner an eine Tätigkeit knüpft: Tagsüber zu arbeiten komme aus Prinzip nicht infrage, erklärt der zweifache Familienvater.

“Ich bin ein Nachtmensch, wenn ich tagsüber arbeiten gehe, penne ich ein.” 

Dass er seinen Kindern damit ein schlechtes Vorbild ist, scheint den Langzeitarbeitslosen nicht zu interessieren.

Screenshot RTL II
In der Wohnung von Hubert und Manuela herrscht völliges Chaos.

Vorurteil #3: Hartz-IV-Empfänger sind schlechte Eltern

Die Tochter von Manuela und Hubert hat trotz alldem große Ambitionen. Sie will Tierärztin werden: “Weil ich Tieren helfen will und Tiere mag”, erklärt das Mädchen. 

Moderator Sarpei wirkt positiv überrascht. Er will wissen, wie die Eltern den Karrierewunsch ihrer Tochter unterstützen wollen, vor allem in finanzieller Hinsicht. 

“Da bin ich überfragt”, sagt Vater Hubert, “von sowas hab ich keine Ahnung.” Der Arbeitslose lenkt ein: “Die soll erst mal die Schule zu Ende machen und dann sehen wir weiter.”

Leidenschaftlicher Einsatz für die Zukunft der eigenen Kinder sieht anders aus. 

Rund 21 Prozent aller Kinder in Deutschland leben dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervor.

In einer Armutslage befinden sich demnach Kinder in Familien, die mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder staatliche Grundsicherung beziehen.

Weitere zehn Prozent befinden sich zumindest vorübergehend in einer finanziell prekären Lebenslage. 

Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) lebt etwa jeder siebte junge Mensch in einer Hartz-IV-Familie. 

Das Traurige daran: Dass es dem Mädchen ohne eine besondere Förderung durch ihre Eltern gelingt, sich aus ihrer Armutslage zu befreien, ist äußerst unwahrscheinlich. 

Die Pisa-Studie von 2010 hat gezeigt, dass in keinem anderen vergleichbaren Industrieland der schulische Erfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt, wie in der Bundesrepublik. Den Kindern fehlt es nicht nur an Geld, sie haben auch weniger Vertrauen in ihren eigenen Fähigkeiten, wie die Shell-Studie 2010 gezeigt hat.

Screenshot RTL II
Hubert, Manuela und ihre Tochter (von rechts) leben von Hartz IV.

RTL2 schürt Vorurteile gegenüber Arbeitslosen

Man fragt sich, wo RTL2 diese Menschen immer wieder auftreibt.

Denn Menschen wie Hubert und seine Frau Manuela sind keineswegs repräsentativ für alle Hartz-IV-Empfänger.

“Natürlich gibt es sie, die Sozialbetrüger, Arbeitsverweigerer oder meinetwegen auch Drogensüchtige und Alkoholkranke – aber diese Gruppe macht nur einen geringen Teil der in Deutschland lebenden armen Menschen aus”, schrieb die Essenerin Elżbieta Kremplewski jüngst in einem Blog bei der HuffPost.

Kremplewski lebt seit fünf Jahren von Arbeitslosengeld II und weiß: Dass Menschen in Hartz IV rutschen, hat selten etwas mit Dummheit oder Faulheit zu tun. 

► Oftmals handelt es sich dabei um Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor, deren Einkünfte schlichtweg nicht reichen, um sich und ihre Familie durchzubringen.

► Andere werden arbeitslos, weil die Firma insolvent wird und sie aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters keinen neuen Job finden. 

► Und dann gibt es die, die aufgrund einer Krankheit aus dem Berufsleben ausscheiden.

Mehr zum Thema: Der neue Armutsporno: Wie Hartz IV zur Entertainment-Show wurde

Wer erwartet hat, dass “Abgestempelt” ein nuanciertes Bild von Hartz-IV-Empfängern zeichnet, versteht offenbar nicht, wie Medien funktionieren. Denn Sender wie RTL2 feiern derzeit große Quotenerfolge damit, arme Menschen als Asoziale und Schmarotzer darzustellen. 

Auch deshalb, weil sie dem Zuschauer das Gefühl geben, das eigene Leben sei im Vergleich doch recht erfolgreich verlaufen. 

Dass ausgerechnet dieser Sender in einer Show ergründen will, woher die Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Empfängern kommen, ist deshalb eine echte Frechheit.

(nmi)