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23/04/2018 10:56 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 14:31 CEST

Meine Tochter war Hartz-IV-Kind – so habe ich ihr aus der Armut geholfen

Selbst wenn unsere finanziellen Mittel knapp waren: Mein Mann und ich haben beschlossen, dass es immer Geld für Bücher geben sollte.

Im Video oben: So leben Hartz-IV-Empfänger in Deutschland

Das schlimmste, was meiner Meinung nach passieren kann, ist, wenn das eigene Kind arbeitslos wird und von Hartz IV lebt.

Da ich als Mutter in den letzten 30 Jahren immer wieder meinen Job verloren und Sozialhilfe sowie Hartz IV bezogen habe und immer noch beziehe, weiß ich, vor welchen Herausforderungen eine Familie steht, um Armut nicht an ihre Kinder zu vererben. Meine Tochter jedoch hat es geschafft: Sie ist eines der wenigen Hartz-IV-Kinder in Deutschland, denen der Aufstieg gelungen ist.

Natürlich hat die Armut Spuren in meiner Familie hinterlassen. Gerade meine Tochter konnte ihr Leben oft nicht so gestalten wie ihre Altersgenossen.

► Meine wichtigste Errungenschaft ist jedoch: Ich habe meine Tochter zu einem eigenständigen Erwachsenen erzogen, der nicht mehr auf die Hilfe des Staates angewiesen ist.

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Kinder von Hartz-IV-Empfängern droht oft ebenfalls Hartz IV

Armut vererbt sich oft, gerade für Kinder von Hartz-IV-Empfängern besteht ein erhöhtes Risiko, später selbst betroffen zu sein.

Rund 21 Prozent aller Kinder in Deutschland leben dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. Weitere 10 Prozent befinden sich zumindest vorübergehend in einer finanziell prekären Lebenslage. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervor.

Manche Familien sind schon seit drei Generationen arbeitslos, die Kinder kennen dann oft keinen geregelten Alltag. Manchmal sind sie die Einzigen, die aufgrund der Schule einem geregelten Tagesablauf folgen

Das erlebe ich auch in meinem Alltag: Eine Bekannte zum Beispiel lebt seit 15 Jahren von Sozialhilfe bzw. Hartz IV – so wie ihre mittlerweile 22-jährige Tochter auch.

Ich will sie nicht verurteilen, zumal ich selbst Unterstützung vom Staat erhalte.

Aber für die Tochter scheint es normal zu sein, von Hartz IV zu leben, unter anderem, weil sie es von ihrer Mutter so vorgelebt bekommen hat.

Die Gründe für so einen Werdegang mögen vielschichtig sein – von mangelnder Bildung bis hin zur Perspektivlosigkeit – aber genau so eine Entwicklung meiner Tochter wollte ich um jeden Preis vermeiden.

Wir wollten unsere Unterschichtsrolle nicht akzeptieren

Obwohl wir selbst zumindest teilweise in prekären Verhältnissen gelebt haben, war es meinem verstorbenen Mann und mir wichtig, unserer Tochter zu vermitteln, dass es mehr gibt als Sozialhilfe. Dass sie mit Fleiß und Disziplin mehr erreichen und sich Wohlstand erarbeiten kann.

Nur, weil wir weniger Geld hatten, wollten wir unsere Unterschichtsrolle nicht akzeptieren und unserem Kind zeigen, dass es nicht in Ordnung sei, seine Ziele niedrig zu setzen.

Bei uns zu Hause hat Bildung immer ein große Rolle gespielt – vielleicht liegt das daran, dass mein Mann und ich es aus unseren jeweiligen Elternhäusern in Polen nicht anders kannten. Meine Mutter war Lehrerin, auch ich habe in Polen Grundschulpädagogik studiert, und obwohl ich diesen Beruf hier in Deutschland niemals ausgeübt habe, war es mir wichtig, dass meine Tochter gut ist in der Schule.

Im Alter von fünf Jahren hat sich meine Tochter selbst Lesen und Schreiben beigebracht. Ich freute mich über ihren Wissensdrang und unterstützte sie dabei, wo ich nur konnte.

Selbst wenn unsere finanziellen Mittel knapp waren: Mein Mann und ich haben beschlossen, dass es immer Geld für Bücher geben sollte. Anstatt uns selbst Dinge zu kaufen, investierten wir lieber in das Hobby unserer Tochter.

Elżbieta Kremplewski
Elzbieta Kremplewski mit ihrem Mann und ihrer Tochter Agatha.

Bildung muss nicht viel kosten

Als meine Tochter dann alt genug war, ließ sie sich einen Ausweis in der Stadtbibliothek machen und lieh sich wöchentlich Bücher aus. Ich glaube, hätten wir nicht so sehr darauf geachtet, dass unsere Tochter von klein auf Zugang zu Literatur gehabt hätte, wäre sie nicht auf diese Idee gekommen.

► Bildung muss nicht immer viel kosten, aber es müssen Wege zu ihr hin aufgezeigt werden.

Für mich war es ganz selbstverständlich, dass meine Tochter im ersten Schuljahr schon recht fließend lesen sowie schreiben konnte und die Grundrechenarten beherrschte.

Während unserer Kindheit in Polen war es ganz normal, mit solchen Kenntnissen eingeschult zu werden. Umso mehr überraschte es mich, dass die Kinder hier in der ersten Klasse erst einmal das Alphabet lernen. Uns wurde schnell klar: Unsere Tochter brauchte eine andere Ausbildung.

Mein Mann veranlasste schließlich, dass unsere Tochter auf eine staatliche Montessori-Schule wechseln durfte. Dort wird nach dem Prinzip der Freiarbeit gelehrt: Die Kinder erhalten wöchentliche Pläne, die sie eigenständig abarbeiten. Das gefiel mir sehr, denn mir war wichtig, dass meine Tochter lernt, selbstständig zu denken und zu arbeiten.

Wir wollten zwar, dass unsere Tochter eine gute Ausbildung und gute Noten hat – aber wir wollten sie nicht ständig kontrollieren müssen und ihr, natürlich in geregelten Maßen, Mittel zur freien Entfaltung bieten, damit sie ihren eigenen Interessen nachgehen kann. 

In der Montessori-Schule blühte unsere Tochter auf – was nicht zuletzt am Umfeld lag. Viele ihrer Klassenkameraden kamen aus einem gutbürgerlichen Umfeld, mit akademischen und künstlerischen Hintergrund.

Das Schönste war: Obwohl unsere Familie wirtschaftlich schwächer gestellt war und nicht einmal aus Deutschland kam, waren wir immer sehr akzeptiert. Ich glaube, dort hat meine Tochter schon in jungen Jahren gemerkt, welche Möglichkeiten ihr offen stehen, wenn sie an sich arbeitet und gut in der Schule ist.

“Und warum keine Eins plus?”

Bis zur Mittelstufe hatte sie meist sehr gute Noten. Wenn sie nach Hause kam und sagte, sie hätte wieder eine Eins geschrieben, machten mein Mann und ich uns immer einen Spaß daraus, zu fragen: “Und warum keine Eins plus?”

Das ärgerte sie natürlich, aber sie wusste auch, dass wir stolz auf sie waren. Manchmal beschwerte sie sich jedoch, warum wir sie bei einer Zwei oder Drei nicht auch lobten.

Es mag hart klingen, aber wir waren davon überzeugt, dass unsere Tochter mehr schaffen sollte als wir. Dass sie hohe Ziele zu erreichen hatte.

Und das der Schlüssel zum späteren beruflichen Erfolg nun einmal der schulische Erfolg sei.

Sie für eine schlechte Note zu loben, wäre uns einer Demotivation gleichgekommen.

Mit dem Geldmangel zu Hause schien sich meine Tochter zu arrangieren, obwohl sie vor allem später auf dem Gymnasium in einem gehobenen Düsseldorfer Viertel unsere niedrige wirtschaftliche Stellung zu spüren bekam. Selbstverständlich war es hart für uns alle, mit dem Lebensstandard ihrer Klassenkameraden nicht mithalten zu können.

Mit 12 nahm meine Tochter einen Nebenjob an

Deswegen war ich besonders stolz, als meine Tochter mit zwölf Jahren beschloss, einen Nebenjob anzunehmen und sich ein wenig Taschengeld hinzuzuverdienen, indem sie Prospekte austrug. Ihr war schon früh bewusst: Sie kann sich nicht darauf verlassen, dass Mama und Papa schon zahlen und muss sich ihre Wünsche selbst erarbeiten.

Natürlich war nicht immer alles einfach. Als meine Tochter im Teenager-Alter war, arbeiteten wir nachts und lieferten Zeitungen aus. Damit verdienten wir natürlich keine Reichtümer und hatten tagsüber außerdem wenig Zeit für unser Kind.

Der Gesundheitszustand meines Mannes verschlechterte zu zunehmend, er litt unter Diabetes und Arteriosklerose, der Umgang mit ihm wurde immer schwieriger. Seitdem meine Tochter 13 war, sprach er nicht mehr mit ihr, obwohl wir dennoch gemeinsam in einer Wohnung lebten.

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Eine Zeitlang konnte meine Tochter die Situation verkraften, aber mit 15 erlebte sie eine Krise: Sie, die Musterschülerin, weigerte sich plötzlich, zur Schule zu gehen. Endlose Gespräche mit Lehrern waren die Folge, Klassenkonferenzen, eines Tages drohte ein Schulverweis. Ich kam an meine Tochter nicht mehr heran, sie distanzierte sich nicht nur von mir, sondern auch ihren Freunden.

Aber ein Jahr später fing sie sich wieder, schrieb gute Noten, war in der Schülervertretung aktiv. Heute weiß ich: Obwohl ihre Lehrer nicht an sie geglaubt haben, wusste sie, was sie tat. Sie probierte ihre Grenzen aus und konnte mit den Konsequenzen umgehen.

Obwohl ich gerade zu dieser Zeit ihre Entscheidungen nicht immer unterstützt habe, bin ich stolz, dass sie an der Situation gewachsen ist und ihr zwischenzeitliches Scheitern überwinden konnte.

Damals haben mir ihre Lehrer vorgeworfen, dass ich mich nicht genügend um meine Tochter kümmern würde. Das ist sicherlich ein Vorwurf, mit dem viele gering verdienende oder arbeitslose Eltern zu kämpfen haben.

Aber ich glaubte fest an den Entscheidungswillen meiner Tochter. Sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf und ich wusste, am Ende wird sie ihren eigenen Weg gehen.

Dass man dabei aneckt, gehört zum Erwachsenenwerden dazu.

Armut der Eltern muss nicht zur Armut der Kinder führen

Auch wenn meine Tochter aufgrund unserer finanziellen Situation und Familienkonstellation immer wieder zurückstecken musste und ich mir häufig gewünscht habe, ihr ein einfacheres Leben zu bieten, versuche ich, die letzten Jahre positiv zu betrachten: 

In mancher Hinsicht musste meine Tochter früher erwachsen werden als andere, sich mehr um sich selbst kümmern.

Aber das hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist.

Ich bin stolz auf sie, wir haben ein gutes Verhältnis zueinander. Sie sagt mir immer wieder, dass sie dankbar ist, dass ich ihr trotz allem so viele Freiräume gelassen habe.

Ich glaube, dass eine schlechte finanzielle Situation in einer Familie nicht zwangsweise dazu führen muss, dass auch die Kinder in Armut leben. Wichtig ist, dass wir Eltern, selbst wenn wir uns in einer schwierigen Lage befinden, den Kindern trotzdem Werte vermitteln und versuchen, ihnen so viel zu ermöglichen, wie es eben geht. So gut Vorbild zu sein, wie es eben geht.

Elzbieta Kremplewski
Elzbieta beim Abschlussball ihrer Tochter Agatha 

 

Ich weiß, dass nicht alle arbeitslosen Familien so funktionieren wie unsere.

Viele haben keine Vorstellung davon, was sie ihren Kindern auch ohne Geld ermöglichen können. Dazu trägt im Wesentlichen die gelebte Perspektivlosigkeit bei, die gerade in vielen Hartz-IV-Familien vorherrscht und die auch wir teilweise erlebt haben.

Willenskraft allein reicht nicht – man braucht auch Glück

Die große Schwierigkeit ist: Wie können wir Eltern stark genug sein, unseren Kindern vorzuleben, dass sie es besser haben können – ohne selbst die Möglichkeit zu haben, dieses gewünschte Leben zu führen?

Wie können wir unseren Kindern eine freie Entwicklung gewährleisten, ohne höhere Ziele aus dem Blick zu verlieren?

Viele arbeitslose Eltern müssen, während sie ihren eigenen, manchmal strukturlosen Alltag bewältigen, erst einmal die Motivation finden, ihre Kinder davon zu überzeugen, einen anderen Rhythmus zu leben.

Willenskraft alleine reicht manchmal nicht. Man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, um die richtigen Informationen abzugreifen. Uns hat damals der Tipp mit der Montessori-Schule sehr geholfen.

Am Ende hatten wir auch eine gehörige Portion Glück, dass unsere Tochter auf diese Schule wechseln und ein neues Umfeld kennenlernen durfte sowie den Willen zeigte, zu lernen.

Nicht alle Familien schaffen das oder haben die Möglichkeit, die Bildung ihrer Kinder so frei zu gestalten – trotz Armut.

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Wenn ich selbst schon arm bin, muss ich alles dafür tun, damit mein Kind es später besser hat – und wenn ich nicht mit Geld helfen kann, dann zumindest mit der richtigen Einstellung.

(amr)