WIRTSCHAFT
24/02/2019 09:49 CET | Aktualisiert 24/02/2019 16:55 CET

Hartz IV: Jobcenter lässt 52-Jährigen Malbilder bearbeiten – der ist entsetzt

"Was soll ein Mensch mit 52 Jahren mit gesundheitlichen Einschränkungen solche Malbilder ausmalen?"

AFP Contributor via Getty Images
Jobcenter: Wie hilfreich sind die Maßnahmen für Hartz-IV-Empfänger? Eine Geschichte eines Leistungsbeziehers lässt einmal mehr Zweifel aufkommen. 
  • Ein 52-jähriger Hartz-IV-Empfänger beklagt in einem Medienbericht das Niveau von Jobcenter-Maßnahmen – er empfindet es als erniedrigend. 
  • Es ist nur ein Beispiel von vielen für die fragwürdigen Aufgaben in Jobcentern, die in den vergangenen Wochen öffentlich wurden. 

“Pure Erniedrigung.”

So nennt ein 52-jähriger Hartz-IV-Empfänger die Qualifizierungsmaßnahme seines Jobcenters.

Denn: Er musste offenbar Bastel- und Malvorlagen auf Grundschulniveau bearbeiten, wie die “Hannoversche Allgemeine Zeitung” berichtet. 

Unter den Ausmalvorlagen habe sich ein Bild des Weihnachtsmannes mitsamt Geschenken und ein Ausschneidebild eines Blumenmännchens befunden, auch eine Bastelanleitung für eine Brücke aus vier Bögen Papier sei dabei gewesen. 

“Was soll ein Mensch mit 52 Jahren mit gesundheitlichen Einschränkungen solche Malbilder ausmalen”, klagt der Hartz-IV-Empfänger, der früher als Putzer und Schweißer, später als Lagerarbeiter tätig gewesen sei, gegenüber der “HAZ”. 

Die Diakonie verteidigt die Hartz-IV-Maßnahmen

Die für die Maßnahme zuständige Dachstiftung der Diakonie verteidigt das sogenannte “Check up”. 

► Die Recherche im Web sei für viele Arbeitssuchende sehr ungewohnt, die Konzentrationsfähigkeit lasse nach. Da sei das Ausmalen von Mandalas eine gute Methode zur Entspannung, sagt eine Sprecherin der Diakonie der “HAZ”. 

Die Geschichte des 52-Jährigen aus Hannover ist nur das jüngste Beispiel der Kontroverse um die Maßnahmen der Jobcenter für Hartz-IV-Empfänger. 

Hartz-IV-Maßnahmen in der Kritik

Im Januar postete eine Twitter-Nutzerin namens Mila ein Aufgabenblatt, dass laut ihren Angaben ihre Mutter im Jobcenter bearbeiten sollte. 

► Die Aufgaben darauf: Ein Bild von einer Katze sollte mit dem richtigen Begriff für das abgebildete Tier beschriftet werden. Die Hartz-IV-Empfänger sollten auch aufschreiben, welcher der gesuchten Begriffe mit “tz” geschrieben werde.

Die Aufgabe ist offenbar authentisch. Und bei weitem kein Einzelfall. 

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Hartz-IV-Maßnahmen: Bereicherung für die Jobcenter?

Eine Betetroffene, Miriam Müller, die eigentlich anders heißt, berichtete der HuffPost im Januar: Sie fühle sich vom Amt betrogen, gedemütigt, “und behandelt als wäre ich ein dummer Hartzer, kein Mensch.”

“In einer Maßnahme sollte ich den ganzen Tag puzzeln”, berichtete sie. “Das ist einfach Mumpitz. Was soll ich denn da lernen?”

Hartz-IV-Maßnahmen sollen den Arbeitssuchenden eigentlich dabei helfen, Qualifikationen zu entwickeln. Sie “unterstützen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei, eine Beschäftigung zu finden und aufzunehmen”, heißt es auf der Homepage der Agentur für Arbeit.

Für die Jobcenter sind sie aber auch eine Möglichkeit, ihre Statistiken aufzubessern: Arbeitslose, die an Maßnahmen teilnehmen, tauchen nicht mehr darin auf. Recherchen des “Tagesspiegel” haben im vergangenen Jahr offengelegt, wie Jobcenter-Mitarbeiter systematisch belohnt werden, wenn sie möglichst vielen Arbeitslosen Maßnahmen vermitteln.

Ob den Arbeitslosen diese Kurse nützen oder ob sie sich dabei wie Grundschüler fühlen – das ist offenbar Nebensache.

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