POLITIK
09/01/2018 17:49 CET | Aktualisiert 12/01/2018 14:25 CET

Wie Jobcenter-Mitarbeiter vom Leid der Hartz-IV-Empfänger profitieren

Das Arbeitsprinzip der Jobcenter ist so einfach wie fragwürdig.

  • Jobcenter geben Millionen für Fortbildungen für Arbeitslose aus
  • Die Kurse sind meist nutzlos, doch die Jobcenter-Mitarbeiter verdienen daran mit
  • Im Video oben seht ihr, wie Jobcenter Hartz-IV-Empfänger im Stich lassen

Die Arbeitsagentur verkündet eine Rekordzahl nach der anderen: Die niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung und Milliardengewinne.

Doch Recherchen von Hannes Hoffmann und Christian Honey für den Tagesspiegel zeigen, wer hinter die Kulissen blickt, in die Statistiken und in den grauen Alltag der Jobcenter, der sieht etwas anderes: Ein System, das nur vordergründig erfolgreich scheint und an Trickbetrug erinnert.

Ein System, in dem am Ende jene auf der Strecke bleiben, die die Hilfe eigentlich nötig haben: die Hartz-IV-Empfänger. 

Wenn Profitdenken zur Gier wird

Denn das Arbeitsprinzip der Jobcenter ist so einfach wie fragwürdig.

Die Führungskräfte in den Jobcentern erhalten Boni, je nachdem, wie viele Menschen ihre Abteilung erfolgreich vermitteln. Bis zu 20 Prozent ihres Gehaltes sind erfolgsabhängig.

Als Vermittlungen gelten jedoch nicht nur neue Jobs, sondern auch Fortbildungen bei privaten Trägern. Fortbildungen, die nachgewiesenerweise in vielen Fällen nicht helfen, hunderte von Millionen an Steuergeldern kosten und die Anbieter reich machen.

Hier die Zahlen im Einzelnen:

Das ist auch dem Bundesrechnungshof aufgefallen. Als 2015 500 Jobcenter durch den Bundesrechnungshof überprüft wurden, lautete das Urteil über die Fortbildungsmaßnahmen: “Oft nur zufällig erfolgreich” und “meist nutzlos”.

Dass die Maßnahmen, die sogenannten MATs (Maßnahmen bei einem Träger), nichts nützen, zeigt sich tatsächlich schnell, wenn man einen Blick in die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit wirft. Zwei Drittel der Menschen, die an einer Maßnahme teilgenommen haben, beziehen sechs Monate danach noch immer Hartz-IV. 

Die vielfach nutzlosen Maßnahmen kosteten allein 2016 773 Millionen Euro.

Und die Zahl der Maßnahmen steigt laut Recherchen des Tagesspiegel stetig.Von 583.000 im Jahr 2013 auf 748.000 im Jahr 2016.

Was noch steigt, ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger. So bezogen laut Statista 2017 bereits 4.365.723 Menschen in Deutschland Hartz-IV. 50.000 mehr als im Jahr davor.

Seit 2013 kritisiert der Bundesrechnungshof auch, dass die Kurse immer an die gleichen Träger verteilt werden.

Trotz der Kritik des Rechnungshofes kaufen die Jobcenter in riesigen Mengen weiter Fortbildungen für Hartz-IV-Empfänger.

Qualität und Dauer der Vermittlungen sind nebensächlich

Bei der Jagd nach dem Boni, geht es den Chefs der Jobcenter anscheinend oft nur darum, die Arbeitslosen möglichst schnell und in großer Zahl irgendwo unterzubringen.

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“Qualität und Dauer der Vermittlungen sind nebensächlich - Kundenzufriedenheit wird kaum belohnt. So ist es auch zu erklären, dass gerade die Langzeitbetreuung, die den Menschen wirklich neue Perspektiven eröffnen kann, viel zu kurz kommt”, erklärt die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann gegenüber der HuffPost.

Die Kursanbieter machen bei diesem Spiel gerne mit. Kein Wunder, denn die verdienen gut an den Jobcentern.

Auch die Bundesagentur für Arbeit, die als für die Jobcenter zuständige Behörde ja das System erst geschaffen hat, profitiert davon.

Denn wer in eine Fortbildung vermittelt wird, taucht nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Allein 2016 wurden 750.000 Arbeitslose in Maßnahmen vermittelt. Sprich: Eigentlich sind in Deutschland mehr als 3 Millionen arbeitslos, laut Statistik sind es unter 2,4 Millionen.

In diesem System gewinnen also alle:

Die Jobcenter-Mitarbeiter bekommen ihre Boni, die Kursanbieter volle, gut bezahlte Kurse und die Bundesagentur kann immer neue Erfolgsmeldungen in der Arbeitslosenstatistik verkünden.

Aber nicht nur die Hartz-IV-Empfänger sind die Dummen in dem System. Auch die Mitarbeiter in den Jobcenter leiden.

“Ich habe noch nie so viel Mobbing und Bossing erlebt, wie im öffentlichen Dienst”, sagt Inge Hannemann. “Wer seine Ziele nicht schafft, dem drohen Gängelung und 4-Augen-Gespräche.”

Um die Ziele nachzuhalten, gäbe es ein internes Punktesystem, in dem nur die Anzahl der Vermittlungen zähle, sagt Hannemann. Erhalte ein Mitarbeiter eine zu schlechte Bewertung, könne er sich auf die Kündigung gefasst machen.

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“Wer seine Stelle behalten will, muss der Logik der Bundesagentur für Arbeit folgen: statistische Zielerreichung durch bedingungslose Loyalität”, sagt Gerd Zimmer, Personalratsvorsitzender des Jobcenters Köln dem Berliner “Tagesspiegel”.

Sicher: Solche Punktesysteme und die Bezahlung nach Erfolg sind in Unternehmen gang und gäbe - für Behörden sind sie aber ungewöhnlich.

Die Hartz-IV-Bezieher müssen mitmachen, sonst drohen Sanktionen

Die einzigen, die auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam machen könnten, sind die Hartz-IV-Empfänger selbst. Doch auch hier gibt es ein System, dass dafür sorgt, dass sie Ruhe geben.

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Wer sich beschwert und eine Maßnahme ablehnt, der wird schnell vom Amt bestraft - und zwar mit Sanktionen. Das Amt kann nur einige wenige Euro vom Hartz-IV-Satz kürzen - aber auch das ganze Geld einbehalten.

Nach Untersuchungen des gemeinnützigen Recherchezentrums “correctiv” gehen die Jobcenter bei der Anwendung dieses Vorgehens oft rein willkürlich vor.

So berichtete die HuffPost kürzlich über den Fall eines Mannes, der aufgrund eines Schlaganfalls nicht zur Maßnahme erscheinen konnte. Die Folge: Er musste im Dezember von nur 163 Euro leben. Von Sanktionen Betroffene können sich häufig nicht mehr das Nötigste leisten, weder Strom, noch Klopapier.

Was Arbeitslosen wirklich helfen würde

Statt hunderte Millionen für die in großer Anzahl gekauften Gruppenmaßnahmen auszugeben, wäre es weit sinnvoller, es in individuelle Betreuungsangebote zu stecken.

Das geben selbst die Experten bei den Arbeitsagenturen zu wie Kay Senius, Chef der Regionaldirektion der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt-Thüringen.

Er sagte dem Nachrichtenportal “mdr Aktuell”: Wichtig sei es, “nicht nur zu versuchen, die Defizite zu beseitigen, sondern insbesondere die Talente, die man hat, zu fördern und zu entwickeln.”

Ebenso wichtig ist es laut Senius, Langzeitarbeitslose aus der Isolation zu holen, indem man die sozialpädagogische Betreuung ausbaut. Menschen, die die Jobsuchenden auf den ersten Schritten im neuen Job begleiten.

Die guten Ideen, um die Art, wie Deutschland mit seinen Arbeitslosen umgeht, zu reformieren sind also da. Ob diese sich aber in dem starren System durchsetzen werden, bleibt fraglich.

(br)