BLOG
06/12/2018 18:53 CET | Aktualisiert 07/12/2018 14:11 CET

Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin: "Ich half Hartz-IV-Empfängern und verlor deswegen meinen Job"

Ich unterstützte Hartz-IV-Empfänger, die zu unrecht sanktioniert wurden. Das kostete mich meinen Job. Trotzdem würde ich es wieder tun.

dpa
Die Hartz-IV-Rebellin Inge Hannemann bei einem Auftritt bei Anne Will.

Der Mann, der vor mir sitzt, ist keine 20 Jahre alt – und schon jetzt im Leben gescheitert.

Das zumindest befürchtet er. Er hat die Realschule vor Kurzem abgeschlossen und lebt vor allem von Hartz IV. Weil er nicht zu den Beratungsterminen des Jobcenters erschienen ist, wurde ihm der Hartz-IV-Satz nun komplett gestrichen. Er hat also keinerlei finanzielle Mittel mehr zur Verfügung.

Der Junge ist sichtbar angespannt. Sein grimmiger Blick wirft Falten in sein jugendliches Gesicht. Natürlich ist er misstrauisch – schließlich bin ich als Sachbearbeiterin des Jobcenters in dieser Situation so etwas wie der Feind.

“Sie können mir ja auch nicht helfen”, sagt der Jugendliche. Verübeln kann ich ihm diese Haltung nicht.

Mehr zum Thema: Hartz IV: Neue Zahlen zeigen, wie kaputt das System ist

Die Hartz-IV-Sanktionspraktik des Jobcenters ist sehr umstritten

Die Sanktionspraktik des Jobcenters wird immer wieder heiß diskutiert und kritisiert, vor allem, wenn sie Jugendliche trifft. Denn schon beim zweiten Vergehen der jungen Menschen wird die staatliche Finanzierung zu hundert Prozent gestrichen.

Leider musste ich während meiner acht Jahre, die ich in fünf verschiedenen Jobcentern arbeitete, feststellen, dass eine Sanktion oft nicht gerechtfertigt ist: Viele Mitarbeiter kennen die Lebensumstände ihrer Kunden nicht und haben keine Zeit, sie zu erfragen. Oder sie machen sich die Mühe einfach nicht.

Obwohl ich im Jobcenter deswegen viel Gegenwind erfahren habe: Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Sanktionen nicht ungerechtfertigt ausgesprochen werden. Ich habe sogar regelmäßig bereits umgesetzte Sanktionen wieder zurückgezogen – auch auf die Gefahr hin, dafür sehr viel Ärger mit meinen Vorgesetzten zu bekommen. 

Auch bei dem oben genannten jungen Mann, der stellvertretend ist für viele ähnliche Fälle, prüfte ich zunächst, ob es richtig war, ihm sämtliche finanzielle Mittel zu streichen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was das Problem des jungen Mannes war, warum er nicht zu den Terminen erscheint, die das Jobcenter ihm vorschreibt, warum er keinen Ausbildungsplatz hat, warum es so weit kommen musste, dass er derart hart bestraft wurde. Aber ich wusste: Wie jeder Mensch hat auch dieser Jugendliche eine zweite Chance verdient.

Als Jobcenter-Mitarbeiterin habe ich regelmäßig erlebt, dass Hartz-IV-Empfänger ungerechtfertigt sanktioniert wurden

Wer von Hartz IV lebt, muss in der Regel von 416 Euro im Monat auskommen. Zusätzlich werden Miete (bis zu einer regional abhängigen Höhe) und Heizkosten vom Jobcenter übernommen. Allerdings gilt das nur für diejenigen, die sich an die Regeln halten: Wer zum Beispiel ein unliebsames Stellenangebot ablehnt oder, wie der Junge, zu Jobcenter-Terminen nicht erscheint, wird sanktioniert.

Mehr zum Thema:Hartz-IV-Empfänger rechnen mit Spahn ab: “Erzählt totalen Schwachsinn”

In meiner Arbeit im Jobcenter habe ich allerdings immer wieder erlebt, wie Menschen die finanzielle Unterstützung, die ihnen eigentlich zusteht, verweigert wurde.

► Ich habe erlebt, dass ein Kunde seine Bescheide nicht lesen konnte, weil er Analphabet war. Dieser Mensch verpasst nicht absichtlich einen Termin – sondern einfach, weil er nichts von ihm wusste.

Ich habe erlebt, dass Hartz-IV-Empfänger sanktioniert wurden, weil sie aufgrund des öffentlichen Nahverkehrs zu spät zu einem Termin kamen, teilweise nur zehn oder 15 Minuten. Aber wer kann schon etwas dafür, wenn die U-Bahn aufgrund einer Störung einfach stehen bleibt?

► Ich habe erlebt, dass Menschen sanktioniert wurden, weil sie krank waren. Wer sich zum Beispiel einen schweren Magen-Darm-Infekt eingefangen hat, kann noch nicht einmal zum Arzt gehen, um sich krankschreiben zu lassen – so harmlos und folgenlos diese Krankheit auch sein mag.

► Und ich habe Fälle erlebt, wie die des besagten Jungen: Er war intelligent, hatte einen Schulabschluss – und war offensichtlich hilflos. Seine Hilflosigkeit wurde nun damit bestraft, dass ihm finanzielle Mittel entzogen wurden. Die Sanktion trug nicht zu seiner Besserung bei, sondern zu einem lähmenden Stillstand: Wie sollte der junge Mann jetzt noch einen Ausweg finden?

In einem längeren Gespräch mit ihm fand ich heraus, dass er in einer besonders schwierigen familiären Situation lebte: Er kam mit seinen Eltern nicht mehr zurecht, die offenbar mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hatten: Sie litten beide am Messie-Syndrom und hatten ihre Leben nicht mehr unter Kontrolle, ließen die Wohnung verwahrlosen.

Deswegen lebte der Sohn praktisch nicht mehr zu Hause, übernachtete bei Freunden. Die Post vom Jobcenter leiteten die Eltern ihm nie weiter, er wusste also nicht einmal von der Existenz der Briefe.

Mehr zum Thema: Jobcenter: Junge Mutter kämpft gegen den Krebs – jetzt wird sie auch noch bestraft

Dass der Junge überhaupt ins Jobcenter kam, lag daran, dass ich ihm eine SMS von meinem Privathandy geschickt hatte – erst auf diese Nachricht reagierte er. Anscheinend war vorher noch niemand auf die Idee gekommen, den Jungen einfach auf seinem Handy zu kontaktieren.

Was den Jobcenter-Mitarbeitern vor allem fehlt: Zeit

In solchen Fällen muss man oft ein wenig kreativ denken und vor allem sehr geduldig sein. Als Jobcenter-Mitarbeiterin habe ich gezielt Jugendliche als Kunden zugewiesen bekommen, die als “schwierig” galten: die nicht zu Terminen oder Weiterbildungsmaßnahmen erschienen. Die aggressiv waren. Die bereits sanktioniert worden waren. Dabei brauchten diese Jugendliche in den meisten Fällen vor allem eines: Zeit. Und gerade an der mangelt es den Jobcenter-Mitarbeitern.

Was ich stattdessen im Jobcenter erlebt habe, ist eine unglaubliche Fixierung auf Effizienz und Zahlen: Durch die Quoten, die uns vorgegeben wurden, hatten wir oft nicht die Möglichkeit, so umfassend mit unseren Kunden zu arbeiten, wie es notwendig gewesen wäre.

Ich habe erlebt, wie Effizienz vor rechtliche und moralische Korrektheit gestellt wird. Es ist wichtiger, die Quote zu erfüllen, als einem bedürftigen Menschen die Existenz zu ermöglichen, die er eigentlich verdient.

Zum Hintergrund: Im ersten Halbjahr von 2018 gingen über 300.000 Wiedersprüche gegen Hartz-IV-Bescheide in den Jobcentern ein. Über 35 Prozent davon bekam ganz oder teilweise Recht. Das heißt, dass in Jobcentern bundesweit aktuell eine Fehlerquote von über 35 Prozent herrscht – das ist eine so hohe Quote, die man sich bei einem Unternehmen in der freien Wirtschaft kaum vorstellen könnte.

Als mir bewusst wurde, dass der Junge erst wieder den kompletten Hartz-IV-Satz erhalten musste, um wieder auf die Beine zu kommen, fing die mühselige und komplizierte Auseinandersetzung im Jobcenter wieder an: Ich musste den Fall neu auslegen, neu bewerten, begründen, warum die Sanktion nicht gerechtfertigt war. Das ist alles nicht so einfach, wie man glaubt.

Zudem kann man eine Sanktion auch nicht im Alleingang zurücknehmen. Man muss seine Begründung für den Rückzug von einem Zweitkorrektor absegnen lassen. Das kostet Zeit und Energie – was die Vorgesetzten natürlich nicht gerne sehen.

Immer wieder wurde ich mit der Anschuldigung konfrontiert, Sanktionen grundlos zurückzuziehen.

Wie aber zum Beispiel der Fall des jungen Mannes zeigt, konnte mit diesem Schritt erst wieder der Anreiz für eine Weiterentwicklung gegeben werden – mit dem Ziel, dass ein junger Mensch am Ende wieder ein Teil der arbeitenden Gesellschaft ist.

Erst, als der Junge wieder den vollen Hartz-IV-Satz bekam, fasste er wieder Hoffnung

Nachdem der Junge wieder den Hartz-IV-Regelsatz erhielt, fingen wir an, eine Wohnung für ihn zu suchen – denn wir wussten, dass er nicht mehr mit seinen Eltern zusammenleben kann.

Über eine Zeitungsanzeige fanden wir ein günstiges Apartment für ihn. Dann trug ich dem Jugendlichen auf, er sollte sich eine Ausbildungsstelle suchen.

Das klingt alles nach kleinen Schritten – und dieser ganze Prozess hat tatsächlich, wie in vielen anderen Fällen, die ich bearbeitet habe, ein Jahr gedauert. Der Junge vertraute mir immer mehr. Er erschien nun zu unseren Terminen, er kam sogar manchmal ohne Termin vorbei, um mir den Zwischenstand seiner Bemühungen zu berichten – denn er hatte nun wieder ein Ziel vor Augen.

 

Diese anstrengende und langwierige Zusammenarbeit mit meinen Kunden hat mir bewiesen: Man muss dranbleiben. Man muss geduldig sein. Man muss auch mal unkonventionelle Ideen umsetzen. Und das sogar, wenn der eigene Arbeitgeber die angewandten Methoden nicht befürwortet.

Ich wurde für mein Verhalten zunehmend kritisiert, ab einem gewissen Zeitpunkt sogar regelrecht schikaniert. Erst waren die Angriffe subtil, wie zum Beispiel, dass ich die Gesetzesbücher, die ich in meinem Büro hatte, um Kunden eingehend beraten zu können, wegräumen sollte.

Dann wurde die Kritik immer lauter, immer heftiger – während es vielen meiner Kunden aufgrund der nun aufgehobenen Sanktionen und meiner Hilfestellung immer besser ging.

Ich wollte Hartz-IV-Empfänger gerecht behandeln – dafür wurde ich kritisiert

Weil ich mich dafür eingesetzt habe, dass Hartz-IV-Empfänger gerecht behandelt werden, habe ich mich auf einen langwierigen Kampf mit meinem mittlerweile ehemaligen Arbeitgeber, dem Jobcenter, eingelassen, der bis heute andauert.

Die Situation eskalierte. Ich wehrte mich gegen die, wie ich fand, ungerechtfertigte Kritik – und wurde irgendwann vom Dienst freigestellt, habe Hausverbot im Jobcenter erhalten und wurde ins Integrationsamt versetzt.

Mittlerweile bin ich selbst arbeitslos – aber nicht beschäftigungslos. Ich engagiere mich nach wie vor gegen Hartz IV und fordere das Bedingungslose Grundeinkommen für alle. Hartz IV würde ich selbst übrigens nicht beantragen.

Ich weiß, dass ich das System Hartz IV bisher noch nicht, wohl aber einzelne Schicksale verändern konnte. Ich weiß, dass ich Menschen wie dem oben genannten Jungen helfen konnte, ihre Lebensziele zu verwirklichen.

Und obwohl mir das viel Ärger mit meinem Arbeitgeber eingebracht hat: Ich würde es immer wieder tun.

Der Junge fand übrigens eine Ausbildungsstelle zum Röntgenassistenten und hat nebenbei sein Abitur nachgeholt – mit großem Erfolg, denn er schloss mit einem Einser-Zeugnis ab. Heute studiert er Medizin.

Wer an die Menschen glaubt und ihnen Möglichkeiten gibt, an sich selbst zu arbeiten, kann sich über solche Erfolge freuen. Und so können wir gemeinsam in kleinen Schritten daran arbeiten, hoffentlich eines Tages ein ganzes System zu revolutionieren – und die Sanktionspraxis der Jobcenter vielleicht sogar komplett abzuschaffen.

Dieser Text wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(ben)