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16/04/2018 13:48 CEST | Aktualisiert 17/04/2018 09:34 CEST

Freier Fall in Hartz IV: Arbeitslosigkeit hat meine Familie zerstört

Ich habe gelernt, dass es falsch ist, den Wert eines Menschen anhand seiner Arbeit zu definieren.

Oben im Video seht ihr, wie Hartz-IV-Empfänger in Deutschland wohnen.

Faul, antriebslos, auf der Couch herumlungernd, mit einer Bierflasche in der Hand: Wenn ich manchmal höre, wie Menschen über Hartz-IV-Empfänger herziehen, bekomme ich Wut im Bauch. Selten wird hinterfragt, wie es zu so einem Bild kommen kann.

Stattdessen werden solche Eigenschaften und Verhaltensweisen als natürliche Charakteristika des Langzeitarbeitslosen hingenommen, sogar von den zuständigen Ämtern.

Als sei jeder Arbeitslose selbst schuld an seinem Schicksal.

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Ich habe erlebt, wie ein gut gebildeter sowie ambitionierter Mensch so lange gegen das Stigma “arbeitslos” kämpfte, bis er sich schließlich dem Klischee ergab - arbeitslos, depressiv und alkoholsüchtig.

Der Mensch, von dem ich spreche, ist mein Vater. Sein scheitern wurde zu einem Stigma, dass unsere ganze Familie abstempelte.

Wir waren eine ganz normale Familie

Alles begann in den 80er Jahren. Wir waren eine ganz normale, geradezu gutbürgerliche Familie: Mein Vater arbeitete als Vertreter für pflanzliche Medizin, meine Mutter war Hausfrau und kümmerte sich vor allem um meine kleine Schwester und mich. Wir hatten ein Haus mit Garten in einem Münchner Vorort.

Mein Vater war ein richtiger “Selfmade Man” - alles hat er sich selbst erarbeitet. Er wollte schon immer nach ganz oben - das war wichtig für sein Selbstbild. Deswegen war er auch dagegen, dass meine Mutter arbeitet und ihn finanziell unterstützt. Er wollte es ganz alleine schaffen.

Nach einigen Jahren gründete mein Vater gemeinsam mit einem Bekannten ein Unternehmen, eine Art Marketing-Agentur für ebenjene Medikamente die er zuvor vertrieben hatte.

Arbeitslosigkeit: Wir verloren Geld, Stabilität und Gesundheit

Anfangs lief alles gut, aber 1989 kam dann der große Schlag, von dem sich unsere Familie nicht mehr erholen sollte: Der Geschäftspartner meines Vaters riss sich das Firmenkapital unter den Nagel und verschwand, das Unternehmen ging pleite, ein Insolvenzverfahren wurde eingeleitet.

Zur etwa gleichen Zeit wurde meine Mutter mit Multipler Sklerose diagnostiziert. In nur einem Jahr verloren wir alles: Geld, Stabilität, Gesundheit.

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Mein Vater war mit der Situation überfordert. Er kam weder mit der Tatsache zurecht, arbeitslos zu sein, noch damit, dass seine Frau nun schwer krank, zeitweise sogar auf einem Auge blind war und im Rollstuhl saß.

Er konnte seine Situation nicht akzeptieren und der Umgang mit ihm wurde immer schwieriger. Unterstützung von uns, seiner Familie, konnte er nicht annehmen - wie sollte das auch gehen, wenn wir diejenigen waren, vor denen er meinte, sich beweisen zu müssen?

Verschuldet und Besitz verpfändet: Umzug in die Sozialwohnung

Wir mussten zunächst in ein kleineres Haus ziehen. Obwohl ich noch ein Kind war, wurden mir die sozialen Ausmaße der Arbeitslosigkeit meines Vater langsam bewusst:

Um uns herum herrschte immer noch eine heile Welt, Einfamilienhäuser mit Vorgärten, Familien, die in Urlaub fuhren und scheinbar harmonisch miteinander lebten. Unsere Welt jedoch war ins Wanken geraten.

Ich erinnere mich, dass ich eines Tages 1991 von der Schule nach Hause kam und das Wohnzimmer leer war: Weil meine Eltern nun stark verschuldet waren und die Miete nicht mehr zahlen konnten, wurden viele Dinge, an denen auch mein Herz hing, gepfändet.

Es war ein großer Schock für mich, zu sehen, wie viel Gewalt die Gemeinde über uns hatte - plötzlich wurde von oben herab bestimmt, wie wir zu leben hatten, wo wir zu leben hatten und was wir noch besitzen durften. Innerhalb kurzer Zeit wurden wir in eine heruntergekommene Sozialwohnung verfrachtet. Nur für ein halbes Jahr - hieß es.

Es gab anfangs nicht einmal fließend warmes Wasser, die Wände waren verschimmelt und wir hatten einen Ölofen, für den meine Schwester und ich im Hof Öl aus dem Tank pumpen mussten, um zu heizen. Wir blieben sieben Jahre in dieser Wohnung.

Der Umgang der Ämter mit meiner Familie kam mir kaltherzig vor. Ständig schienen uns die Beamten zu suggerieren, wir seien selbst Schuld an unserer Situation - dabei habe ich mich immer wieder gefragt: “Was haben meine Eltern getan, um das zu verdienen?”

Die mangelnde Empathie, das regelmäßige Vorlegen von Dokumenten, Formularen, Kontoauszügen - man muss sich quasi bloßstellen vor dem Arbeitsamt, um am Ende doch so wenig zu bekommen.

Das Leben mit Sozialhilfe machte alkoholkrank und depressiv

Immer wieder versuchte mein Vater, Arbeit zu finden, schlug sich zeitweise als Nachtportier durch. Zum Leben reichte sein Gehalt leider nicht. Zunächst schoss meine Großmutter immer wieder etwas zu – ohne sie wären wir schon viel früher in diese prekäre Situation geraten.

Doch irgendwann mussten wir zusätzlich Sozialhilfe beziehen, um durchzukommen. Das hat meinen Vater zermürbt.

Er war kaum noch ansprechbar, wurde depressiv, trank immer mehr, bis er sich morgens, wenn er vom Nachtdienst kam, schon den “Jacky-Cola” einschenkte. Er wurde zu der Figur, die die Gesellschaft ihm aufdrängte.

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In so einer Situation ist es nur eine Frage der Zeit, wann man in die Schublade schlüpft, die einem geöffnet wird. Nur wenige können mit so einem Druck umgehen.

Magersüchtig mit 14 Jahren

Ich war noch nicht einmal im Teenager-Alter und hatte das Gefühl, meine Familie retten zu müssen. Meiner Schwester ging es ebenso. Was blieb uns mit einem depressiven Vater und einer schwerkranken, ebenfalls an Depressionen leidenden Mutter, die zeitweise monatelang im Krankenhaus lag, auch anderes übrig?

Ich versuchte mein Bestes, um die Familie zusammenzuhalten, auf meine Schwester Acht zu geben, gut in der Schule zu sein. Mit 14 konnte ich dem Druck nicht mehr standhalten, ich wurde magersüchtig.

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Glücklicherweise erkannte meine Oma, dass etwas mit mir nicht stimmte. Sie beschloss, dass ich mein Umfeld verlassen musste und finanzierte mir einen einjährigen Aufenthalt in Amerika. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür, dass sie mich damals finanziell unterstützen konnte – wie auch meine Familie. Aber natürlich waren auch ihre Mittel begrenzt.

Als ich zurückkam, blieb ich nur kurz in der Wohnung meiner Eltern, wechselte dann aber die Schule und zog zu einer Freundin. Die Magersucht besiegte ich in Amerika. Ohne Therapie. Im Nachhinein war es fahrlässig, aber ich sagte der Gastfamilie nicht, dass ich eine Essstörung hatte.

Es hatte ja auch niemand diagnostiziert. Ich nahm dieses Jahr als Chance war, ich konnte mich heilen, weil ich das entsprechende, sorgenfreie Umfeld hatte.

Meine Schwester musste in der Zwischenzeit mit allem alleine klarkommen. Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen deswegen. Andererseits war ich ihr in meiner damaligen Verfassung auch keine Hilfe. Nach dem Abi half meine Oma wieder mit einer Bürgschaft für eine Wohnung in München, in die meine Schwester und ich zogen.

Seit der Scheidung lebt meine Mutter mit Schulden und Hartz IV

Die Beziehung meiner Eltern war ruiniert. 2001 reichte meine Mutter schließlich die Scheidung ein und zog zu ihrer Mutter. Leider blieb sie auf den Schulden, die die Insolvenz des Unternehmens meines Vaters verursacht hatte, sitzen - denn er hatte damals alle Verträge von ihr unterschreiben lassen.

Anstatt wenigsten die Hälfte der Schulden zu übernehmen und den Karren trotz Scheidung gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen, entzog sich mein Vater der Verantwortung und überließ meine Mutter ihrem Schicksal.

Das war der Punkt, an dem auch ich mit meinem Vater brach, seit dem damals haben wir keinen Kontakt. Meine Mutter leidet bis heute an den Folgen der Insolvenz und lebt von Hartz IV.

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Meine Schwester und ich haben es jedoch geschafft, der Armut zu entfliehen: Wir haben beide studiert, sie hat einen sicheren Beruf ergriffen und mittlerweile eine Familie gegründet.

Ich wiederum bin selbstständig im kreativen Bereich. Das ist zwar nicht der sicherste Weg, den ich gehen konnte - aber es war mir wichtig, meine Freiheit und Flexibilität zu bewahren.

Psychologische Schulung für Jobcenter-Mitarbeiter

Bis heute habe ich ein ungutes Gefühl gegenüber Obrigkeiten. Ich verstehe nicht, warum so mit uns umgegangen wurde. Ich will nicht sagen, der Staat sei Schuld ist an unserer Geschichte; sicherlich gibt es Menschen, die in so einer Situation besser reagiert hätten und den Weg nach oben vielleicht wieder geschafft hätten.

Aber ich hätte gedacht, dass die Ämter uns mehr Lösungen aufzeigen würden, um unserer Misere zu entfliehen. Stattdessen haben sie eher Türen geschlossen, als geöffnet.

Ich hätte mir vor allem mehr Empathie von den Beamten gewünscht, vielleicht sollten auch psychologisch geschulte Sachbearbeiter eingesetzt werden. Wie sonst sollte man gewährleisten, dass jemand Verständnis aufbringt für das Leben eines gescheiterten Pharma-Vertreters?

Wenn ein Beamter einem Sozialleistungsempfänger gleich zu verstehen gibt, er sei selbst Schuld an seinem Schicksal, ohne die Hintergründe zu prüfen, ist das die pure Arroganz.

Ich habe gelernt, dass es falsch ist, den Wert eines Menschen anhand seiner Arbeit zu definieren. Der Mensch braucht eine Aufgabe, ein Ziel - aber er sollte nicht als Person daran gemessen werden. Deswegen bin ich auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen - ich glaube, so ein System ermöglicht dem Menschen ein würdevolleres Dasein.

Ganz davon abgesehen, dass wir in spätestens zehn Jahren scharenweise vor dem Problem der Arbeitslosigkeit stehen werden, wenn wir nicht jetzt Schritte ergreifen, um in der digitalisierten, schnelllebigen Welt unseren Platz zu finden.

Was Deutschland leider noch nicht begriffen hat, ist, dass eine Gesellschaft immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Insofern sind wir von Chancengleichheit leider immer noch weit entfernt.

 

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.