POLITIK
06/04/2018 13:21 CEST | Aktualisiert 06/04/2018 17:31 CEST

Flüchtlinge lernen jetzt erst Deutschlands wahre Bürokratiehölle kennen

Die HuffPost-These.

Im Video oben seht ihr, wie Deutsche Jobcenter Hartz-IV Empfänger im Stich lassen.

Bei der Flucht nach Deutschland ging es für Flüchtlinge erstmal nur um eines: In Sicherheit zu sein.

Hunderttausende dieser Flüchtlinge werden lange in Deutschland leben - und arbeiten wollen, um sich und ihre Familien zu finanzieren.

Bei vielen wird dieser Wunsch aber an den Arbeitsagenturen und Jobcentern scheitern.

Denn ihre Bürokratie lässt die Jobsuche für Flüchtlinge zur Hölle werden. Das überkomplizierte System wird auch verhindern, dass sich Flüchtlinge erfolgreich integrieren können. 

Die Ausgangssituation:

Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der Menschen, die in Deutschland Hartz IV beziehen, zuletzt drastisch gestiegen. Ein Grund: Flüchtlinge, die nach Anerkennung ihres Asylverfahrens Hartz-IV-Leistungen beziehen.

Im September 2017 bezogen 936.407 Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Iran, Pakistan, Somalia oder Nigeria Hartz IV. Das sind knapp ein Viertel aller Hartz-IV-Bezieher in Deutschland. 

► 583.600 Kinder und Jugendliche leben aktuell in Hartz-IV-Familien ohne deutschen Pass.

Seit 2013 sind laut Angaben des Bundesinnenministeriums 1,7 Millionen Asylsuchende nach Deutschland gekommen. Die Zahl der Neuankömmlinge ist stark rückläufig.

Für 2018 werden zwischen 180.000 und 200.000 neue Flüchtlinge erwartet

Mehr zum Thema:Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin: Es geht selten darum, Hartz-IV-Empfängern zu helfen

Darum landen so viele Flüchtlinge in Hartz IV:

► Auch wenn Flüchtlinge in Deutschland bleiben dürfen,werden ihnen auf dem Weg in die Arbeitswelt viele Steine in den Weg gelegt”, sagt die Arbeits- und Hartz-IV-Expertin Inge Hannemann der HuffPost.

Dabei gibt es vier Herausforderungen:

1. Die Sprache: Geflüchteten wird nur der A1 Deutschkurs gestellt”, erklärt Hannemann. Doch erst mit einem A2-Niveau könne ein Eintritt in die Berufswelt gelingen, meint die Expertin. 

Das Problem: Wenn Flüchtlinge ihr Sprachniveau weiter verbessern wollen, müssen sie sich selbst darum kümmern. Auf den Kosten bleiben sie dann sitzen. Und selbst, wenn sie die Aufbringen können, sind die Dozenten knapp.

2. Die Anerkennung von Zeugnissen: Aus Sicht von Hannemann sei die Zeugnisanerkennung eine unüberwindbare Hürde. Denn der Vorgang dauert oft Monate, manchmal Jahre, weiß Hannemann, die selbst acht Jahre lang in verschiedenen Jobcentern gearbeitet hat.

Auch hier müssen die Geflüchteten die Kosten selbst tragen. Und die können bei notariellen Übersetzungen schnell einige hundert Euro betragen.

Mehr zum Thema: Jobcenter verschwenden Steuergelder, statt Hartz-IV-Empfängern zu helfen

Und sollten die Flüchtlinge auf ihrer Flucht nicht in der Lage gewesen sein, ihre Zeugnisse mitzunehmen, gebe es laut Hannemann oft nur einen Weg: ”In den Fällen erhalten sie ihre Papiere nur, wenn sie in das Land, in dem sie in Lebensgefahr sind, zurückkehren und ihre Unterlagen abholen.” 

3. Jobs bringen weniger ein als Hartz IV: Viele Geflüchtete würden auch eine Anstellung in Niedriglohn-Jobs annehmen”, ist sich Hannemann sicher. Doch ihnen sei anfangs nicht bewusst, wie wenig Geld sie da verdienen würden. 

Denn wenn sie eine Stelle annehmen, müssen sie beispielsweise die Miete ihrer Wohnung selbst zahlen. 

4. Rassismus: “Ich weiß von Fällen, wo Job-Vermittler gesagt haben: ‘Mit Kopftuch bekommst du keinen Arbeitsplatz’”, berichtet Hannemann.

So landen Flüchtlinge statt in einer Anstellung in Hartz IV – und lernen Deutschlands Bürokratie von ihrer schlechtesten Seite kennen. 

Was die Flüchtlinge in Hartz IV erwartet:

Den Geflüchteten wird es so ergehen, wie den Deutschen. Vor dem Jobcenter sind alle gleich”, erklärt Hannemann. Für sie werde Hartz IV “zur Endstation”, viele würden in der Langzeitarbeitslosigkeit landen.

► Die Zahlen geben ihr Recht: Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes, schaffen es gerade mal 16 von 1000 Langzeitarbeitslosen wieder einen Job zu finden.

Kein Wunder, denn die Eingliederungs-Maßnahmen, die die Jobcenter anbieten, sind meist nutzlos.

Das ist auch dem Bundesrechnungshof aufgefallen. Als im Jahr 2015 500 Jobcenter durch die Finanzkontrolle des Bundes überprüft wurden, lautete das Urteil über die Fortbildungsmaßnahmen: “Oft nur zufällig erfolgreich” und “meist nutzlos”. Die nutzlosen Maßnahmen haben jedoch ihren Preis: Sie kosteten allein 2016 773 Millionen Euro.

Für die Flüchtlinge kommen aber weitere Probleme hinzu: 

Erstens: Jobcenter haben keinen direkten Kontakt zu Unternehmen 

“Wenn ich jemandem in Anstellung helfen will, dann rufe ich direkt bei dem Arbeitgeber an und erkläre ihm, warum der Bewerber gut zu ihm passt. Arbeitsvermittler der Jobcenter dürfen genau das nicht tun. Dafür ist der Arbeitgeberservice zuständig, der die Bewerber zumeist gar nicht kennt.”

Mehr zum Thema: Die Bundesagentur für Arbeit erzielt Milliardengewinne: Hartz-IV-Empfänger sind die Dummen

Zweitens: Das Bürokratendeutsch der Jobcenter ist weitgehend unverständlich

Die Anträge, Einladungen und Entscheidungsschreiben der Jobcenter sind oft in einem Behördendeutsch verfasst, das selbst Muttersprachler verzweifeln lässt. Flüchtlinge? Chancenlos.

Wenn ein Flüchtling aber einen Antrag nicht richtig ausfüllt, einer Einladung nicht nachkommt oder eine Maßnahme nicht besucht, drohen Sanktionen. Sprich, ihnen werden die Leistungen gekürzt.

Zwischen Oktober 2016 und September 2017 wurden fast eine Millionen Hartz-IV-Empfänger sanktioniert.

►Laut Untersuchungen des gemeinnützigen Recherchezentrums “Correctiv” gehen die Jobcenter gegen Vergehen oft rein willkürlich vor. 

Aufgrund der Sprachprobleme ist zu erwarten, dass die Flüchtlinge hier häufiger Probleme haben werden.

Fazit:

Die Flüchtlinge mögen also in Deutschland in Sicherheit sein. Doch was sie anschließend erwartet, ist Arbeitslosigkeit und die Mühen der Jobcenter-Bürokratie.

Auch wenn es zynisch klingt: Genau damit erfahren die Flüchtlinge, wie es Millionen Deutschen seit nunmehr 13 Jahren geht, die vom Hartz-IV-System abhängig sind. Sie sind in einem System gefangen, das weniger der Bekämpfung als der Verwaltung der Arbeitslosigkeit dient. 

Besserung unwahrscheinlich.