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24/02/2018 10:03 CET | Aktualisiert 30/07/2018 22:51 CEST

Meine Mutter lebt von Hartz IV – das zerreißt unsere Familie

Meine Mutter und ich scheinen in zwei verschiedenen Deutschlands zu leben.

Im Video oben: So wohnen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland

Ich kenne eine Frau, die seit Jahren von Hartz IV lebt.

In einem Supermarkt räumt sie als Aushilfe Regale ein, von dieser Tätigkeit leben kann sie natürlich nicht. Sie geht gerne mit ihrem Hund spazieren, viele andere Hobbys kann sie sich nicht leisten.

Freunde hat sie kaum, die wenigen Menschen, die sie kennt, sind ebenfalls arbeitslos. Das letzte Mal in den Urlaub gefahren ist sie vor 15 Jahren.

Diese Frau ist meine Mutter – und ich weiß nicht, ob wir uns aufgrund unserer Lebenssituationen überhaupt jemals kennengelernt hätten, wären wir nicht verwandt.

Die Tatsache, dass sie von Hartz IV lebt, lässt sie in einer anderen Welt leben als meiner

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich liebe meine Mutter über alles. Sie ist eine liebenswerte, humorvolle und intelligente Frau und ich bin dankbar für alles, was sie für mich getan hat. Aber die Tatsache, dass sie von Hartz IV lebt, lässt sie in einer anderen Welt leben als meiner.

Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen als Kind polnischer Immigranten, die den Großteil meines Lebens keine feste Arbeit hatten.

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Das Studium meiner Mutter (sie war eigentlich Grundschullehrerin) wurde in Deutschland niemals anerkannt.

Meine ersten Lebensjahre lang war sie Hausfrau, bis mein Vater uns allein nicht mehr finanzieren konnte.

Sie arbeitete zunächst in Teilzeit, dann Vollzeit.

Drei Unternehmen, in denen sie angestellt war, gingen pleite.

Mit Ende 50 war eine Neuanstellung mit ihrer Qualifikation schier unmöglich.

Selbst das Arbeitsamt scheint sie aufgegeben zu haben und bietet ihr keine neuen Stellen mehr an, geschweige denn Weiterbildungen.

Meine Mutter steckt fest.

Ich hingegen habe meinen Magister mit sehr guten Noten abgeschlossen, habe ein Volontariat gemacht und stehe mit beiden Beinen fest im Berufsleben. Ich habe viele Freunde, reise und mache Sport. Von dem monotonen Alltag meiner Mutter fühle ich mich weit entfernt.

Ihre Welt erscheint mir eng und öde

Deswegen ist es, bei aller Liebe, jedes Mal ist eine Herausforderung, meine Mutter zu besuchen. Denn vieles von dem, was für mich mittlerweile natürlich ist und mir einen so viel größeren Zugang zu der Welt da draußen verschafft, ist für meine Mutter unverständlich. Ihre Welt hingegen erscheint mir eng und öde.

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Das zeigt sich zum Beispiel, wenn wir über unsere Arbeit sprechen: Ich erzähle von komplexen Aufgaben, Gehaltserhöhungen oder meinen Kollegen. Sie spricht gefühlt ewig darüber, wie man Kaffee akkurat ins Regal einsortiert.

Ich muss mich jedes Mal zurückhalten, nicht genervt zu reagieren, wenn sie von ihrem Job erzählt:

Wie anstrengend die körperliche Arbeit für sie, eine mittlerweile über 60-jährige Frau, ist – obwohl sie doch nur ein paar Stunden pro Woche arbeitet. Wie sehr sie sich dennoch in ihre Tätigkeit hineinsteigert. Wie sehr sie versucht, mit meinem Berufsleben mitzuhalten.

Meine Mutter wiederum scheint oft nicht zu verstehen, was ich überhaupt arbeite, geschweige denn kann sie sich meine zahlreichen Aufgaben oder Zeitpläne merken. Dann werde ich wütend, weil ich glaube, sie interessiert sich nicht für mich – aber wie sollte sie auch Zugang zu meinem Beruf haben?  

Sämtliche Lebensbereiche sind aufgrund unserer wirtschaftlichen Situation und sozialen Position völlig anders 

Mittags, nach der Arbeit, isst meine Mutter oft nur eine Kleinigkeit. Eine Zeitlang hat sie sich vor allem von Tiefkühlprodukten ernährt: Fischstäbchen, Kroketten, Pizza. Im Gegensatz dazu bin ich seit Jahren Vegetarierin, kaufe viel Bio, koche gerne.

Für ihre Ernährungsweise habe ich wenig Verständnis, ständig halte ich meine Mutter Vorträge über Zucker, Low Carb und gesunde Fette. Wir haben uns sogar einmal darüber gestritten, was Zucchini ist (sie hat das mit Chicorée verwechselt).

Wir streiten generell viel, nicht nur über Essen. Sämtliche Lebensbereiche sind aufgrund unserer wirtschaftlichen Situation und sozialen Position völlig anders strukturiert.

► Bei ihr läuft den ganzen Tag lang der Fernseher, ich besitze seit über zwölf Jahren keinen.

Sie kauft ihre Kleidung gebraucht bei ebay, ich in Boutiquen.

Fair trade und Bio sind ihr nicht wichtig (mal abgesehen davon, dass solche Siegel ihr Budget sprengen würden), ich gebe gerne ein wenig mehr Geld dafür aus.

► Sie spielt Computerspiele, ich lese klassische Literatur.

Ich will noch so vieles erreichen und lernen, Neues ausprobieren, reisen. Sie will die Zeit bis zur Rente überbrücken.

Wenn ich manchmal einen Moment lang vergesse, dass diese Frau meine Mutter ist, erscheint sie mir wie eine Fremde – eine Frau, die zu wenig auf sich selbst und ihr Umfeld achtet, die sich nicht für gesellschaftliche Themen interessiert, die um jeden Preis billig einkauft und nicht auf Qualität achtet.

Meine Mutter ist kein Klischee-belasteter Hartz-IV-Assi

Und wie sieht meine Mutter mich? Wahrscheinlich komme ich ihr genauso fremd vor, abgesehen von der Tatsache, dass ich ihre leibliche Tochter bin.

Für sie bin ich vermutlich ein pseudo-intellektueller Snob, der in schicken Kaffees herumhängt, grüne Smoothies trinkt und alle, die sich nicht diesem Lebensstil anschließen, von oben herab als unmotiviert und beschränkt bewertet.

Meine Mutter sagt mir manchmal, ich sei arrogant, weil ich ihr meinen Lebensstil aufzwängen will. Und genau genommen stimmt das auch. Was habe ich für ein Recht, ihr Leben zu bewertet und meines als besser zu empfinden?

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Sie unterstützen, ohne sie zu belehren, fällt mir oft schwer. Ich will einfach nur, dass es ihr gut geht.

Meine Mutter ist kein Klischee-belasteter Hartz-IV-Assi. Und ich bin keine besserwisserische Bonze. Aber die sozialen Gruppen, denen wir angehören, lassen die jeweils andere gerne und schnell so erscheinen.

Deutschland zerbricht an “die da oben” und “die da unten” 

Die deutsche Öffentlichkeit ist durchflutet mit Diskussionen über die soziale Kluft, die hierzulande herrscht. Vor nicht einmal einem halben Jahr wurde eine Partei als drittstärkste Instanz in den Bundestag gewählt, die Deutschland, stärker als jede andere Partei, in ein “die da oben” und “die da unten” trennt.

Ist der Unterschied wirklich so signifikant – oder bauschen wir ihn nur auf, weil wir uns durch Stereotype und mangelnde Empathie den Zugang zu anderen sozialen Gruppen verwehren?

Meine Mutter und ich scheinen in zwei verschiedenen Deutschlands zu leben: Ich lebe im Land der Dichter und Denker, in einem liberal und akademisch geprägten Umfeld, dessen existenzielle Probleme sind, welchen Karriereschritt man als nächstes gehen soll, ob man nicht vielleicht doch eine Weltreise macht und die sich Gedanken macht, ob vegan sein nicht die einzig politisch korrekte Art und Weise ist, sich zu ernähren.

Meine Mutter lebt in einem anderen Deutschland. Einem Deutschland, in dem der Fernseher das Tor zur Außenwelt ist, das keine Karrierewege zur Auswahl stellt, wo Essen nur Mittel zum Zweck ist.

Wie können wir die zwei Versionen dieses Landes vereinen? Wie können wir Arm und Reich, Wutbürger und Eliten zusammenbringen? Sind es wirklich nur wirtschaftliche Faktoren, die uns trennen?

Ich weiß, dass sie weit mehr ist, als die faule Hartz-IV-Empfängerin

So viel meine Mutter und ich uns auch streiten – wir sind eine Familie und wir lieben uns. Ich weiß, dass sie weit mehr ist, als die faule Hartz-IV-Empfängerin. Sie weiß, dass ich mehr bin, als der belehrende Snob.

Aber wüssten wir das auch, wenn uns unsere Geschichte und unser Blut nicht verbinden würden?

Ich gehöre zum prozentual verschwindend geringen Teil der Gesellschaft, der den Aufstieg aus der Unter- in eine akademische Schicht geschafft hat. Kinder meiner ursprünglichen Schicht erhalten viermal seltener auch nur eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Und selbst dann haben Kinder ärmerer Schichten oft einen schlechteren Zugang zu Bildung, manchmal nicht einmal einen Raum, in den sie sich zum Lernen zurückziehen können.

Die meisten Menschen, die meinen Start haben, bleibt die Welt, in der ich jetzt lebe, verschlossen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich beide Seiten kenne, so kann ich mehr Verständnis aufbauen für andere soziale Gruppen.

Selbst wenn es manchmal weh tut, meine Mutter zu besuchen und so in eine Welt zurückzublicken, die ich eigentlich gerne in der Vergangenheit einsperren würde.

Wenn wir Menschen stigmatisieren, verkennen wir ihr Potenzial

Finanzielle Unterstützung alleine reicht nicht – wir müssen uns auch menschlich offen zeigen, um eine freie Mobilität zwischen den Schichten zu ermöglichen.

Meine Mutter ist eine gebildete Frau, die es, wie so viele andere auch, nicht verdient, in eine Schublade gesteckt zu werden. Wenn wir Menschen sozial stigmatisieren, verkennen wir ihr gesellschaftliches Potenzial.

Dafür muss nicht nur ich als Tochter, sondern sollten wir alle eine Sensibilität entwickeln, um Menschen wie meine Mutter nicht noch weiter an den gesellschaftlichen Rand zu drängen.

Und gleichzeitig sollten wir empathisch genug sein, um wirtschaftlich besser gestellte Schichten nicht weiter an den oberen Rand zu drängen und so das Gefühl zu erzeugen, wir wären von einer unantastbaren Elite regiert.

Ich höre meiner Mutter nun häufiger zu, wenn sie von der Arbeit erzählt. Tausche mich mit ihr aus, wie man Arbeitsprozesse besser gestalten kann. Versuche, ihren Frust über einen stressigen Tag zu teilen und biete ihr nach der Arbeit an, ihren Nacken zu massieren.

Dafür bringe ich jedes Mal, wenn ich zu ihr komme, ein neues Nahrungsmittel mit, das sie probieren muss. Humus, Haloumi und Pomelo haben es schon auf ihren Ernährungsplan geschafft.