POLITIK
23/01/2019 12:22 CET | Aktualisiert 23/01/2019 12:26 CET

Hartz IV: Ex-Jobcenter-Mitarbeiterinnen prangern Hartz-IV-System an

"Es geht nicht um Menschen, es geht darum, Statistiken zu erfüllen.“

ullstein bild Dtl. via Getty Images
Jobcenter (Symbolbild).
  • Zahlreiche Hartz-IV-Empfänger fühlen sich durch teilweise unsinnige Weiterbildungs-Maßnahmen gedemütigt.
  • Auch Jobcenter-Mitarbeiter prangern das System an.

Demütigenden “Weiterbildungs”-Maßnahmen und die Angst vor Sanktionen. Zahlreiche Erfahrungsberichte von Hartz-IV-Empfängern zeugen von den Widrigkeiten, die Sozialleistungsempfänger in Deutschland tagtäglich über sich ergehen lassen müssen.

Nicht zuletzt wegen des Rechts auf eine menschenwürdige Existenz prüft nun sogar das Bundesverfassungsgericht, ob Sanktionen mit dem Grundgesetz vereinbar sind.

Dies scheint längst überfällig, glaubt man den Worten einer ehemaligen Jobcenter-Mitarbeiterin, die mit dem “Westen” gesprochen hat. “Beim Jobcenter geht es nicht um Menschen, es geht darum, Statistiken zu erfüllen“, sagte die 52-Jährige dem Regionalportal aus dem Ruhrgebiet.

“Nicht zielführende Maßnahmen”

Zwar hält die Ex-Sachbearbeiterin Hartz IV grundsätzlich für richtig, allerdings gebe es viele sinnlose Weiterbildungsmaßnahmen. Zuviel Geld würde für Bewerbungstrainings verschwendet, “die nicht zielführend sind”, erklärte sie weiter.

Als Beispiel nannte sie ein sogenanntes “Jobspeeddating”, das im vergangenen Jahr stattgefunden habe und bei dem über 700 Jobcenter-Kunden in Kontakt mit Firmen gebracht worden seien. Die Sozialleistungsempfänger hätten zwar zuvor bereits ein Bewerbungstraining absolvieren müssen. Weil aber nach dem Event noch Geld übrig gewesen sei, seien die Hartz-IV-Empfänger danach gezwungen gewesen, die Maßnahme erneut zu durchlaufen.

Der “Westen” zitiert die Jobcenter-Mitarbeiterin: “Die mussten raus. Wir mussten jedem Kunden ein Bewerbungstraining aufbrummen, egal, ob er schon da war oder nicht!”

Hartz IV: Das Jobcenter relativiert

Anders sieht dies das betroffene Jobcenter, bei dem das Regionalportal nachgefragt hat. Demnach hätten die Hartz-IV-Empfänger vor dem Speeddatingevent ein dreitägiger Bewerbungskurs absolviert, in dem ein Bewerbungsflyer erstellt wurden.

Nach dem Event habe es dann zwar tatsächlich erneut Bewerbungstrainings gegeben, doch dabei habe es sich lediglich um Einzelfälle mit individuellen Seminaren und Themenschwerpunkten gehandelt.

“Ich wollte Hartz-IV-Empfänger gerecht behandeln”

Auch in der HuffPost äußerte kürzlich die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann scharfe Kritik am Hartz-System. Bei ihrer Arbeit im Jobcenter erlebte sie laut eigenen Angaben immer wieder, wie Menschen die finanzielle Unterstützung, die ihnen eigentlich zustand, verweigert worden sei:

“Ich habe erlebt, dass Menschen sanktioniert wurden, weil sie krank waren. Wer sich zum Beispiel einen schweren Magen-Darm-Infekt eingefangen hat, kann noch nicht einmal zum Arzt gehen, um sich krankschreiben zu lassen – so harmlos und folgenlos diese Krankheit auch sein mag.”

Sie habe erlebt, wie Effizienz “vor rechtliche und moralische Korrektheit gestellt wird”. Es sei für Mitarbeiter der Jobcenter wichtiger, die Quote zu erfüllen, als einem bedürftigen Menschen die Existenz zu ermöglichen, die er eigentlich verdient.

Weil sich Hannemann dafür eingesetzt hatte, dass Hartz-IV-Empfänger gerecht behandelt werden, wurde sich nach einem “langwierigen Kampf” mit ihrem mittlerweile ehemaligen Arbeitgeber ins Integrationsamt versetzt.

Die Fälle zeigen, dass auch den Jobcenter-Mitarbeiter der Umgang mit ihren “Kunden” zusetzt. Wie es mit dem umstrittenen Hartz-IV-System weitergeht, dürfte maßgeblich von der Prüfung durch das Verfassungsgericht abhängen. Das Ergebnis wird in den kommenden Wochen erwartet.

(ll)