LIFE
10/08/2018 16:15 CEST | Aktualisiert 28/08/2018 13:20 CEST

Hartz-IV-Empfängerinnen treiben häufiger ab – Studie nennt die schrecklichen Gründe

Armut und mangelnde Aufklärung sorgen für mehr ungewollte Schwangerschaften.

KatarzynaBialasiewicz via Getty Images

Verhütungsmittel wie Kondome oder die Pille kosten nur ein paar Euro im Monat. Wer selbst diese allerdings nicht übrig hat, kann schnell in die Lage kommen, über das Leben eines ungeborenen Kindes entscheiden zu müssen. 

So ergeht es vielen Hartz-IV-Empfängerinnen in Deutschland, die sich aufgrund fehlender finanzieller Mittel oft keine Verhütungsmittel leisten können – und so unbeabsichtigt schwanger werden.

► Für viele Erwerbslose ist dies aufgrund der zusätzlichen psychischen, physischen und finanziellen Belastung ein Alptraum.

Die Folgen sind dramatisch: Weil sie öfter ungewollt schwanger werden treiben Hartz-IV-Empfängerinnnen im Vergleich mit nicht-arbeitslosen Frauen signifikant häufiger ab. 

“Erwerbslose entscheiden sich häufig gegen das Kind”

“Ich merke vor allem, dass Frauen, die in einer schlechten finanziellen Situation sind und bereits ein Kind haben, öfter abtreiben als Gutverdiener, wenn sie unbeabsichtigt schwanger werden”, berichtet Eva Zattler aus München, die für die Familienberatung pro familia arbeitet, im HuffPost-Gespräch. 

Die Erklärung, laut Zattler: 

“Viele der Frauen sagen, sie hätten es schon einmal mitgemacht, ein Kind mit wenig Geld großzuziehen – noch einmal trauen sie es sich nicht zu.”

Wer weniger als 1179 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, für den ist der Schwangerschaftsabbruch kostenlos.

Hartz-IV-Empfängerinnen treiben drei mal so häufig ab wie gut verdienende Frauen

Dementsprechend überrascht es nicht, dass Frauen, die von Sozialleistungen leben ...

 ... im Vergleich doppelt so häufig unbeabsichtigt schwanger werden wie gutverdienende Frauen ...

... und etwa drei Mal so häufig abtreiben.

Diese erschreckenden Zahlen liefert die Studie “Verhütung und soziale Lage”, die im Auftrag des Bundeszentralamts für gesundheitliche Aufklärung in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde. 

Und die Studie liefert den Grund für die hohen Zahlen gleich mit: Wer arm ist, kann sich oft keine Verhütungsmittel leisten oder die Art der Verhütung aufgrund der Kosten zumindest nicht frei wählen.

So werden in den Hartz-IV-Satz insgesamt gerade einmal 15,80 Euro für Gesundheitspflege mit einberechnet – sowohl für Männer als auch Frauen.

Dabei haben Frauen oft höhere Pflege- und Gesundheitskosten als Männer. Beispielsweise weil sie Hygieneartikel wie Binden oder Tampons kaufen; für Verhütung, die oft Frauensache ist, bleibt häufig kein Geld übrig.

► Das bedeutet nicht, dass Verhütung den Frauen egal ist.

So berichtet eine Teilnehmerin in der Studie, die Hartz IV bezieht und sich eine Spirale einsetzen lassen wollte: “Ja gut, dann haben sie mir halt gesagt, dass die vier, fünf, Sechshundert Euro kostet. Gut, dann nicht. So, und dann, wie gesagt, schwanger mit der Kleinen.” 

Vier- bis sechshundert Euro sind schon für normal Verdienende kein kleiner Betrag – wie soll ihn eine Frau aufbringen können, der monatlich nicht einmal 1000 Euro zum Leben zur Verfügung stehen?

Wer wenig Geld zur Verfügung hat, verhütet unsicherer

Die Studie zeigt nicht nur, dass die Teilnehmerinnen in Folge des Geldmangels seltener, sondern auch unsicherer verhüten – denn sichere Verhütungsmittel wie die Pille oder Spirale sind deutlich teurer, als zum Beispiel Kondome.

“Die Pille ist teuer. Wenn du überlegst, ein halbes Jahr 60 Euro kann sich auch nicht jeder leisten”, erklärt eine Teilnehmerin der Studie. 

Kondome sind günstiger und gelten zwar als recht sicher. Dennoch werden laut Pearl-Index – der das Maß für die Zuverlässigkeit von Methoden zur Empfängnisverhütung misst – bis zu zwölf von hundert Frauen unbeabsichtigt schwanger, wenn der Mann beim Sex ein Kondom benutzt. 

Eine der Teilnehmerinnen der Studie erzählt: 

“Da hatt’ ich dann grad, als ich dann schwanger geworden bin, in der Zeit gerade keine Pille, weil das Geld bisschen sehr knapp war”, sagt eine weitere Teilnehmerin der Studie. “Wir haben dann aufgepasst, wir hatten dann mit Kondom auch verhütet in der Zeit, aber hat nicht ganz geklappt, ja.”

Der Staat hat die Notwendigkeit zu handeln erkannt.

“In den meisten Großstädten sind mittlerweile Verhütungsmittelfonds eingerichtet, sodass Bedürftige eine Kostenübernahme für Pille, Spirale oder andere Verhütungsmittel beantragen können”, sagt pro-familia-Beraterin Zattler.

Das Problem ist allerdings, dass offensichtlich nicht alle Hartz-IV-Empfängerinnen über dieses Angebot informiert sind. Erschwerend kommt hinzu, dass mit der Kostenübernahme von Verhütungsmitteln weitere bürokratische Schritte erforderlich sind, die für viele Bedürftige eine Hürde darstellen.

“Krankenkassen sollten Kosten für Verhütungsmittel übernehmen”

“Um die Kosten für Verhütungsmittel erstattet zu bekommen, muss ein Kostenvoranschlag gestellt sowie ein Rezept eines Arztes eingereicht werden. Das ist ein bisschen kompliziert, aber machbar. Dennoch wird der Etat für Verhütungsmittel nicht vollends ausgeschöpft”, erklärt Zattler.

► Ein weiteres Problem sei übrigens, so Zattler, dass neben dem wirtschaftlichen oft der kulturelle Hintergrund bei der Wahl des Verhütungsmittels eine Rolle spiele.

“In manchen Ländern herrscht zum Beispiel die Annahme, die Spirale sei gefährlich oder die Pille ist verpönt. Es gibt, neben finanziellen Faktoren, noch viele weitere Gründe, die die Art der Verhütung beeinflussen.”

Um die Informationen über Verhütung leichter zugänglich zu machen und auch bürokratische Schleifen zu umgehen, plädiert Zattler dafür, dass die Krankenkassen die Kosten für Verhütungsmittel nicht nur bis zum 20. Lebensjahr übernehmen, sondern auch darüber hinaus.

So könne man ungewollte Schwangerschaften und zahlreiche damit einhergehende Abtreibungen verhindern. 

Kinder bedeuten ein Armutsrisiko

Ein Grund für die häufigeren Schwangerschaftsabbrüche bei arbeitslosen oder armen Frauen lässt sich allerdings nicht so schnell beseitigen: Kinder zählen in Deutschland zu den größten Armutsrisiken.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung vom Februar zeigt: Haushalte mit Kindern sind in den allermeisten Fällen finanziell schlechter gestellt als kinderlose Haushalte – schließlich bedeuten Kinder eine zusätzliche finanzielle Belastung, die nicht jede Familie stemmen kann.

Die Erklärung der Forscher ist einfach: “Je geringer das Familieneinkommen ist, desto schwieriger wiegt die finanzielle Belastung durch jedes weitere Haushaltsmitglied.”

Vor allem Alleinerziehende kann diese Belastung schwer treffen: Mit 68 Prozent liegt die Armutsquote in dieser Gruppe besonders hoch.

Weder Verhütung noch Kinderkriegen sollten ein Privileg sein – insofern ist es wichtig, nicht nur arbeitslosen Frauen, sondern auch Geringverdienenden zu vermitteln, dass es kostenlose Verhütungsmittel und Familienplanung gibt. 

Wo ihr kostenlose Verhütungsmittel bekommt

Am besten, ihr fragt in eurer jeweiligen Stadt im Sozial- oder Gesundheitsamt, ob eine Kostenübernahme oder Bezuschussung möglich ist.

In Berlin zum Beispiel ist die passende Anlaufstelle das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung (zum Beispiel in Charlottenburg-Wilmersdorf), in München das Sozialbürgerhaus.

Ansonsten gibt es an sieben verschiedenen Standorten in Deutschland das Projekt “biko”, das Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln gewährt. Zuständig für die Beratung ist jeweils die lokale Pro-Familia-Stelle

(ben)