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01/08/2018 13:10 CEST | Aktualisiert 03/10/2018 10:04 CEST

Hartz-IV-Empfängerin wird Kind weggenommen – ihre Reaktion macht sprachlos

"Ich habe die Vermutung, dass das bei mir legaler Kinder-Klau war.”

  • Der 22-jährigen Nathalie wurde das Kind weggenommen.
  • Für die Frau ist es eine Verschwörung des Jugendamtes.
  • Im Video oben: So wohnen Hartz-IV-Empfänger in Deutschland.

Überall leere Flaschen und dreckiges Geschirr; im Badezimmer stehen mehrere Bongs, die Bettlaken sind von einer Katze angepinkelt. 

Willkommen im zu Hause der 22-jährigen Nathalie aus Neuss. 

Ebenso durcheinander wie ihre Wohnung ist auch das Leben der jungen Frau: Seit zehn Jahren führt sie eine On/Off-Beziehung mit dem 26-jährigen Marcel. Er ist drogenabhängig, vorbestraft und neigt zu Gewaltausbrüchen.

RTL II
Die 22-jährige Nathalie und der 26-jährige Marcel leben von Hartz-IV – und das sogar gerne.

Sie selbst ist wegen Internetbetrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, hatte noch nie einen richtigen Job und lebt aktuell von 410 Euro Hartz-IV. Und das offenbar gerne. 

“Der Vorteil von Hartz-IV ist, dass man Geld kriegt, ohne etwas dafür zu machen zu müssen und kann dafür zu Hause sitzen”, sagt sie dem Kamerateam von RTL II, das sie für die Sendung “Armes Deutschland” begleitet. 

Hartz-IV-Empfängerin und damit glücklich

Nach Auffassung des Jugendamtes sind Nathalies Lebensumstände nicht die besten – was keine große Überraschung sein dürfte.

Die junge Frau findet es dennoch ungerecht, dass das Jugendamt ihr ihre Tochter (aus ihrer mittlerweile geschiedenen Ehe mit einem hier nicht näher beschriebenen Dritten) weggenommen hat.

“Das Jugendamt ist für mich der letzte Abschaum”, sagt Nathalie. “Das sind herzlose Menschen; die meisten davon haben keine Kinder und wissen nicht, was es bedeutet, ein Kind aus einer intakten Familie zu reißen.”

Eine intakte Familie, in der der Mutter vorgeworfen wird, ihre Tochter mit heißem Kakao verbrannt und mit einem Messer angegriffen zu haben, wie Nathalie später zugibt.

Doch die Aussagen der 22-Jährigen zeigen keine Spur von Selbstreflexion, Einsicht oder Wille zur Besserung. Die Vorwürfe des Jugendamts, sie habe ihre Tochter misshandelt und vernachlässigt, weist sie allesamt zurück.

Nathalie glaubt: “Die Jugendämter, die Gerichte und die Anwälte arbeiten alle zusammen. Deshalb habe ich die Vermutung, dass das bei mir legaler Kinder-Klau war.” 

“Das Jugendamt hat mein Kind verkauft”

Was das sein soll, erklärt Nathalie dem Kamerateam gerne genauer: “Es gibt nun mal Kinder, die sind hübscher oder süßer als andere und deshalb besser zur Adoption freizugeben. Und für jede Adoption kriegt das Jugendamt Prozente.”

Konkret heißt das also: Nathalie wirft dem Jugendamt vor, ihre Tochter grundlos der Familie entrissen und verkauft zu haben.

► Für die Mutter wäre das sicherlich einfacher zu verkraften als der Gedanke, dass sie selbst Schuld daran hat, dass ihre Tochter nicht mehr bei ihr leben darf.

Nathalies Anwalt teilt ihr wenig später mit, dass sie ihr Kind nicht zurückbekommen wird. Die Bemühungen seien aussichtslos, denn das Kind sei traumatisiert und brauche psychologische Betreuung. Für die 22-Jährige ist das aber nur ein weiterer Beweis, dass das System sich gegen sie verschworen hat.

Armut ist nicht unterhaltsam 

Man fragt sich, wo RTL II diese Menschen immer wieder auftreibt.

Denn Menschen wie Nathalie und Marcel sind keineswegs repräsentativ für alle Hartz-IV-Empfänger.

“Natürlich gibt es sie, die Sozialbetrüger, Arbeitsverweigerer oder meinetwegen auch Drogensüchtige und Alkoholkranke – aber diese Gruppe macht nur einen geringen Teil der in Deutschland lebenden armen Menschen aus”, schrieb die Essenerin Elżbieta Kremplewski jüngst in einem Blog für die HuffPost.

Kremplewski lebt seit fünf Jahren von Arbeitslosengeld II und weiß: Dass Menschen in Hartz IV rutschen, hat selten etwas mit Dummheit oder Faulheit zu tun. 

► Oftmals handelt es sich dabei um Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor, deren Einkünfte schlichtweg nicht reichen, um sich und ihre Familie durchzubringen.

► Andere werden arbeitslos, weil die Firma insolvent wird und sie aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters keinen neuen Job finden. 

► Und dann gibt es die, die aufgrund einer Krankheit aus dem Berufsleben ausscheiden.

Keiner dieser Menschen hat seine Armut selbst verschuldet. Keiner von ihnen verdient es, dass man mit Verachtung über ihn spricht oder für einen Sozialschmarotzer hält. 

Mehr zum Thema: Warum der Hass gegen Hartz-IV-Empfänger uns allen schadet

“Armes Deutschland” ist schuld, dass Hartz-IV-Empfänger als Schmarotzer abgestempelt werden 

Dass viele Deutsche es dennoch tun, liegt nicht zuletzt an TV-Formaten wie “Armes Deutschland” oder “Zahltag” – sozusagen der Schwesternshow auf RTL. 

Diese Sendungen sind darauf ausgelegt, das Leben in Armut als möglichst unterhaltsam darzustellen. Und Menschen, die ihr Leben nicht im Griff haben, scheinen sehr unterhaltsam zu sein.

Auch deshalb, weil sie dem Zuschauer das Gefühl geben, das eigene Leben sei im Vergleich doch recht erfolgreich verlaufen. 

(nmi)