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18/10/2018 12:33 CEST | Aktualisiert 18/10/2018 16:15 CEST

Hartz-IV-Empfängerin: So wurde "Hartz-IV-Empfänger" zur Beleidigung

Ein Jahr lang nicht zu arbeiten, ist in Ordnung. Ab zwei Jahren giltst du als Assi.

Oben im Video: Tochter von einer Hartz-IV-Empfängerin schildert Teufelskreis, in dem sie gefangen ist.

Ich wohne in Essen in der Nähe der Tafel. Wenn meine Bekannten und ich zusammen mit unseren Hunden dort vorbei spazieren, sehen wir auf dem kleinen Platz vor der Tafel oft Menschen herumlungern. Manchmal sind es junge Leute, manchmal auch ältere Männer, die Bier trinken. 

“Vorsicht”, sagen meine Bekannten dann. “Da sitzen wieder die Hartzer.” 

► Erstens: Nur, weil die Menschen vor der Tafel sitzen, müssen sie keine Hartz-IV-Empfänger sein.

► Zweitens: Selbst wenn sie es sind, ist das kein Grund, sich vor ihnen schützen zu müssen. 

Mehr zum Thema: Warum Hartz IV das Beste ist, was mir jemals passieren konnte

“Sozialhilfe-Empfänger” konnte man sagen – “Hartz-IV-Empfänger” ist mit Vorurteilen belastet

Ich selbst lebe seit nunmehr fünf Jahren von Hartz IV, weil das Unternehmen, bei dem ich gearbeitet habe, insolvent gegangen ist.

Mit Ende 50 habe ich leider keine Vollzeitstelle mehr gefunden, also arbeite ich nun auf Mini-Job-Basis in einem Supermarkt, um mir eine wenig Geld zu meinem Hartz-IV-Satz hinzuzuverdienen. 

Bevor es Hartz IV gab, vor 2005 also, war ich schon einmal arbeitslos und habe Sozialhilfe bezogen, wie es damals noch hieß. Ich habe den Eindruck, dass die Stigmatisierung von Sozialhilfe-Empfängern damals nicht so groß war, wie heute bei Menschen, die Hartz IV beziehen.

Alexander Koerner via Getty Images
Ein beschmiertes Wahlplakat: "Ich werd mal Hartz IV".

Für viele steht Hartz IV für Faulheit.

► “Hartz-IV-Empfänger sind asozial, vielleicht sogar kriminell oder aggressiv.” 

► “Hartz IV-Empfänger sind alkohol- oder drogensüchtig.”

► “Hartz-IV-Empfänger sind dumm und haben keinen Schulabschluss.” 

Diese Vorurteile, die gegen Bedürftige vorherrschen, tragen dazu bei, dass “Hartz IV” mittlerweile eher als Schimpfwort anstatt als Bezeichnung für Langzeitarbeitslose genutzt wird. Solange man ALG I bezieht, das im Schnitt ein Jahr lang ausbezahlt wird, ist alles in Ordnung.

Wehe aber, man rutscht dann in Hartz IV ab: Ein Jahr lang nicht zu arbeiten, ist in Ordnung. Ab zwei Jahren giltst du als Assi.

In Deutschland leben aktuell etwas über vier Millionen Hartz-IV-Empfänger.

► Gerade einmal 16 von 1000 Langzeitarbeitslosen finden wieder eine Vollzeitstelle oder machen sich selbstständig.

► Wer länger als ein Jahr lang arbeitslos ist, wird wahrscheinlich deutlich mehr Schwierigkeiten erleben, wieder einen Job zu finden.

Mit Schuld sind die Armuts-Shows von RTL II und Co.

Mit Schuld an diesem Bild sind meiner Ansicht nach die Medien: Die Armuts-Shows der letzten Jahre wie “Armes Deutschland” oder “Hartz und herzlich”, in denen Extremfälle und Sozialbetrüger gezeigt werden, haben nachhaltig das Bild des Hartz-IV-Empfängers geprägt. 

In der letzten Folge des RTL-II-Spezials “Armes Deutschland – Deine Kinder” zum Beispiel wird eine Familie porträtiert, die geradezu im Dreck versinkt – so vermüllt ist ihre Wohnung. Niemand scheint sich um die verwahrlosten Kinder zu kümmern, die zwischen ungespültem Geschirr, auf dem Boden liegenden benutzten Windeln und Zigarettenkippen leben. 

Der Fall scheint zu schlimm, um wahr zu sein. Auch ich werde wütend, wenn ich so etwas sehe.

Wer solche Bilder gesehen hat, dem fällt es leicht, auf die gesamte Gruppe von Hartz-IV-Empfängern zu schließen. Weil wir keine anderen Bilder zu sehen bekommen. Der mit Drogen dealende Sozialbetrüger, der hoffnungslose Alkoholiker, die 15-fache Mutter, die noch nie gearbeitet hat sind spannender anzusehen, als die “normalen” Fälle: 

► Menschen, die einfach Pech hatten im Leben.

► Die aufgrund unglücklicher Umstände ihren Job verloren haben.

► Die alleinerziehend sind und deswegen keine Zeit haben, arbeiten zu gehen.

► Die einen Angehörigen rund um die Uhr pflegen müssen.

► Die selbst an einer schwerwiegenden Krankheit leiden.

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Ich selbst kann mich mit keinem dieser Stigmata identifizieren – ich habe ein Studium abgeschlossen, rauche und trinke nicht und habe noch nie in meinem Leben eine Straftat begangen. Ich hatte einfach Pech und bin deswegen arbeitslos geworden. Ab einem bestimmten Alter finden viele Menschen oft einfach keine Arbeit mehr.

Auch von der Politik werden diese Faktoren oft allzu sehr außer Acht gelassen. Es wird zu wenig über die Menschen selbst gesprochen, die von Hartz IV leben.

Ich habe den Eindruck, die Politiker sprechen nur aus Anstand über diese System, das so viel Ungerechtigkeit provoziert: Irgendwie muss man uns armen Menschen ja helfen. Konkrete Lösungsvorschläge gibt es allerdings nicht, und wenn, dann versanden sie schnell wieder.

Hartz-IV-Empfänger werden zu den schwarzen Schafen der Gesellschaft

Wenn schon von oben kein ernsthaftes Interesse gezeigt wird, Möglichkeiten für uns Hartz-IV-Empfänger zu schaffen, wieder auf den Arbeitsmarkt zu kommen – warum sollte dann der Rest der Gesellschaft Interesse an uns zeigen?

Viel einfacher ist es doch, uns zu den schwarzen Schafen der Gesellschaft zu machen. Wenn wir immer nur als unbeliebte Randerscheinung behandelt werden, ist es kein Wunder, wenn “Hartz-IV-Empfänger” einer Beleidigung gleichkommt

Ich habe es jedenfalls satt, wenn meine Bekannten meinen, sie müssten sich vor allem, was ihrem negativen Bild von Langzeitarbeitslosen entspricht, schützen. Als würde ihnen jeder, der arm ist, etwas Böses wollen. Oder als wäre Armut eine ansteckende Krankheit, weswegen man Hartz-IV-Empfängern nicht zu nahe treten sollte.

Bei all diesen Äußerungen meiner Mitmenschen, die ich regelmäßig höre, denke ich: Sie vergessen, dass auch ich Hartz-IV-Empfängerin bin. Wenn ich sie daran erinnere, sagen sie: “Ach du. Ja, du bist anders.”

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Bin ich das wirklich? Ich glaube, wir müssen bei Hartz-IV-Empfängern über die in Armuts-Shows präsentierten Menschen und das Bild, das auch Politiker vermitteln, hinwegsehen. Ich glaube, dass ich keine “Ausnahme-Hartzerin” bin, sondern dass Menschen wie ich einfach nur übersehen werden.

Wenn wir mehr soziale Gerechtigkeit schaffen wollen, wenn wir das Hartz-IV-System verbessern möchten, müssen wir auch an dessen Image arbeiten. Wir dürfen Menschen in finanziellen Notlagen nicht pauschal verurteilen oder unterstellen, sie seien grundsätzlich selbst Schuld an ihrer Lage. Wir müssen Diskussionen zu Hartz IV wieder mit einer neutralen Haltung führen können. 

Dieser Artikel wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

(jg)