LIFE
04/01/2019 16:08 CET | Aktualisiert 05/01/2019 11:16 CET

Hartz-IV-Empfängerin: "Die Erhöhung des Satzes um 8 Euro ist lächerlich

Die Hartz-IV-Erhöhung wird meine Lebenssituation nicht wirklich verbessern

Elżbieta Kremplewski
"Ich kenne niemanden, der freiwillig von Hartz IV leben will."

Elżbieta Kremplewski ist 63 Jahre alt und lebt seit fast sechs Jahren von Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt. Die Erhöhung des Hartz-IV-Satzes, die mit dem neuen Jahr 2019 in Kraft getreten ist, macht ihr nicht viel Hoffnung: Statt mehr Geld könnte ihrer Meinung nach etwas anderes den Leistungsbeziehern in Deutschland mehr helfen. 

Jeder, der glaubt, ein höherer Hartz-IV-Satz allein würde Arbeitslose glücklich machen, der irrt. Und zwar gewaltig. 

Warum ich das schreibe? Anfang dieses Jahres, Januar 2019, wurde der monatliche Satz von Hartz IV um acht Euro erhöht. Das heißt, Alleinstehende bekommen nun 424 Euro monatlich vom Jobcenter anstatt wie zuvor 416 Euro.

Da ich selbst seit einigen Jahren Hartz IV beziehe, will ich mich über eine Erhöhung des Satzes natürlich nicht beschweren. Mehr Geld klingt erst einmal immer besser – ob es das allerdings wirklich ist, finde ich zweifelhaft. 

Die Hartz-IV-Erhöhung wird mein Leben nicht verbessern

Der Punkt ist: Ich weiß, dass diese Erhöhung meine Lebenssituation nicht erheblich verbessern wird.

► Meine finanzielle Situation bleibt annähernd dieselbe. 

► Meine Jobaussichten werden sich nicht verbessern – als 63-jährige Frau werde ich wahrscheinlich keinen Vollzeit-Job mehr finden.

► Auch der Freibetrag von 100 Euro, den ich als Hartz-IV-Empfängerin jeden Monat zusätzlich verdienen darf, ändert sich nicht.

Mehr zum Thema: Hartz IV: Jetzt pochen die Kommunen auf eine entscheidende Änderung

Wer also glaubt, dass eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes wie ein Wunderheilmittel wirkt und uns mehr Hoffnung auf ein besseres Leben macht, täuscht sich.

Für mich ist diese Erhöhung geradezu lächerlich.

Und zwar nicht, weil ich undankbar bin – sondern einfach nur, weil ich nicht weiß, was ich mit dem zusätzlichen Geld machen soll – wenn es nicht sowieso in höhere Lebensmittel- oder Stromkosten fließt.

Aktuelle Zahlen zu Hartz IV

► Im November 2018 lebten seit der Einführung erstmals weniger als drei Millionen Haushalte von Hartz IV. 

► Das sind aktuell etwa 3,9 Millionen Leistungsbezieher.

► Das Jobcenter übernimmt in der Regel die Wohn- und Heizkosten (die Höhe der Kosten unterliegt regionalen Abhängigkeiten). Zusätzlich wird ein monatlicher Leistungssatz von nun 424 Euro für Alleinstehende gezahlt. 

Ein Leben mit Hartz IV auf Kosten des Staates ist nicht erstrebenswert

Für mich ist es nicht erstrebenswert, mein Leben auf Kosten des Staates zu verbringen, so, wie ich es nun seit fünf Jahren tue. Ich kenne niemanden, der freiwillig von Hartz IV leben will. Aber ich kenne einige Leute, die keinen Ausweg aus diesem System finden.

Die nach vielen Absagen, nach einem langen, anstrengenden Berufsleben und viel Pech, nach gesundheitlichen Problemen oder Schwierigkeiten mit dem Jobcenter die Hoffnung aufgegeben haben, wieder vom Arbeitsmarkt aufgenommen zu werden.

Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele schlechte Erfahrungen im Berufsleben machen müssen: Drei Unternehmen, bei denen ich angestellt war, sind insolvent gegangen.

Ich wurde mehrfach um meinen Lohn betrogen. Ich habe schwere, körperliche Jobs angenommen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und dann, als ich mit Ende 50 wieder meine Stelle verlor, habe ich nichts Neues mehr gefunden. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch psychisch fertig. Die ständige Ablehnung schlaucht – und das System Hartz IV macht diesen Zustand nicht besser. Ich fühle mich von der Gesellschaft abgeschrieben.

Acht Euro mehr im Monat helfen mir leider nicht, neue Kraft zu tanken.

Der Freibetrag, den man als Hartz-IV-Empfänger verdienen darf, sollte erhöht werden

Viel mehr würde ich es begrüßen, wenn der Freibetrag, den man monatlich hinzuverdienen darf, erhöht werden würde. Ich arbeite gerade zum Beispiel auf 450-Euro-Basis in einem Supermarkt und darf von dem Geld, das ich dort verdiene, lediglich 120 Euro behalten.

Motivierender wäre es, wenn ich einen höheren Betrag verdienen dürfte, ohne den Großteil ans Jobcenter abtreten zu müssen. Es fühlt sich einfach besser an, sein eigenes Geld zu verdienen – auch wenn es nicht viel ist.

Wenn ich etwas mehr Geld von meinem Minijob behalten dürfte, würde ich gerne auf jegliche Erhöhung verzichten. Meinetwegen könnten sie den Hartz-IV-Betrag sogar noch kürzen – wenn ich dafür mehr von meinem Gehalt sehen könnte.

Ich glaube, viele Menschen könnte das motivieren und ihnen das Gefühl geben, wieder mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben zu bekommen – und so vielleicht auch irgendwann wieder in eine Vollzeitstelle aufzusteigen. 

Dieser Text basiert auf einem Gespräch und wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

Habt auch ihr Erfahrungen mit Hartz IV gemacht? Wenn ihr eure Geschichte in der HuffPost erzählen wollt, meldet euch gerne bei uns unter community@huffpost.de.