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15/12/2018 13:07 CET | Aktualisiert 23/12/2018 18:53 CET

Hartz-IV-Empfängerin: "Meinem Hund geht es besser als mir"

Ich muss jeden Cent drei Mal umdrehen.

Im Video oben: Tochter von Hartz-IV-Empfängerin schildert Teufelskreis, in dem sie gefangen ist.

Marita S. hat nach etwa 40 Jahren Arbeit ihren Job verloren – seitdem lebt sie von Hartz IV. Arbeitslos sein bedeutet für Marita allerdings nicht dasselbe wie beschäftigungslos sein – schließlich trägt die Mitte 60-Jährige Zeitungen aus und kümmert sich um ihren Hund. 

Früher habe ich als Sekretärin in den Chefetagen großer Firmen gearbeitet – heute, mit über 60 Jahren, lebe ich von Hartz IV.

In meinem Berufsleben habe ich drei Mal erlebt, dass die Unternehmen, bei denen ich angestellt war, insolvent gegangen sind. Die letzten zehn Jahre, in denen ich Vollzeit gearbeitet habe, war ich bei einer Zeitarbeitsfirma. Aber die hat uns ältere Mitarbeiter quasi langsam aushungern lassen.

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Nach 40 Jahren Arbeit war ich offensichtlich nicht mehr gut genug für den Arbeitsmarkt: Wie viele meiner Kolleginnen wurde ich durch jüngere Mitarbeiterinnen ersetzt – die vielleicht besser aussehen, aber natürlich deutlich weniger Erfahrung haben.

Aleksandr Zotov via Getty Images
Marita liebt ihren Hund über alles (Symbolbild). 

Mit Hartz IV muss ich jeden Cent drei Mal umdrehen

Jetzt, als Hartz-IV-Empfängerin, muss ich jeden Cent drei Mal umdrehen. Mein Hund hat eigentlich ein besseres Leben als ich.

Aktuelle Zahlen zu Hartz IV

► Arbeitslosengeld II, oder umgangssprachlich auch Hartz IV genannt, ist die Grundsicherungsleistung für Hilfebedürftige. Das Gesetz zu Hartz IV wurde am 24. Dezember 2003 beschlossen. 

► Derzeit beziehen etwa 4,2 Millionen Menschen Hartz IV.

► Der Regelsatz wurde zum 1. Januar 2018 von 409 auf 416 Euro im Monat erhöht. Am 1. Januar 2019 wird er auf 424 Euro erhöht.

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Bald habe ich mit dem Jobcenter nichts mehr zu tun

Dass ich nun arbeitslos bin, heißt allerdings nicht, dass ich beschäftigungslos bin – auch ich habe meinen Alltag, meine Aufgaben, kümmere mich um meinen Hund, trage zwei Mal pro Woche Zeitungen aus und verdiene mir so ein wenig Geld hinzu. Zu viel darf es allerdings nicht sein: Sollte ich mehr als 165 Euro pro Monat bekommen, kassiert das Jobcenter den Überschuss ein.

Glücklicherweise muss ich das ganze Theater mit dem Jobcenter nur noch ein Jahr lang mitmachen – dann bekomme ich meine Rente. Und auf die habe ich schließlich den Großteil meines Lebens hingearbeitet.

Dieser Text basiert auf einem Gespräch und wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

Dieser Artikel ist Teil der HuffPost-Heiligabend-Aktion. Anlässlich des 15. Jahrestags von Hartz IV am 24. Dezember 2018 stellen wir Menschen vor, deren Leben durch Hartz IV verändert wurde. Weitere Beiträge findet ihrhier.

(jkl)