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19/11/2018 19:03 CET | Aktualisiert 19/11/2018 19:55 CET

Hartz-IV-Empfängerin an Merz: "Sie haben vergessen, wie man in Deutschland lebt"

Stehen Sie doch lieber zu Ihrem Reichtum und vertreten Sie Ihre gesellschaftliche Klasse mit Würde.

Getty / HuffPost
Hartz-IV-Empfängerin Elżbieta Kremplewski und Friedrich Merz.

Lieber Herr Merz, 

vor kurzem haben Sie sich die Mühe gemacht, für uns die Mittelschicht noch einmal neu zu definieren. Ich dachte bisher immer, zur Mittelschicht gehört, wer so mittel viel verdient – in Deutschland sind das aktuell zwischen 1385 und 2596 Euro netto pro Person.

In einem Gespräch mit der “Bild am Sonntag” sagten Sie allerdings jüngst:

“Heute verdiene ich rund eine Million Euro brutto.” 

Das sind ja nun ein paar Euro mehr, als die Mittelschicht aktuell verdient. Und trotzdem hielt Sie das nicht davon ab, folgende Worte zu sagen:

Ich habe von meinen Eltern die Werte mitbekommen, die die Mittelschicht prägen: darunter Fleiß, Disziplin, Anstand, Respekt und das Wissen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt, wenn man es sich leisten kann.”

Ich musste lachen über Ihre Worte – und wurde dann traurig

Ich gebe zu, ich musste laut lachen, als ich das gelesen habe – um gleich darauf ein bisschen traurig zu werden: Denn wenn Sie als Millionär sich bei der Mittelschicht verorten, Herr Merz – was sind dann Hartz-IV-Empfänger wie ich?

Wenn jetzt die finanzielle Oberschicht die neue Mittelschicht ist – was ist dann die reale Mittelschicht? Die neue Unterschicht? Und wo steht dann die reale Unterschicht? Fällt sie dann komplett vom gesellschaftlichen Tellerrand?

Und wenn Fleiß, Disziplin und Respekt Eigenschaften sind, die lediglich die Mittelschicht für sich beanspruchen darf – sind dann alle anderen Gesellschaftsgruppen automatisch faul und respektlos?

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Gehöre ich als Hartz-IV-Empfängerin jetzt auch zur Mittelschicht, Herr Merz?

Ich selbst beziehe seit fünf Jahren Hartz IV – und damit gehöre ich schon einmal eindeutig nicht zur Mittelschicht. Denn ich lebe von monatlich weniger als 1000 Euro. 

Ausgesucht habe ich mir meine Lebenssituation wie die allermeisten anderen Arbeitslosenempfänger übrigens nicht: Das letzte Unternehmen, bei dem ich gearbeitet habe, ist insolvent gegangen. Mit damals Ende 50 habe ich keine neue Vollzeitstelle mehr gefunden. Deswegen arbeite ich nun auf Minijob-Basis in einem Supermarkt und stocke mit Hartz IV auf, um meine Existenz zu sichern.

Wenn ich mir Ihre Definition von Mittelschicht anschaue, Herr Merz, dann gehöre ich ja auch zu dieser Gruppe dazu. Ich bin auch fleißig und respektvoll. Heißt das jetzt, dass wir auf einer gesellschaftlichen Stufe stehen, Herr Merz? Ich glaube, mit einer Hartz-IV-Empfängerin würden Sie sich nicht in einen Topf werfen lassen, das ginge dann doch zu weit.

Die Werte, die Sie als “typisch” für die Mittelklasse benannt haben, orientieren sich nicht an der wirtschaftlichen Lage eines Menschen. Arme, Reiche, Superreiche können allesamt fleißig und faul, diszipliniert und chaotisch, respektvoll und frech sein. 

Was Sie mit Ihren Worten wahrscheinlich sehr unglücklich ausdrücken wollten, war: Schaut mal, Leute, ich habe ein paar Millionen auf dem Konto, aber ich bin genauso wie ihr. Leider haben Sie damit das Gegenteil bewiesen: Schade, Herr Merz – Sie haben vergessen, wie man in Deutschland lebt.

Mit Ihren Worten zeichnen Sie ein anderes Bild von Deutschland

Und Sie haben vergessen, dass es durchaus Klassenunterschiede gibt und man diese Klassen nicht künstlich auf- und abstufen kann. Wenn Sie sich als Oberschichtler zur Mittelschicht zählen, dann zeichnet das ein ganz bestimmtes Bild von unserem Land:

► Eines, in dem viel Geld zu haben eine Norm ist.

Eine gesellschaftliche Schicht wird nicht nur geprägt von den moralischen Werten, die Sie teilt, sondern auch von den finanziellen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. 

Die Mittelschicht, zu der ich auch einmal gehörte, muss sich mit existenziellen Problemen herumschlagen, die Sie glücklicherweise nicht haben, Herr Merz.

Sie müssen sich keine Gedanken darüber machen, ob Sie mit Ihrem Gehalt über die Runden kommen, ob Sie Ihren Kindern Taschengeld zahlen können, ob Sie sich einen Jahresurlaub leisten können. Ob Sie mal eine ausreichende Rente bekommen werden. 

Gestern in der Talkshow von Anne Will sagten Sie:

“Ich habe schon ein Gefühl für das Leben des normalen Bürgers.”

Sie versäumten auch nicht, auf Ihre Stiftung für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien hinzuweisen.

Das ist sehr löblich, dass Sie sich für Menschen engagieren, die einen schlechteren Start ins Leben hatten. Aber mal ehrlich: Nur weil Sie schlechter situierte Menschen unterstützen, heißt es noch lange nicht, dass Sie wissen, wie “normale Bürger” in Deutschland leben.

Ihr Leben ist eindeutig nicht mehr davon geprägt, dass Sie arbeiten müssen. Im Gegensatz zur Mittelschicht oder auch Unterschicht in Deutschland sind Sie nicht mehr auf einen Vollzeit-Job angewiesen. Die Millionen sind trotzdem auf Ihrem Konto.

Es wirkt, als schämten Sie sich für Ihre Millionen, Herr Merz

Und das ist ja in Ordnung – niemand will hier eine Neiddebatte führen, wie Sie gestern bei “Anne Will” bemerkt haben. Es ist ja prima, dass Sie sich Ihre Millionen erarbeitet haben, dass Sie sich gemeinnützig engagieren. 

Aber wenn Sie verzweifelt versuchen, sich neben den “kleinen Mann” zu stellen und den Kopf zwischen die Schultern einziehen, um bloß nicht größer zu wirken, ist das so, als würden Sie sich für Ihre Millionen schämen.

Stehen Sie doch lieber zu Ihrem Reichtum und vertreten Sie Ihre gesellschaftliche Klasse mit Würde!

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Es ist ja auch gut, dass Sie versuchen, sich volksnah zu geben. Aber vielleicht sollten Sie das lieber nicht mithilfe leerer Worte, sondern mit Handlungen tun, Herr Merz. Ansonsten wirkt das ganze nur wie Kalkül, weil eine wichtige politische Position für Sie auf dem Spiel steht.

Machen Sie sich bitte bewusst, dass es diese wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der Bevölkerung gibt, und dass diese Unterschiede die Lebensrealitäten der Menschen prägen.

Bitte versuchen Sie, in Ihre Reden alle diese Menschen mit einzubeziehen und ihren Lebensumständen sowie Problemen gerecht zu werden, ohne sie herunterzuspielen.

Beste Grüße

Ihre Elżbieta Kremplewski

Dieser Artikel wurde von Agatha Kremplewski aufgezeichnet.

(ben/mf)