POLITIK
31/01/2019 09:37 CET | Aktualisiert 01/02/2019 15:09 CET

Hartz-IV-Empfänger seit Jahren ohne Heizung: Behörden lassen ihn im Stich

Nur mit einem dicken Mantel kann er sich in der eigenen Wohnung aufhalten.

MDR
Hartz-IV-Empfänger Henry U. 
  • Das Jobcenter weigert sich seit mehr als drei Jahren, die Heizkosten eine Hartz-IV-Empfängers zu übernehmen. 
  • Seitdem sitzt der Mann im Kalten. 

Es ist ein Fall, der zeigt, wie herzlos das Hartz-IV-System sein kann.

Der Kamenzer Henry U. sitzt seit nunmehr drei Jahren im Kalten, weil der Gasversorger ihm 2015 Heizung und Warmwasseranschluss abgedreht hat.

Das Jobcenter weigerte sich lange, zu helfen.

Denn: Der Bedürftige hat 12.000 Euro Schulden bei dem Energieunternehmen angehäuft – er hatte offenbar vergessen, die Rechnungen bei der Arbeitsagentur einzureichen. Statt also Hilfsleistungen zu bekommen, die ihm zustehen würden, sitzt U. in der Zwickmühle.

Über den Fall berichtet der MDR im Recherchemagazin “Exakt”. 

Hartz IV: Seit 38 Monaten kein warmes Wasser

Bei drei Grad Außentemperatur kann sich U. nur mit einem dicken Mantel in der Wohnung aufhalten, in der er mit seiner schwerkranken Ehefrau lebt.

Sie ist auf Krücken angewiesen, im Bad des Paares gibt es spezielle Vorrichtungen, die der Frau ermöglichen sollen, ihre benötigten medizinischen Bäder zu nehmen. Das Problem: Seit 38 Monaten fehlt warmes Wasser.

U. berichtet dem MDR: “Gerade bei diesen Temperaturen ist es sehr unangenehm, sich auf Toilette aufzuhalten. Und dann das nächste ganz große Problem, was wir haben, ist unser Badezimmer. Meine Lebensgefährtin braucht den Wannenlift für ihre Gesundheit.”

Kein bewusster Missbrauch von Geldern

Die Misere hat der Sachse womöglich auch selbst mitverschuldet.

Denn Dokumente und Rechnungen hat er beim Jobcenter nie eingereicht. Das einzige Papier, das er noch findet, ist die Mitteilung, dass sein Anschluss abgestellt wurde.

Aber eine Anfrage im Jobcenter Bautzen ergibt: Ein bewusster Missbrauch von Geldern liegt nicht vor. Die Übernahme der Schulden oder die Gewährung eines 2000-Euro-Darlehens lehnt die Behörde dennoch ab. Es wäre aber der einzige Schritt, der U. ermöglichen würde, endlich wieder heißes Wasser und Gas zu beziehen.

Hartz-IV-Empfänger U. reinigt Toiletten

U. ist nicht tatenlos. 

Er versucht viel, um sich in seiner Gemeinde einzubringen, spielt in der Blaskapelle von Kamenz, reinigt eine öffentliche Toilette in der Stadt. Donnerstags bereits um 4:30 Uhr in der Früh, damit die Händler auf dem Wochenende die sanitären Einrichtungen nutzen können.

Ein Gehalt bekommt er nicht. Nur die Kleingeldspende, die Toilettennutzer auf seinen Teller legen. Davon muss er noch Reinigungsmittel und Hygieneartikel bezahlen.

Durch den Bericht des MDR schaltet sich endlich Bürgermeister Roland Dantz ein. Er sagt:

“Also ich kann mir vorstellen, dass die 2000 Euro über den Landkreis und damit aus Steuermitteln gezahlt werden. Und wir – oder das Sozialamt klärt dann die Frage, dass möglicherweise Herr U. monatlich einen Betrag von zehn Euro leistet, damit er symbolisch da mit dabei ist.”