POLITIK
05/12/2018 09:49 CET | Aktualisiert 06/12/2018 08:44 CET

Hartz-IV-Empfänger rechnen mit Spahn ab: "Erzählt totalen Schwachsinn"

"Es ist unwürdig, wenn ein Lehrer plötzlich die Straße kehren soll."

  • Gesundheitsminister Jens Spahn hält an seiner Aussage fest, dass wirklich jede Arbeit für Hartz-IV-Empfänger zumutbar sei.
  • Viele Hartz-IV-Empfänger sehen das anders.
  • Im Video oben erklären zwei Hartz-IV-Empfänger, warum sie nicht einsehen, arbeiten zu gehen.

Schon einmal hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit einer Aussage über Hartz IV für Unmut gesorgt. Damals sagte er: “Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut“. 

Viele Betroffene widersprachen. Auch jetzt, da Spahn auf Werbetour für seine Kandidatur für den CDU-Parteivorsitz keinen Talkshow-Auftritt auslässt, will er sich mit seiner harten Haltung zu Hartz IV profilieren. Sein aktuelles Mantra: “Jeder Job ist zumutbar.”

Dafür wird er nicht nur von Politikern und Politikerinnen von SPD, Grünen und der Linken, die eine Reform des seit Jahren umstrittenen Hartz-IV-Systems fordern, kritisiert – auch betroffene Hartz-IV-Empfänger rechnen mit Spahns jüngsten Äußerungen ab.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Zoff bei “Illner”: Spahn und Habeck streiten übers Toilettenputzen

Hartz-IV-Empfänger über das System: “Es ist unwürdig”

Zuletzt hatte Spahn in der “Bild” gesagt:

“Es ist vielleicht nicht die Arbeit als Minister, es ist kellnern, es ist reinigen, es ist Handwerk. Warum ist uns das nicht zumutbar, das muss mir mal jemand erklären?”

Doch jetzt hat die Zeitung auch Hartz-IV-Empfänger zu Wort kommen lassen. Und die betrachten die Frage, ob wirklich alles zumutbar ist, etwas anders als der Gesundheitsminister.

► Timucin D. ist 23 Jahre alt und wohnt in Berlin. Seit eineinhalb Jahren bezieht er Hartz IV.

Gegenüber der “Bild” erklärt er, dass er nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung als Restaurantfachmann begonnen hatte. Doch er brach die Ausbildung ab, “weil sein Chef ein Rassist” gewesen sei.  

► Über Jens Spahns Haltung sagt er:

“Die Aussage von Jens Spahn, dass jede Arbeit zumutbar ist, finde ich überhaupt nicht okay. Es ist unwürdig, wenn ein Lehrer plötzlich die Straße kehren soll. Umgekehrt kann ja auch ein Straßenkehrer nicht Lehrer werden.” 

Hartz-IV-Empfänger über Spahn: “Die Aussage ist totaler Schwachsinn”

► Auch der 20-jährige Arian P. aus Dresden lehnt die Aussage von Spahn ab. Er wurde als Fliesenleger und Dachdecker angelernt. Seit zwei Jahren bezieht der 20-jährige Hartz IV. 

Weil er einige Jobs abgelehnt hat, wurde er zu 100 Prozent sanktioniert, wie er gegenüber der Zeitung berichtet. Aktuelle lebt er von Lebensmittelgutscheinen:

“So komme ich montags immer zum Arbeitsamt und hole mir Lebensmittelgutscheine, die ich bei Lidl einlösen kann. Pro Woche sind es 52 Euro, damit komme ich über die Runden.”

► Auch er geht mit Spahn hart ins Gericht: 

“Die Aussage von Minister Spahn ist totaler Schwachsinn, denn man bekommt Stellenangebote, für die man keine Ausbildung hat.“

Schon im März hatte eine Hartz-IV-Empfängerin in einem offenen Brief in der HuffPost Jens Spahn für seine Haltung zu Hartz IV kritisiert. 

In dem Brief hieß es: 

“Hartz IV ist nicht leben, das ist vegetieren. Die finanzielle Versorgung reicht als Grundsicherung – für ein erfülltes Leben braucht es aber mehr als ein Dach über dem Kopf und ein Taschengeld, um sich beim Discounter mit Nahrungsmitteln versorgen zu können.”

(jg)