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12/09/2018 12:24 CEST

Hartz-IV-Empfänger schreibt 300 Bewerbungen – wegen Krankheit will ihn niemand

"Ich möchte zur Gesellschaft dazugehören und mich eingliedern."

Vox
Der 42-jährige Chris ist seit sechs Jahren arbeitslos.
  • Ein 42-Jähriger leidet am Tourette-Syndrom und ist daher seit sechs Jahren arbeitslos.
  • Er hat bisher knapp 300 Bewerbungen geschrieben, doch niemand gibt ihm eine Chance.

Der 42-jährige Chris hat es nicht leicht im Leben: Er bezieht seit sechs Jahren Hartz IV. Doch das Einzige, was er möchte, ist endlich Arbeit finden.

In der Vox-Sendung  “Ich, einfach unvermittelbar” sollen Menschen, die an Autismus oder dem Tourette-Syndrom leiden und es deshalb bei der Arbeitssuche schwerer haben, die Chance auf einen Arbeitsvertrag bekommen.

Das ist nämlich gar nicht so einfach, wie sich am Fall des 42-jährigen Berliners zeigt.

Hartz-IV-Empfänger schreibt 300 Bewerbungen – doch niemand will ihn

“Ich habe ungefähr 300 Bewerbungen geschrieben. Wenn ich es mal zu einem Vorstellungsgespräch geschafft habe, sahen die Arbeitgeber meine Zuckungen. Und dann war es sofort vorbei”, sagt der 42-Jährige.

Das Problem von Chris – er leidet an Tourette-Syndrom

Was ist das Tourette-Syndrom?

Das ist eine Erkrankung des Nervensystems, die bei Betroffenen häufig bereits im Grundschulalter auftritt. Die Krankheit äußert sich in motorischen und verbalen Ticks. Betroffene fallen ihrer Umwelt mit nervösem Zucken und vulgären Ausdrücken auf. Das Tourette-Syndrom kann nicht geheilt werden, Betroffene können daher nur versuchen, so gut wie möglich damit zu leben.

Bei dem 42-jährigen Berliner sei die Krankheit das erste Mal aufgetaucht, als er sechs Jahre alt war:

“Da habe ich mit den Beinen gezuckt. Dann kam das Finger schnipsen dazu. Und irgendwann auch das Augenzucken und Kopfnicken. Was ich nicht habe, das sind vulgäre Ausstöße. Ich habe also noch eine moderate Tourette-Form.”

“Wenn ich gleich in die Bewerbung reingeschrieben habe, dass ich die Krankheit habe, habe ich sofort eine Absage bekommen”

Der Hartz-IV-Empfänger versuchte sich aus der Arbeitslosigkeit zu retten, in dem er bei seinen Bewerbungen ehrlich zugab, dass er am Syndrom leidet:

“Wenn ich gleich in die Bewerbung reingeschrieben habe, dass ich die Krankheit habe, habe ich sofort eine Absage bekommen.”

Seine Ausbildung habe der heute 42-Jährige als Stuckateur gemacht. Die Stelle habe er nur bekommen, weil er Beziehungen hatte – sein Vater ist nämlich mit einem Bauunternehmer befreundet.

Weil sich keiner mehr Stuck leisten wollte, war er eine Zeit lang als Putzer angestellt. Dann hangelte er sich von Mini-Job zu Mini-Job – doch die wurden auch immer weniger.

Dabei ist sich Chris sicher:

“Ich kann einiges. Es ist bewiesen, dass Tourette-Menschen ein ganz anderes Auffassungsvermögen haben. Und ich bin der Meinung, dass ich arbeiten kann. Ich möchte zur Gesellschaft dazugehören und mich eingliedern. Ich will nicht daheim sitzen, nichts zu tun haben, sodass mir die Decke auf den Kopf fällt. Dafür bin ich nicht geschaffen.”

“Wie ist es mit der Versicherung, wenn du auf dem Gerüst stehst, zuckst und runter fällst?” 

Doch als sich der Berliner auf Bauarbeiter-Jobs bewarb, hätten die Arbeitgeber nur gefragt: “Wie ist es mit der Versicherung, wenn du auf dem Gerüst stehst, zuckst und runter fällst?” 

Damit sei das Vorstellungsgespräch zu Ende gewesen. Das Tourette-Syndrom schrecke Arbeitgeber ab, berichtet Chris.

Auch seine Eltern verzweifeln an der Arbeitslosigkeit ihres Sohnes: “Chris hat sich überall beworben. Es ist wirklich schwer. Die ganze Familie leidet darunter. Weil Chris arbeitslos ist, müssen wir ihn mitfinanzieren. Wir sind nie in den Urlaub gefahren, nur um ihn über Wasser zu halten.”

Der 42-Jährige möchte trotz all den Niederlagen nicht aufgeben: “Ich werde mich nicht unterkriegen lassen und versuche es weiter.”

Auch mit Krankheit: “Ich will das Syndrom gar nicht weggeben. Das gehört zu mir, ich bin wie ich bin.”

(chr)