GOOD
14/07/2018 12:30 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:41 CEST

Wir haben Menschen im Jobcenter gefragt, was für sie Glück bedeutet

Ihre Antworten sind so vielfältig und überraschend wie die Menschen selbst.

Getty

Hartz IV bedeutet Mangel. Mangel an Beschäftigung, Bildung, beruflicher Perspektive und selbstverständlich auch finanziellen Mitteln. Wie können also Menschen, die in diesem ständigen Mangel leben, glücklich und zufrieden sein?

Was viele, die dieses Bild von Langzeitarbeitslosen im Kopf haben, vergessen, ist: Wer vom Existenzminimum lebt, hat dennoch Wünsche und Bedürfnisse sowie eine Vorstellung davon, was Glück für ihn oder sie bedeutet und in welchen Situationen man sich besonders glücklich fühlt.  

Laut Glücksatlas führen vier Faktoren zum Glück: Gemeinschaft (also Beziehungen zu anderen Menschen), Gesundheit, genetische Disposition (hier die Mentalität oder auch persönliche Wahrnehmen, die positiv oder negativ sein kann) und Geld – wobei letzteres eine relativ geringe Auswirkung auf die allgemeine Lebenssituation hat. 

Gerade Langzeitarbeitslose erleben oft soziale Isolation, werden eher krank und haben enorme finanzielle Schwierigkeiten. Die Voraussetzungen, glücklich zu sein, sind aus wissenschaftlicher Sicht also schlecht.

Deswegen habe ich mich gefragt, was wir von Sozialleistungsbeziehern über Glück lernen können.

Um das herauszufinden, habe ich ein Münchner Jobcenter besucht und sieben Hartz-IV-Empfänger oder Antragstellende gefragt, was Glück für sie bedeutet.

Ihre Antworten sind so vielfältig und überraschend wie die Menschen selbst.

Jana ist glücklich, weil sie gekündigt hat

Im Wartesaal erblicke ich zunächst eine resolut wirkende Frau, die ich schüchtern anspreche, ob sie mit mir über Glück reden möchte. Sie willigt ein und wir gehen gemeinsam vor die Tür, dort könnten wir entspannter sprechen, sagt die Frau.

Draußen stellt sie sich als Jana vor und antwortet auf meine Frage, was Glück für sie bedeutet: “Ich bin gerade glücklich gekündigt.” Die Antwort überrascht mich. Dann fängt Jana an zu erläutern.

Sie habe ihr Leben lang im internationalen Steuerrecht gearbeitet, bis ihre Stelle vor zwei Jahren gestrichen wurde. Zwar habe sie über eine Zeitarbeitsfirma eine neue Stelle vermittelt bekommen, die entsprach aber nicht den versprochenen Umständen: “Es war ein Gefühl, wie pausenlos auf der Flucht sein.” 

Glück bedeutet, gute Freunde zu haben, gesunde Kinder, auf einem Berggipfel zu stehen und die Aussicht zu genießen."

Übermäßig lange Arbeitszeiten und ein hohes Arbeitstempo nehmen die Mutter zweier erwachsener Kinder mit. “Ich habe super Zeugnisse, habe immer im mittleren Management gearbeitet, spreche zwei Fremdsprachen – aber ich bin doch kein Computer, dem man die Festplatte austauschen kann, damit er wieder schneller funktioniert.”

Jana will arbeiten, aber es gibt für sie keine Stellen mehr, Arbeitslose über 60 finden selten noch eine Festanstellung in Vollzeit. Auch hat Jana schon zwei Jahre lang intensiv gesucht, besetzt werden offene Stellen aber eher mit jungen Menschen, die gerade frisch von der Uni kommen. 

Für Jana bedeutet Glück zwar auch, einen guten Job zu haben, aber sie hat sich über die Arbeit niemals definiert.

“Glück bedeutet, gute Freunde zu haben, gesunde Kinder, auf einem Berggipfel zu stehen und die Aussicht zu genießen oder einen Regenbogen zu betrachten – vor allem aber muss man Glück aus sich selbst schöpfen. Glück bedeutet, abends noch in den Spiegel schauen zu können.” 

Für Mario bedeutet Glück ein neuer Arbeitsplatz 

Nachdem Jana in den Wartesaal zurückgekehrt ist, bleibe ich noch ein wenig draußen in der Sonne stehen. Mir fällt ein Mann auf, der gerade das Jobcenter verlässt. Mario ist schon 40 Jahre alt – er sieht deutlich jünger aus.

Als ich ihm meine Frage stelle, antwortet er: “Glück ist für mich, endlich eine neue Arbeitsstelle und eine Wohnung über das Amt zu finden.” Seit fünf Monaten ist der Gärtner arbeitslos, momentan wohnt er bei Freunden. Von seinem letzten Arbeitgeber wurde er gekündigt, die Begründung ist ihm nicht bekannt.

Seitdem ist er fast jeden Tag beim Amt, bewirbt sich außerdem online auf diverse Stellen – und kassiert eine Absage nach der anderen. Stelle schon besetzt.

Dann verabschiedet sich Mario mit einem Handschlag, ich gehe wieder in den Wartesaal. Dort lerne ich Meriam kennen.

Meriams Glück ist ihr Sohn

“Mein zweijähriger Sohn ist alles für mich”, sagt die Mutter. “Geld kommt und geht – deswegen bedeutet Glück für mich, eine gute Familie und einen guten Mann zu haben.” 

Momentan lässt sie sich von ihrem Mann scheiden. Die 28-Jährige ist noch in Elternzeit und nun zum ersten Mal im Jobcenter, um sich über zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten zu informieren.

“Das ist ganz schön schwierig, ich weiß noch gar nicht, wo ich die Unterstützung bekomme, die ich benötige.”

Giuseppe arbeitet lieber in Teilzeit als gar nicht

Während ich mein Fahrrad draußen aufschließe, treffe ich Giuseppe. Gesundheit, Zufriedenheit und Liebe – das alles bedeute Glück für ihn. Er arbeitet in Teilzeit – wo, will er nicht verraten – und lässt sein Gehalt vom Jobcenter aufstocken.

Das findet er allerdings besser als vollzeit-arbeitslos zu sein: “Sonst macht man am Ende gar nichts mehr.” Im Jobcenter ist er heute, um seine Ortsabwesenheit zu melden. Denn Giuseppe will sich einmal im Jahr ein paar Tage Urlaub gönnen. 

Marita ist glücklich, wenn sie bald Rente bezieht

An einem anderen Tag lerne ich Marita kennen. Sie ist Anfang 60 und ausgebildete Bürokauffrau, früher hat sie in der Verwaltung gearbeitet. Die Langzeitarbeitslose ist froh, wenn sie in einem Jahr in Rente geht und dann unabhängig vom Jobcenter ist – die regelmäßigen Behördengänge stellen eine große Belastung für sie dar.

Dementsprechend bedeutet Glück für sie, kein Hartz IV mehr beziehen zu müssen, sagt sie. 

Gregor hat zwei Herzinfarkte überlebt

Gregor, 58, kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in Vollzeit arbeiten – er hat schon zwei Herzinfarkte überlebt. Nun lebt er von Hartz IV und verdient sich am Wochenende als Taxifahrer auf Minijob-Basis etwas dazu. Bis er krank wurde, hat er als Techniker auf der Baustelle gearbeitet. Jetzt geht das nicht mehr. 

Eigentlich bin zufrieden mit meinem Leben so, wie es gerade ist."

 

Ähnlich wie Marita will Gregor vor allem keine Schwierigkeiten mit den Ämtern erleben: “Am glücklichsten bin ich, wenn ich nicht zum Jobcenter muss und das Amt mich in Ruhe lässt. Gesundheitlich muss ich mich noch ein wenig erholen, aber eigentlich bin zufrieden mit meinem Leben so, wie es gerade ist.” 

Harald hat unser Gespräch glücklich gemacht 

Als ich Harald, 62, anspreche, fehlt ihm zuerst eine passende Antwort auf meine Frage. “Glück habe ich gerade nicht – schließlich sitze ich ja hier im Jobcenter. Meine Lebensgefährtin ist vor ein paar Monaten verstorben, erst letzte Woche wurde ich an der Hüfte operiert.” Dann unterhalten wir uns eine halbe Stunde lang und Harald erzählt, womit er unzufrieden ist. 

Nicht nur seine aktuelle Lebenssituation mache ihm zu schaffen, auch die politische Lage in Deutschland bereite ihm Sorgen – vor allem die hohe Anzahl geflüchteter Menschen in Deutschland. “Ich glaube nicht daran, dass sie alle integriert werden können”, sagt er. 

Am Ende des Gesprächs überlegt Harald jedoch, was dennoch positiv für ihn ist: “Ich bin glücklich, weil ich nun einen München-Pass bekommen habe – damit bekomme ich ein vergünstigtes Verkehrsticket für den Innenraum, ansonsten könnte ich mir Bahnfahren gar nicht mehr leisten. Und es macht mich glücklich, dieses Gespräch geführt zu haben. Am Anfang war ich noch skeptisch, aber jetzt bin ich froh, dass wir uns so lange unterhalten konnten. Das hat mir das Warten hier im Amt verkürzt.” 

Glück liegt in den kleinen Details, die wir manchmal aus den Augen verlieren

► Keiner der Befragten hat geantwortet, dass Glück für ihn oder sie Reichtum bedeutet, im Gegenteil. Wichtiger sind die Dinge, die bleiben. Familie und Freunde – oder auch einfach nur eine dauerhafte Beschäftigung. Und manchmal schätzt man sich glücklich, einfach nur, weil man eine vergünstigte Monatskarte für den Nahverkehr bekommt.

Dieser Besuch im Jobcenter hat mich reicher gemacht an Erfahrung. Er hat mir gezeigt: Es sind die kleinen, oft auch alltäglichen Dinge, die glücklich machen. Die Menschen, die uns umgeben – oder auch die Fähigkeit, mit sich selbst zufrieden zu sein.

Selbst wenn etwas nicht nach Plan läuft. 

(jds)