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21/02/2018 12:39 CET | Aktualisiert 30/07/2018 22:52 CEST

Alltag eines Hartz-IV-Empfängers: Essen, schlafen, sterben

Mein arbeitsloser Vater hat sich totgehartzt.

Im Video oben erfahrt ihr, wie Hartz-IV Empfänger in Deutschland wohnen

Bezahlte Wohnung, ein ordentliches Taschengeld und eine Menge Freizeit: Viele stellen sich so ein Leben mit Hartz IV vor. Was für die einen nach Urlaub klingt, ist für aktuell über 4,2 Millionen Menschen in Deutschland bitterer Alltag.

Die einen romantisieren die Idee vom scheinbar uneingeschränkten Nichtstun, während andere auf faule Sozialschmarotzer schimpfen. Deswegen möchte ich einen Einblick in den Tagesablauf eines Langzeitarbeitslosen gewähren.

Ich bin aufgewachsen als Kind von Hartz-IV-Empfängern. Meine Eltern kamen kurz vor meiner Geburt aus Polen nach Deutschland, haben gearbeitet, ihre Jobs verloren und mussten dann mit anderen Mitteln über die Runden kommen.

Das bedeutete weder ein entspanntes Dasein noch, dass ich dadurch mehr Zeit mit meinen Eltern verbringen konnte.

So sah der typische Alltag meines Vaters mit Hartz IV aus:

► 11 Uhr: Aufstehen. Kein Wecker klingelt. Es ist dunkel im Zimmer, zu jeder Tages- und Jahreszeit, denn die Fenster sind mittlerweile mit Holzbrettern zugenagelt. Das Tageslicht hat scheinbar keine Bedeutung mehr für ihn, der ständige Wechsel von Hell und Dunkel ist wohl eher eine Belastung, als ein Signal, aktiv zu werden oder zur Ruhe zu kommen.

► 11.05 Uhr: Maximal mit einem Bademantel bekleidet tapert mein Vater ins Bad und putzt seine Zähne. Ohne sich anzuziehen begibt er sich danach ins Wohnzimmer auf die Couch und legt sich auf die Seite, sodass er den Fernseher gut sehen kann, den er gleich einschaltet. Was läuft, ist nicht wichtig.

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Hauptsache der sanfte Klangteppich des Vormittagsprogramms durchdringt den öden Raum. Im Laufe des Tages wird er den Bademantel ablegen und lediglich mit einer Unterhose bekleidet herumlungern, im Winter bedeckt er seinen mächtigen Oberkörper mit einem T-Shirt.

Wenn man nicht vorhat, das Haus zu verlassen, verliert Kleidung ihren Stellenwert – warum sie also unnötig in den eigenen vier Wänden zur Schau stellen?

Er brauchte Ruhe – als müsse er sich von seinem Dasein erholen

►11.15 Uhr: Meine Mutter anblöken, dass sie Tee machen soll. Zeit hätte man, um selbst Wasser aufzusetzen – aber keine Muße. Meine Mutter gehorcht. Kurz nach dem Tee wird ein reichhaltiges Frühstück serviert, meistens Brot mit extra viel Butter oder Bratkartoffeln mit Eiern.

Die Ernährung meines Vaters ist nicht abwechslungsreich, stellt aber offensichtlich den einzigen Genuss seines Alltags dar. Essen ist Beschäftigung, deswegen isst er viel.

►12 Uhr: Fernsehen. Es läuft ein alter Film auf Kabel Eins. Oder Sport, am liebsten Skispringen, wenn die Jahreszeit stimmt. Die monotonen Abfahrten und kurzen Flüge über schneebedeckte Pisten lassen meinen Vater seufzen, mit der Zunge schnalzen oder gar aufschreien.

►14 Uhr: Mittagessen – Fleisch mit Kartoffelbeilage. Fast jeden Tag gibt es paniertes Schnitzel. Hin und wieder Frikadellen. Ausnahmsweise setzt sich mein Vater zum Essen auf. Während er weiter auf den Fernseher starrt, schaufelt er das Essen schweigend in sich hinein.

►15 Uhr: Mittagsschlaf. Einen Daumen in die Wange gedrückt schnarcht mein Vater laut vor sich her. Zu dieser Zeit muss absolute Stille in der Wohnung herrschen – mein Vater braucht die Ruhe, selbst wenn unklar ist, bei welcher Gelegenheit er sich erschöpft hat. Als müsse er sich von seinem Dasein erholen.

Entweder wird weiter fern gesehen oder Online-Poker gespielt

►17 Uhr: Fernsehen. In einem Dämmerzustand verfolgt mein Vater das vorabendliche Programm. Zum x-ten Mal läuft eine Sitcom aus den 90ern.

►19 Uhr: Abendessen – wieder Brot mit viel Butter, dazu vielleicht ein Salat. Mein Vater isst gerne Tomaten, manchmal vier oder fünf hintereinander. Auch diesmal wird vor dem Fernseher gegessen. Es läuft eine Pannenshow. Wenn mein Vater etwas besonders lustig findet, schreit er “Schau mal, schau mal, schnell!“ und lacht dröhnend – und wenn wir den Kopf zum Bildschirm wenden, ist der lustige Moment schon vorbei und wir bleiben stumm.

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►20 Uhr: Fernsehen. Das Abendprogramm weckt deutlich mehr Interesse. Es läuft eine Komödie aus den 80ern. Meine Eltern mögen keine ernsten Filme.

►22 Uhr: Umzug ins Schlafzimmer. Entweder wird weiter fern gesehen oder Online-Poker gespielt. Ob mein Vater Geld setzt, verliert oder gewinnt, weiß ich nicht.

►0 Uhr: Mitternachtssnack – was gerade da ist: hartgekochte Eier, ein Fertig-Obstkuchen aus dem Supermarkt, der direkt aus der Plastikschale gelöffelt wird, mehr Brot. Manchmal höre ich meinen Vater danach mit einem seiner wenigen Freunde telefonieren, mit denen er noch Kontakt hat. Einmal höre ich ihn sagen, dass er es nicht mehr aushält, dass er raus muss. Das macht mich wütend – wovor will er denn fliehen?

►2 Uhr: Schlafen gehen, ohne Zähneputzen.

Motortion via Getty Images

Mein Vater hat sein Leben aufgegeben

Diese Routine wurde höchstens unterbrochen von Arztbesuchen und Streitereien mit meiner Mutter um Geld.

Ich glaube, mein Vater war kein glücklicher Mensch – er hat sein Leben aufgegeben. Früher war er unter seinen Freunden bekannt als lustiger, intelligenter und scharfzüngiger Mann. Später gab es kaum noch Freunde, sein Humor schlug sich unberechenbar in cholerische Ausbrüche um.

Werke von Nietzsche und Schopenhauer standen wie Relikte einer anderen Zeit in unserem Bücherregal und staubten seit Jahren unangetastet vor sich her.

Vor der Arbeitslosigkeit war mein Vater gerne unterwegs, oft verbrachten wir die Wochenenden zusammen. Als ich noch klein war, sind wir zumindest gemeinsam mit meiner Mutter spazieren gegangen, vielleicht sogar mal in die Berge zum Zelten gefahren, wenn genügend Geld da war.

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Um sich für die langen Wanderungen vorzubereiten, schnallte sich mein Vater schon Wochen im Voraus einen schweren Rucksack auf den Rücken und lief die Treppen im Treppenhaus auf und ab. Am Ende war es schon viel, wenn er seine Hose um den dicken Bauch knöpfte, um überhaupt vor die Tür zu gehen.

Allein schon aufgrund seines gesundheitliches Zustands wurde körperliche Aktivität zur Qual, die er vielleicht mit der richtigen Geisteshaltung noch hätte überwinden können. Aber wozu, wenn der Sinn fehlt?

Lange hat er es nicht gemacht. Mit 52 Jahren starb mein Vater an den Folgen von Diabetes und Arteriosklerose. Und Armut – denn sein Lebensstil und sein Gesundheitszustand waren durchaus typisch für einen Langzeitarbeitslosen.

Hartz-IV-Empfänger sterben früher

Studien beweisen, dass Hartz-IV-Empfänger bis zu elf Jahre früher sterben als der Durchschnittsdeutsche – was einerseits an schlechter Ernährung liegt (ja, gesundes Essen kostet ein bisschen mehr; zudem sind obere Schichten meist aufgeklärter über gesunde Fette und Kohlehydrate, Proteine sowie Vitamine), andererseits auch an ihrem sozialen Status, wie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung herausfand.

Schon 1933 führte ein österreichisches Projektteam eine groß angelegte Langzeitstudie in Marienthal durch, bei der sie den Alltag von Arbeitslosen empirisch erfasste.

Damals stellten die Forscher bei einem Großteil der Erwerbslosen Resignation und Aktivitätsverlust fest – ohne festen Zeitrahmen entsteht keine Notwendigkeit, einer Tätigkeit nachzugehen.

Das feste Raster einer Beschäftigung schafft erst die Muße, auch in anderen Lebensbereichen aktiv zu werden. Sogar das Gehtempo von Langzeitarbeitslosen lässt erwiesenermaßen nach.

Zu diesen physischen Gesundheitsfaktoren kommen die psychischen. Ein ständig wahrgenommene Stress, weil realer Stress fehlt, führt überproportional oft zu Depressionen und weiteren psychischen Erkrankungen. Und diese haben Auswirkung auf die körperliche Gesundheit.

Um es radikal zu formulieren: Man könnte sagen, mein Vater hat sich totgehartzt.

Meine Mutter bekommt immer noch Hartz IV

Ich will die Schuld nicht dem System geben, das durchaus verbesserungswürdig ist, aber selbstverständlich nicht für den Tod eines einzelnen Menschen verantwortlich gemacht werden kann.

Mein Vater war nicht gesund.

Ich will lediglich vor Augen führen, dass die Monotonie und die Antriebslosigkeit eines Lebens ohne Arbeit (auch nachweislich) nicht zu einem gesunden und glücklichen Leben beitragen können.

Meine Mutter bekommt immer noch Hartz IV. Auch sie kämpft sich durch ihr immer gleichbleibendes Leben, selbst wenn sie nicht so angeschlagen ist wie mein Vater es war.

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Vor kurzem rief sie mich an und sagte, sie müsse etwas tun, um diesem Alltag zu entgehen, aber sie wisse nicht, was. Die ständige Gebundenheit an den Staat empfinde sie als Last, finde aber mit ihren knapp über 60 Jahren keine Festanstellung mehr.

Sie sagt, sie freue sich auf die Rente. Auch dann würde sie nicht mehr Geld zur Verfügung haben, aber sie habe den Eindruck, als Rentnerin sei es natürlicher, nicht zu arbeiten, und der Druck würde endlich von ihr abfallen.

Ich wünsche ihr, dass sie schon vor der Rente einen neuen Daseinszweck in ihrem Leben findet, um nicht so zu enden, wie mein Vater.