POLITIK
24/05/2018 08:44 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:43 CEST

Der neue Armutsporno: Wie Hartz IV zur Entertainment-Show wurde

Die Erniedrigung scheint keine Grenzen zu kennen.

RTL II / Sat 1 / Promis auf Hartz IV / Armes Deutschland / Plotzlich arm plotzlich reich
Dass Armut einen Unterhaltungsfaktor bietet, hat das deutsche Fernsehen schon vor langer Zeit erkannt.

Herzlich (oder hartzlich?) willkommen zur neuen Folge von: Wie Menschen am Existenzminimum kratzen. Heute mit dem ungepflegten Sozialschmarotzer, der unterbelichteten Fünffach-Mutter und dem Armuts-experimentierfreudigen Adligen, der sich die Welt mal von unten ansehen will.

Und exklusiv mit dabei, unser Lieblings-Kommentator: Jens Spahn (war der nicht eigentlich Gesundheitsminister?).

Dass Armut einen Unterhaltungsfaktor bietet, hat das deutsche Fernsehen schon vor langer Zeit erkannt: In den nuller Jahren boomte das Unterschichtsfernsehen. Sendungen wie “Frauentausch” haben heute schon nahezu Kultstatus.

Hartz-IV-Empfänger wie Arno Dübel, der aufgrund seiner arbeitsverweigernden Haltung zur Fernsehgröße aufstieg, prägten nachhaltig das Bild vom deutschen Sozialschmarotzer, der es sich mit unter 400 Euro monatlich viel zu gut gehen lässt.

Der neue Unterschichtsporno ist da

Nun aber nimmt der Armuts-Voyeurismus neue Züge an: Nach Quotenschlagern wie “Hartz und herzlich” oder “Armes Deutschland” definieren jüngste Sendeformate wie “Promis auf Hartz IV” oder “Plötzlich arm, plötzlich reich” den Unterschichtenporno neu – und kreieren dabei eine ganz neue Perspektive auf Deutschlands größte soziale Herausforderungen: Ist doch eigentlich alles ganz amüsant, so vom Fernsehsofa aus gesehen.

Schließlich ist das der beste Ort, um schadenfroh zu beobachten, wie sich ein adliges Pärchen, einen Monat lang auf Hartz-IV-Niveau abgestiegen, um Klopapier streitet: Lieber luxuriös vierlagig, wie es der fürstliche Popo verlangt, oder, immerhin 60 Cent günstiger, dreilagig?

Genau das ist das Konzept vom RTL-II-Quotenhit “Promis auf Hartz IV”.

Offensichtlich ließen sich die Fernsehmacher inspirieren von der Petition der Hartz-IV-Empfängerin Sandra S. gegen Jens Spahn: Nachdem Spahn gesagt hatte, Hartz IV sei keine Armut, forderte S., der Gesundheitsminister solle selbst einen Monat lang vom Regelsatz leben.

Anstatt die Petition, mittlerweile von über 200.000 Menschen unterzeichnet, als symbolische Geste und Aufschrei einer oft überhörten Stimme zu werten, dachte sich RTL II wohl: Eigentlich ’ne geile Idee. Ey Rudi, haste noch die Nummer vom Fürst? Der macht da bestimmt mit!”

Deswegen beobachten nun bis zu 1,33 Millionen Zuschauer pro Folge, wie Fürst und Fürstin von Sayn-Wittgenstein ihr Hartz-IV-Dasein fristen.

Der inszenierte Snobismus des Fürstenpaars zeigt einen vollkommenen Realitätsverlust, der Zuschauer zu Hause kann jubilieren: Jetzt guckt die Bonze aber ganz schön blöd aus der Wäsche, mit nur 700 Euro im Monat!

Hartz IV ist keine vierwöchige Challenge

Was für Familie von Sayn-Wittgenstein allerdings nur einen medial begleiteten Ausflug in die Armut darstellt, ist für 4,2 Millionen Menschen in Deutschland Alltag.

Denn Hartz IV ist keine vierwöchige Challenge, die es gilt, möglichst elegant in die Kamera lächelnd zu überstehen. Das echte Leben von Langzeitarbeitslosen kann nicht innerhalb von vier Wochen nachgespielt werden und bietet wenig Show-Charakter.

Denn wer Hartz IV bezieht, leidet nicht nur unter Geldmangel – die sozialen, psychischen und physischen Konsequenzen sind weit verheerender, als RTL II sie in einer vierteiligen Doku-Soap darstellen könnte. Nur 16 von 1000 Langzeitarbeitslosen finden wieder eine Vollzeitanstellung oder machen sich selbstständig. 

Perspektivlosigkeit und soziale Isolation, weil Arbeitskontakte und oft auch das restliche Umfeld wegfallen, führen zu gesundheitliche Konsequenzen wie Depression und Stoffwechselerkrankungen. So leben Langzeitarbeitslose im Schnitt elf Jahre kürzer als arbeitende Menschen.

Das neue Unterschichtsfernsehen präsentiert uns eine arme Scheinwelt

Aber mit solchen Problemen muss sich “Promis auf Hartz IV” nicht herumschlagen. Und wir deswegen auch nicht – RTL II gelingt es wunderbar, uns eine unterhaltsame Scheinwelt von Armut in Deutschland zu präsentieren.

Es ist natürlich nicht immer alles leicht in dieser Scheinwelt. Ist ein Monat nicht eigentlich auch eine Zumutung? Vielleicht auch ein bisschen teuer zu produzieren? Reicht nicht schon eine Woche, um ein glaubhaftes Bild eines sozialen Milieus zu vermitteln?

Ja, dachten sich die Serienmacher von Sat.1 – deswegen erscheint nun die Sendung “Plötzlich arm, plötzlich reich”. Enthusiastisch kündigt Frühstücksfernseh-Moderatorin Alina Merkau an, wie geil, “einfach geil”, es doch wäre, eine Woche lang als Millionär zu leben – während Matthias Killing bestätigt, wie toll das Sozialexperiment aufgegangen sei:

Eine Krankenschwester und alleinerziehende Mutter von vier Töchtern darf eine Woche lang ins Leben der wohlhabenden Familie Worm schlüpfen.

Endlich darf die kleine Chantal Bongé mal Kaviar auf ihr Toastbrot tun, während Thomas und Mareike Worm unbeholfen mit einem altersschwachen Staubsauger kämpfen und die verwöhnten Kinder im Hintergrund kichern.

Mehr zum Thema:  Mehr Geld hilft keinem Hartz-IV-Empfänger – sie brauchen etwas ganz anderes

Bei Familie Bongé ist die Freude natürlich groß, als sie feststellt, dass ihr nun fast 4000 Euro in der Woche zu Verfügung stehen anstatt der üblichen 225 Euro.

Doch die Freude wird nicht lange währen, eine Woche ist schnell herum – und dann muss Frau Bongé wieder schauen, wie sie mit ihren 1000 Euro monatlich über die Runden kommt. Immerhin können wir eine Folge lang mitfiebern und träumen, was wir wohl eine Woche lang als Millionär alles tun würden.

Und gleichzeitig beweist uns Familie Worm bei ihrem Gratis-Trip zum Spielplatz auch, wie viel Spaß man auch ohne Geld haben kann.

Und so schwer ist das Leben mit Minimal-Budget dann auch nicht – Papa Worm hat am Ende der Woche so gut gewirtschaftet, dass sogar noch ein wenig Geld für einen neuen Billig-Staubsauger für Familie Bongé übrig bleibt.

Ein Happy End also.

Armutsforscher kritisiert: Das Sozialexperiment ist künstlich

Auch Armutsforscher Christoph Butterwegge kritisiert das Format “Plötzlich arm, plötzlich reich”. Das Experiment sei viel zu künstlich – in so einem Tauschszenario erfahren die Protagonisten ihr neues Umfeld lediglich in einer Rolle, nicht als Schicksal.

Zudem könnte Familie Bongé ihr Leben nach dem Tausch als belastender empfinden als zuvor, denn nun hat sie am eigenen Leib erfahren, was ihr entgeht.

Mehr zu Thema: Ich wusste nicht, dass wir arm sind, bis ich aufs Gymnasium kam

Wie empfinden Menschen, die selbst von Armutssituationen betroffen sind, solche Unterhaltungsformate? Ich habe meine Mutter, die seit einigen Jahren von Hartz IV lebt, gefragt, was sie von “Promis auf Hartz IV” oder “Plötzlich arm, plötzlich reich” hält. Sie kann solche Sendungen nicht ansehen:

“Ich finde diese Serien unfassbar dumm und kann nicht nachvollziehen, warum sich irgendjemand so etwas ansieht.”

Ob sie selbst an so einer Sendung teilnehmen würde? “Nur, wenn ich die Garantie hätte, hinterher nicht mehr von Hartz IV leben zu müssen. Ich würde mich schämen, bei so etwas aufzutreten – Armut ist doch nichts, womit man angibt.

Armutsfernsehen meint, missliche Lagen aufzudecken – und verfälscht dabei Tatsachen

Das neue Armutsfernsehen beansprucht einen Wahrheitsgehalt für sich und meint, zu zeigen, wie es Hartz-IV-Empfängern und Geringverdienern in Deutschland wirklich geht.

Sie werden beworben als Sozialexperimente, bei denen es darum geht, das Ungesehene sichtbar zu machen, Reiche soziale Ungleichheit am eigenen Leib erleben zu lassen.

Herauskommt eine Verfälschung der Tatsachen, die dabei hilft, unsere größten sozialen Probleme unter den medialen Teppich von RTL II, Sat. 1 und Co. zu kehren.

Stigmata werden eher verursacht oder bestätigt, anstatt sie aus dem Weg zu räumen.

Mehr zum Thema:  Happy Hartz IV: Warum wir alle vom Arbeitslosengeld II leben sollten

Sich échauffierende Adlige beim Einkauf im Discounter oder Hartz-IV-Empfänger wie Alex von “Armes Deutschland”, die schmollend in die Kamera schauen, während sie sich beschweren, vom Jobcenter nur 600 Euro für eine neue Küche zu bekommen, sind medienwirksamer als die Wirklichkeit.

Solche Figuren, die man im richtigen Leben selten antrifft, sorgen eher für Belustigung oder schüren Hass – und werden leider viel zu oft als echt wahrgenommen.

Die neuen Serien unterhalten nicht nur, sondern verfestigen Stigmata

Warum sollten sich Otto Normalkartoffel oder Lieschen Müller nach einem anstrengenden Tag voller Arbeit also noch mit weiteren Problemen wie Armut und sozialer Ungleichheit in Deutschland befassen, wenn sie genauso Möchtegern-Adlige beim Armuts-Selbstversuch belächeln oder sich über schwarzarbeitende Assi-Sozialschmarotzer aufregen können?

Der politische Diskurs, der bei diesen Themen eigentlich dringend notwendig wäre, wird nicht nur geschwächt, sondern geradezu ins Lächerliche gezogen.

Das Stigma gegenüber Langzeitarbeitslosen und Geringverdienern verschärft sich, und das hat Konsequenzen: Schließlich schauen auch Arbeitgeber solche Sendungen.

Wer möchte denn so jemanden wie Alex von “Armes Deutschland” als Arbeitskollegen haben? Oder als Sachbearbeiter seinen Antrag bearbeiten

Was kommt noch? “Hartz IV Hunger Games”? “Das perfekte Hartzer Dinner”?

Die Frage ist: Was kommt als nächstes? Vielleicht die “Hartz IV Hunger Games”, in denen Langzeitarbeitslose um den Regelsatz kämpfen? Oder “Deutschland sucht den Super-Assi”, wo Dieter Bohlen eine junge alleinerziehende Mutter ohne abgeschlossene Ausbildung anschreit: “Kein Wunder, dass du keinen Job hast – hast ja auch kein Talent!”?

Oder “Das perfekte Hartzer Dinner”: Ein Promi versucht, mit Minimalbudget das perfekte Drei-Gänge-Menü auf die Beine zu stellen, während die Mitstreiter durch die gestellte Unterschichtswohnung streifen und über notdürftig zusammengeschusterte Möbel und Klamotten von Kik lästern?

Die Erniedrigung scheint keine Grenzen zu kennen. Wir bleiben gespannt, was deutsche Fernsehmacher sich noch ausdenken, um von der eigentlichen Debatte abzulenken.

(tb/ cho)