POLITIK
15/03/2018 21:36 CET | Aktualisiert 30/07/2018 22:47 CEST

Hartz-IV-Empfängerin erzählt, wie die Arbeitslosigkeit sie isoliert hat

Weil ich mich schäme, schweige ich.

CasarsaGuru via Getty Images
Immer mehr Menschen distanzierten sich von mir. 

Der Beitrag wurde von Agathas Mutter verfasst. Sie lebt seit Jahren von Hartz IV – und beschreibt in diesem Beitrag, wie sie dadurch vereinsamt ist. 

Beim Thema Hartz IV verhalten sich Menschen manchmal wie bei einer ansteckenden Krankheit: möglichst Abstand halten - das ist zumindest meine Erfahrung als Hartz-IV-Empfängerin.

Mein soziales Umfeld hat sich seit meiner Arbeitslosigkeit von mir distanziert, als hätte es Angst, sich mit Armut anzustecken. Das hat mich zunehmend in die Einsamkeit getrieben.

Ich blieb auf der Strecke 

Ich bin mittlerweile 62 Jahre alt und lebe nun seit fünf Jahren von Hartz IV. Das Unternehmen, für das ich zuletzt gearbeitet habe, ist pleite gegangen. Seitdem habe ich keinen Vollzeit-Job und auch keinen neuen Freundeskreis mehr gefunden.

Meine Kollegen und auch Freunde, mit denen im letzten Unternehmen zusammen gearbeitet habe, waren wesentlich jünger als ich und haben schnell neue Stellen gefunden. Ich blieb leider auf der Strecke, auch das Arbeitsamt konnte mich nicht weiter vermitteln.

Mehr zum Thema: Alltag eines Hartz-IV-Empfängers: Essen, schlafen, sterben

Die meisten hatten für meine Probleme bei der Jobsuche kein Verständnis, meine Freunde distanzierten sich von mir. Warum sollte man auch einer älteren, arbeitslosen Frau zuhören? Es sind doch nur noch wenige Jahre bis zur Rente und dann ist das Thema sowieso erledigt.

Mein Hartz-IV-Alltag hat mich schnell eingenommen, eine Zeitlang waren meine Hauptbeschäftigungen vor allem Computerspielen und Fernsehen – was so lange in Ordnung war, bis ich anfing, mich mit dem Fernseher zu unterhalten. Er war einfach die einzige Gesellschaft, die ich hatte.

“Hallo”, “Danke”, “Auf Wiedersehen” waren an manchen Tagen meine längste Konversation

Ich versuchte, weniger und dafür öfter einkaufen zu gehen. So konnte ich wenigstens an der Supermarktkasse kurz Kontakt mit einem menschlichen Wesen genießen. Die simplen Worte “Hallo”, “5,98 Euro bitte”, “Danke”, “Auf Wiedersehen” waren an manchen Tagen meine längste Konversation.

Mir wurde klar, so konnte das nicht weitergehen. Also nahm ich einen Minijob im Supermarkt an, um wenigstens eine Aufgabe zu haben und unter Menschen zu kommen, und ich legte mir einen Hund zu. Beides half mir dabei, aus der vollkommenen Isolation zu treten – aber die Einsamkeit blieb.

Der Stempel Hartz IV wiegt einfach zu schwer, um neue, tiefergehende Kontakte zu knüpfen. Stell dir mal vor, du lernst jemanden kennen und die Person fragt dich: “Was machst du so?” Die Antwort: “Ich bekomme Hartz IV” ist meist kein guter Eisbrecher.

Mein Alltag ist einsam und eintönig

Mittlerweile sieht mein Alltag ungefähr so aus:

► Um sieben Uhr morgens stehe ich auf und mache mein Bett. Ich will nicht den ganzen Tag im Bett liegen, auch wenn ich nicht viel zu tun habe. Außerdem muss ich mit dem Hund spazieren gehen.

► Vormittags arbeite ich zwei Stunden. Viel Zeit für Plaudereien mit den Kollegen bleibt dabei nicht, aber die paar Worte, die wir uns gegenseitig hinwerfen, tun mir schon gut.

► Nach der Arbeit gehe ich wieder mit dem Hund. Der anschließende Nachmittag ist lang und zäh: Meistens lasse ich den Fernseher laufen, um wenigstens das Gefühl zu haben, nicht alleine zu sein. Oft spiele ich Computer, um mich abzulenken.

► Abends dann der Höhepunkt meines Tages: ein langer Spaziergang mit dem Hund, bei dem ich oft andere Hundebesitzer treffe. Die meisten von ihnen sind, wie ich, alleinstehende ältere Frauen, ein paar von ihnen leben ebenfalls mit Hartz IV.

Mehr zum Thema: Berlin: 13-Jährige berichtet über das harte Leben in einer Hartz-IV-Familie

Auch sie scheinen von der Gesellschaft vergessen zu sein - wohl bei älteren armen Frauen oft der Fall.

Bei diesen Spaziergängen haben wir endlich Zeit für Gespräche - meistens nur über unsere Hunde, für mehr Tiefgang fehlt die zwischenmenschliche Verbindung. Die Einsamkeit, die in unseren Leben herrscht, macht, dass wir uns voneinander abgrenzen, aufgrund unserer Erfahrungen sind wir scheu geworden.

Fakten zur Einsamkeit in Deutschland:

 Studien belegen, dass sich jeder zehnte Deutsche einsam fühlt

► Am schlimmsten trifft es ältere Menschen über 80: Von ihnen ist jeder fünfte einsam

► Oft wird das Problem in Deutschland unterschätzt: Laut Psychologen ist es jedoch ein akutes Leiden.

► Der Psychiater Martin Spitzers geht sogar so weit zu sagen, Einsamkeit sei “die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern”.

Wenig Geld zu haben, isoliert

Ich habe außerdem gelernt, nicht mehr über meine Probleme zu sprechen, vielen scheinen sie unangenehm. Stattdessen versuche ich, mehr zuzuhören.

So geht das tagein, tagaus: Gassi gehen, kurz arbeiten, Computer spielen, fernsehen, Gassi gehen, kurz arbeiten, Computer spielen, fernsehen. Schlimmer sind die Wochenenden, denn dann kann ich nicht arbeiten und meine Bekannten haben oft etwas anderes vor, fahren weg, gehen Kaffee trinken oder abends auf ein Bier, machen Sport oder üben andere Hobbys aus.

Das sind meist Dinge, die ich mir nicht leisten kann. Wenig Geld zu haben, isoliert. Nicht nur, dass ich an weniger Aktivitäten teilnehmen kann - auch fallen viele Gesprächsthemen weg.

Wenn meine Bekannten erzählen, wo sie im Urlaub waren oder dass sie ein neues Handy haben, kann ich nur nicken und nichts erwidern oder höchstens alte Geschichten aus einer Zeit aufleben lassen, in der ich noch an einem normalen Leben teilnehmen konnte.

Ich fühle mich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht

Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich ein Leben mit Hartz IV kaum vorstellen: Die Einsamkeit, die man erlebt, wenn man keine Aufgabe mehr hat im Leben. Die Monotonie. Die Exklusion. Die Scham. Die Sprachlosigkeit. Das Gefühl, nichts wert und uninteressant zu sein.

Ich fühle mich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht - und ich weiß, dass das nicht gut ist, aber dieses Gefühl trägt dazu bei, dass ich mich auch selbst immer mehr zurückziehe.

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An manchen Tagen möchte ich am liebsten die Tür von innen verriegeln, weil ich den sozialen Druck nicht mehr ertrage. Weil ich mich unwohl fühle, dass ich aufgrund meiner Arbeitslosigkeit den Menschen da draußen nichts mehr zu bieten habe.

Dazu kommt noch die  Ächtung von Hartz-IV-Empfängern, die ich immer wieder erfahre - durch die Medien, aber teilweise auch durch meine Bekannten. Weil ich mich schäme, schweige ich oft.

Es ist ein ständiger Kampf gegen die Einsamkeit

Ich versuche, mein Leben im Griff zu behalten. Aber es ist ein ständiger Kampf gegen die Einsamkeit, gegen die Monotonie, gegen die Scham.

Ich will den Mut finden, es vor mir selbst einzugestehen: “Ich bin eine alte, einsame Frau, die von Hartz IV lebt.” Ich will meine Situation akzeptieren. Aber ob mir das wieder einen Zugang zur Gesellschaft verschafft, ist fraglich.

Bis zur Rente sind es glücklicherweise nur noch wenige Jahre - ich weiß, dass es mir dann besser gehen wird: Zwar wird sich meine finanzielle Situation nicht ändern, aber der Druck und die Scham, die auf mir lasten, werden von mir abfallen. Vielleicht werde ich mich dann wieder mehr akzeptiert fühlen und mehr auf Menschen zugehen können.

(fk)