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28/02/2018 13:43 CET | Aktualisiert 28/02/2018 13:46 CET

Mehr Geld hilft keinem Hartz-IV-Empfänger – sie brauchen etwas ganz anderes

Auch wenn sich meine Mutter keinerlei Luxus leisten kann, ist der Geldmangel nicht das Hauptproblem.

Shestock via Getty Images
Mit der Zeit resignieren die Menschen. 

Meine Mutter bekommt seit Jahren Hartz-IV – die Passivität, in die sie damit gedrängt wird, wird langsam unerträglich für sie. Verzweifelt sucht sie nach einem Ausweg aus ihrem Hartz-IV-Leben. Doch das Jobcenter macht ihr die Hoffnungen zunichte.

Auch wenn sich meine Mutter keinerlei Luxus leisten kann, ist der Geldmangel nicht das Hauptproblem. Ich habe öfter versucht, sie finanziell zu unterstützen, und das erwies sich immer als schwierig:

Zunächst einmal musste ich natürlich selbst erst einmal genug verdienen. Dann darf ich ihr nicht einfach so Geld überweisen, sonst könnte sie Schwierigkeiten mit dem Arbeitsamt bekommen. Und dann ist da auch die Tatsache: Meine Mutter nimmt ungern Geld von mir an.

Das ist das letzte bisschen Würde, das ihr in ihrem Hartz-IV-Dasein geblieben ist: Sie will nicht ihre Tochter ausnehmen, um selbst besser über die Runden zu kommen.

Keine Arbeit zu haben, bedeutet nicht nur weniger Geld, sondern vor allem auch Isolation

Das Hartz-IV-Leben raubt meiner Mutter nach und nach den Mut: Seit sich der Verlust ihres letzten Vollzeit-Jobs abzeichnete, wurde sie immer deprimierter. Sie wusste, dass ihr die Langzeitarbeitslosigkeit drohte, da sie mit Ende 50 sehr wahrscheinlich keinen Job mehr finden würde.

Nur etwa 180.000 von fast einer Million Menschen, die mehr als ein Jahr arbeitslos waren, finden eine neue Stelle. Das sind weniger als ein Fünftel. Gleichzeitig gibt es immer mehr Arbeitsplätze in Deutschland  – vor allem in NRW, wo meine Mutter wohnt.

Doch ausgerechnet Langzeitarbeitslose können davon nicht profitieren. Und besonders ältere Hartz-IV-Empfänger werden nicht mehr als Arbeitskräfte ernst genommen. Sie gelten als “zu lange raus aus dem System”, um noch mitspielen zu können.

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Doch keine Arbeit zu haben, bedeutet nicht nur weniger Geld, sondern vor allem auch soziale Isolation. Viele Aktivitäten, die man mit anderen gemeinsam macht, kosten Geld. Auch das gesellige Umfeld des Arbeitsalltags fällt weg.

Am Anfang der Arbeitslosigkeit kann man sich vielleicht noch aufraffen, Freunde treffen, Bewerbungen schreiben - mit der Zeit resignieren die Menschen allerdings. Sie beginnen zu glauben, dass sie es nicht besser verdient hätten.

Sie wolle am liebsten die Tür verschließen und nicht mehr herausgehen

Ich wollte meiner Mutter gerne Kurse an der Volkshochschule finanzieren. Aber sie wollte das Geld nicht annehmen und meinte, sie würde sowieso nichts mehr lernen. Das Arbeitsamt habe ihr schon zur Genüge gezeigt, dass es sowieso keine Stelle für sie gebe - wozu also etwas Neues lernen?

Einmal habe ich meine Mutter überredet, mit ins Theater zu kommen. Sie hat den Abend sehr genossen, blühte geradezu auf und meinte, das müssten wir öfter machen. Doch als sie mich das nächste mal besuchte und ich wieder Theaterkarten besorgte, hatte sie sich schon verändert:

Sie sagte den Abend ab, wollte nicht vor die Tür gehen. Sie hätte sich unter den anderen Theaterbesuchern fremd gefühlt, wie sie sagte – als wäre sie ein Eindringling unter Menschen, die ihrem strukturierten Leben nachgingen. Diese Welt ist für meine Mutter, die vor allem andere Hartz-IV-Empfänger kennt, mittlerweile zu weit entfernt.

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Bei unserem letzten Telefongespräch sagte sie, dass sie am liebsten die Tür von innen verschließen und nicht mehr herausgehen wolle.

Auslöser war ein anstehender Termin beim Arbeitsamt. Vor diesen Terminen kann sie oft nächtelang nicht mehr schlafen, verliert ihren Appetit. Denn das Arbeitsamt zu besuchen, bedeutet, sich erneut der Kontrolle des Staats auszusetzen, sich erneut als hoffnungsloser Fall bloßstellen zu lassen.

Ich spüre, dass sie etwas verändern will – aber auch, dass sie die Hoffnung verloren hat. Sie will arbeiten, Freunde treffen, und scheint doch vergessen zu haben, wie “wollen” überhaupt geht.

Natürlich darf meine Mutter sich selbst nicht aufgeben – aber genauso wenig darf die Gesellschaft das 

Sie ist erschöpft, und ich bin es auch – wegen des Drahtseilakts, meine Mutter weder zu verurteilen, noch, ihre Passivität zu akzeptieren. Erschöpft wegen der Diskussionen ums Geld.

Dabei geht es doch eigentlich nicht einmal ums Geld. Ich kann meiner Mutter ein neues Handy schenken, aber keine neue Aufgabe und keine neue Identität.

Natürlich darf meine Mutter sich selbst nicht aufgeben. Aber genauso wenig darf die Gesellschaft das tun. Und dabei geht es weniger um die finanzielle Unterstützung, die der Staat meiner Mutter ermöglicht. Davon kann sie überleben, aber es gibt ihr keinen Lebenssinn.

Arbeitslose dürfen vom Staat nicht einfach so abgeschrieben werden. Wenn einem von allen Seiten vermittelt wird: “Du bist nichts wert. Du kannst nichts. Du kannst dir nicht einmal ein richtiges Leben leisten” - wie soll man das ohne fremde, konsequente und systematische Hilfe überwinden?

Wenn sie wieder zuhause ist und die Briefe öffnet, dann wird ihr das Hartz-IV-Dasein wieder bewusst

Es sollte mehr Programme für ältere Langzeitarbeitslose geben, die sie unter realen Bedingungen wieder in den Arbeitsmarkt einführen. Mehr Unternehmen, die über das Stigma “Hartz IV” hinweg blicken können.

Die ihnen Aufgaben verschaffen, mit denen sie sich identifizieren können. Die ihr Potenzial und ihre Erfahrung anerkennen.

Denn auch Langzeitarbeitslose wollen arbeiten, sie wissen oft nur nicht, wie sie den Weg in eine Arbeitswelt zurückfinden, die sich zu stark auf junge Arbeitskräfte und lückenlose Lebensläufe fokussiert.

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Meine Mutter findet immerhin Anerkennung in ihrem Aushilfsjob. Sie arbeitet gerne im Supermarkt, bemüht sich, ihre Arbeit ordentlich auszuführen, macht auch öfter Überstunden. Wenn sie dann aber wieder zu Hause ist und die Briefe vom Jobcenter öffnet, wird ihr das Hartz-IV-Dasein wieder bewusst.

Geld löst zwar viele Probleme, macht aber alleine nicht glücklich – soziale Anerkennung hingegen schon. Die brauchen wir alle.

Wenn wir ganze gesellschaftliche Gruppen von oben herab verurteilen, anstatt sie zu motivieren und ihnen eine reale Chance zu geben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie unseren Urteilen irgendwann Glauben schenken und sich aufgeben.