POLITIK
09/11/2018 21:14 CET | Aktualisiert 09/11/2018 23:26 CET

Hartz IV: 8 Tweets zeigen, wie sich Armut in Deutschland anfühlt

“Herzklopfen am Geldautomaten und an der Kasse bei Kartenzahlung. Immer.”

Bjorn Kietzmann via Getty Images
Eine Demonstration in Berlin. 
  • Unter dem Hashtag “Unten” berichten Nutzer auf Twitter von ihren Erfahrungen mit Armut in Deutschland. 
  • Wir haben einige der Tweets über die Ängste und die Schikane im Hartz-IV-System gesammelt.

Die Scham, der Hunger, die Hoffnungslosigkeit. Unter dem Hashtag “Unten” schreiben Nutzer auf Twitter, über ihre Erfahrungen der Entbehrung. Ausgelöst hat die Zeitung “Der Freitag” die Diskussion. 

“Was fehlt: ein #MeToo für das Prekariat”, steht auf dem Titel der aktuellen Ausgabe. Der Hashtag regte, wie zuvor “MeToo” oder “MeTwo”, tausende Nutzer an, ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen. 

Dieses Mal sind es Geschichten über Armut, soziale Ausgrenzung, die empfundene Ungleichheit in einem Land wie Deutschland, wo doch das Versprechen zu gelten scheint: Jeder kann voran kommen. 

Die Geschichten auf Twitter machen schnell deutlich, dass dieses Versprechen eben nicht uneingeschränkt gilt.

Wir haben einige der berührendsten Tweets gesammelt. Es geht um Hartz IV, um die Schikane der Ämter, um Abstiegsängste, Scham. 

1. Die Schikane auf dem Arbeitsamt

Die Bloggerin Andreea Tribel berichtet über ihre Kindheit in einer armen Familie. Sie schreibt:

“Unten ist in Deutschland nie soweit unten wie woanders, aber was das (eigentlich gute) Sozialsystem schafft an Demütigung, ist unvergleichlich. Sanktionen, Schikane, das Ausleben von Sadismus mancher Sachbearbeiter.”

2. “Die Jobcenter-Mitarbeiterin, die mir nicht glaubt…”

Ein Nutzer berichtet vom Leben in einem Hartz-IV-Haushalt – und den Schwierigkeiten im Jobcenter.  

“In der Schulzeit mit ins Jobcenter Neukölln zu müssen, stundenlang in der Schlange stehen. Jobcenter-Mitarbeiterin, die mir nicht glaubt, dass ich Abitur machen will und mich Vermittlungsbögen ausfüllen lässt.”   

► Erhebungen zeigen, wie schwer es in Deutschland ist, im Bildungssystem aufzusteigen. Laut dem Deutschen Studentenwerk (DSW) sind weniger als ein Zehntel der Studierenden aus einer Familie, in der die Eltern maximal über einen Volks- oder Hauptschulabschluss verfügen.

3. Hartz IV und der leere Kühlschrank

Koray Özbagci aus Berlin berichtet, dass er für seine Familie die Bescheide des Jobcenters übersetzt und die Widersprüche geschrieben habe, “damit der Kühlschrank nicht leer bleibt”. 

4. Überraschung über die saubere Wohnung

Eine Nutzerin berichtet: 

“Ich war ebenfalls unten, als eine Klassenkameradin zum Lernen kam und sich wunderte, wie sauber und schön unsere Wohnung war und dass meine Mutter Snacks anbot. Schließlich bezogen wir doch Hartz IV. Bei uns musste es doch aussehen, wie bei RTL gezeigt.” 

5. Herzklopfen an der Kasse

Die Journalistin Mareice Kaiser schreibt: “Herzklopfen am Geldautomaten und an der Kasse bei Kartenzahlung. Immer.”

6.  Sich fehl am Platz zu fühlen

Die Journalistin Yasmina Banaszczuk‏ berichtet von der Scham, die Armut verursachen kann:

“Unten ist auch, sich selbst nach einem Aufstieg noch fehl am Platz zu fühlen, manchmal ein Leben lang, immer auf der Hut, wann sie einen ‘enttarnen’.”

7. “Das Gefühl, der Welt nicht zu genügen”

Die Redakteurin Stephanie Baltes twittert zu “Unten”: “Mutter, alleinerziehend, mit drei Kindern. Und nach wie vor das Gefühl, der Welt nicht zu genügen.”

Die Zahl der Haushalte von Alleinerziehenden ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen.

Fehlende Betreuung oder Schwierigkeiten bei der Jobsuche: Alleinerziehende sind besonders stark von Armut gefährdet. Knapp zwei Drittel der Alleinerziehenden haben nicht die Mittel, um unerwartete Ausgaben von knapp 1.000 Euro zu bestreiten, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. 

8. Wer zählt zum Prekariat?

Die gewerkschaftschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat den Hashtag zum Anlass genommen, auf einige ihrer Statistiken aufmerksam zu machen. Darunter findet sich etwa auch die Frage: Wer zählt eigentlich zum Prekariat? Für wie viele Menschen in Deutschland stehen die Geschichten von “Unten” stellvertretend?

Die ernüchternde Antwort der Hans-Böckler-Stiftung: Ein Achtel der Bevölkerung lebe dauerhaft in prekären Umständen.