ENTERTAINMENT
14/05/2018 09:56 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 15:38 CEST

Vorwürfe gegen ESC-Gewinnerin: Zuschauer finden Nettas Auftritt rassistisch

Viele Menschen störten sich vor allem am Kostüm der Künstlerin aus Israel.

  • Die Sängerin Netta Barzilai aus Israel hat mit ihrem Song “Toy” (“Spielzeug”) beim Eurovision Song Contest für Begeisterung gesorgt.
  • Die Show der Siegerin des Abends war bunt, kitschig, ausgeflippt – und laut einigen Zuschauern auch rassistisch.
  • Im Video oben: Wer glaubt, dass Europa gespalten ist, sollte sich an den ESC-Fans ein Beispiel nehmen.

Im Jahr 2018 ist Musik wieder politisch. 

Beim Echo sorgen die antisemitischen Rapper Farid Bang und Kollegah für einen Eklat, in den USA hält der Künstler Childish Gambino mit seinem Video zum Song “This Is America” einem waffenverliebten Land den Spiegel vor – und beim Eurovision Song Contest gewinnt eine Rassistin. 

Das zumindest ist der Vorwurf einiger Zuschauer des europäischen Gesangswettbewerbs. Sie kritisieren den Auftritt der Künstlerin Netta Barzilai aus Israel als orientalistisch und beleidigend. 

Nettas Auftritt ein rassistischer Abklatsch asiatischer Kulturen? 

An dem Song der Israeli, “Toy” (“Spielzeug”), liegt das nicht. Dessen Text über eine junge Frau, die sich von niemandem etwas sagen lässt, ist harmlos-popmusikalisch genug: 

Ich bin nicht dein Spielzeug
Du dummer Junge
Ich mach dich fertig
Lass dich zuschauen
Wie ich mit meinen Puppen tanze

► Vielmehr ist es die Showeinlage der Sängerin, die für Kritik sorgt. 

Netta hatte sich in einen Kimono gewickelt, ihre Haare und ihr Make-Up waren dem extrem stereotypischen Bild einer asiatischen Frau nachempfunden. Hinter der Sängerin standen Maneki-neko, die berühmten Winkekatzen aus Japan, aufgereiht. 

Auf Twitter sorgte das bei einigen Nutzern für Empörung. Die US-Feministin Riley J. Dennis etwa schrieb: “Israel tut so, als ginge es in seinem Song um Vielfalt, obwohl er tatsächlich super rassistisch ist.” 

Der britische Schauspieler Jassa Ahluwalia zeigte sich entsetzt über Nettas Aufmachung: “Heilige $?#!, Gelbgesicht?!” Als Gelbgesicht (“yellowface”) wird jemand bezeichnet, der sich auf rassistische Weise wie ein Mensch aus Asien schminkt. 

Die Journalistin Eleanor Bate postete ein Bild des Auftritts und schrieb dazu: “Merkt eigentlich noch jemand, wie unangenehm und problematisch das ist oder sind alle schon zu betrunken?” 

Vorwurf der “kulturellen Aneignung” gegen Netta

Viele weitere Nutzer teilten diese Kritik am Auftritt Nettas. Der häufigste Vorwurf gegen die Sängerin lautete: kulturelle Aneignung

► Dieser Begriff wird in den Sozialwissenschaften benutzt, um zu beschreiben, wie Eigenschaften einer bestimmten Kultur für kommerzielle Zwecke stereotyp überzeichnet und entfremdet werden.

Es ist eine Weiterentwicklung der Orientalismus-Theorie – jener Annahme, dass in westlichen Ländern ein extrem klischeebehaftetes und rassistisches Bild des Nahen und Fernen Ostens vorherrscht. 

► Tatsächlich lässt sich Netta streng nach der Theorie vorwerfen, dass ihr Auftritt sich der kulturellen Aneignung schuldig machte.

Die Sängerin überzeichnete während ihrer Show brutal Klischees über Menschen aus Asien – ohne, dass es dafür einen etwa künstlerischen oder satirischen Grund gegeben hätte. 

Die Sängerin wollte gemäß den Zeilen ihres Songs wohl einfach provozieren. Nun muss sie sich dafür eben vorwerfen lassen, dies auf fremdenfeindliche Weise getan zu haben.  

(ll)

Lust auf Musik? Hier gibt es 50 Millionen Lieder in einem Abo: