POLITIK
19/02/2018 22:51 CET | Aktualisiert 20/02/2018 11:33 CET

"Hart aber fair": "Bild"-Chefredakteur bringt zwei Juristen gegen sich auf

Er verteidigte das Vorgehen seiner Zeitung.

Screenshot / ARD
Julian Reichelt war wütend auf die deutsche Justiz.
  • “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt hat eine “Verständniskultur” der deutschen Justiz gegenüber Straftätern beklagt
  • Zwei Juristen widersprachen ihm bei “Hart aber Fair” heftig

“Sperrt ihn endlich für immer weg!”

So titelte die “Bild” über den Fall des vorbestraften Pädophilen Olaf R. Die Boulevardzeitung nannte den vollen Namen des Mannes und zeigte ein nicht unkenntlich gemachtes Bild des Täters.

Der Fall wirft eine Kontroverse auf: Wie sollen Medien und Gesellschaft mit verurteilten Tätern umgehen, wo beginnen und hören Persönlichkeitsrechte auf – und welche Rolle in diesem Dilemma spielt die Justiz?

Bei “Hart aber fair” am Montagabend verteidigte “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt das Vorgehen seiner Zeitung – und geriet mehrfach mit zwei Juristen aneinander, die ebenfalls in der Runde saßen.

Denn: Reichelt stand nicht nur für das skrupellose Verhalten seiner Zeitung ein, sondern attackierte auch die deutschen Gerichte für ihre vermeintlich zu lasche Handhabe.

Reichelt: “Er hat sich selbst stigmatisiert” 

Moderator Frank Plasberg fragte Reichelt, warum sich die “Bild”Redaktion entscheiden habe, die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten Olaf R. zu missachten.

Die “Hart aber fair”-Redaktion entschied sich dazu, das Titelbild der “Bild”-Zeitung zu verpixeln. Dazu hätten die Juristen der ARD der Redaktion geraten, erklärte Plasberg.

► “Man sagt, wir hätten ihn stigmatisiert”, ging Reichelt auf die Kritik ein. Und warf ein: “Wir haben ihn genannt, was er ist: einen Kinderschänder. Er hat sich selbst stigmatisiert.” Er sehe nicht ein, dass der Täter hier schutzbedürftig wäre. 

“Bild”-Chef wettert gegen “Verständniskultur”

Das Gericht verurteilte Olaf R. schließlich zu einem Jahr und acht Monaten Haft. Der Mann hatte gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen und ein Kind sexuell belästigt. Das milde Urteil sorgte für Empörung in den Medien.

Auch “Bild”-Chefredakteur ist noch immer wütend . Die Richterin selbst habe zugegeben, dass Olaf R. wieder zum Täter werden könnte. “Das ist eine Verständniskultur”, wetterte er bei “Hart aber fair”.

Er versuchte die Empörungsschraube nach oben zu drehen: “Der Mann hat Kinder als Geiseln im Bettkasten gehalten!” 

► Hier schaltete sich Moderator Plasberg ein: “Selbst wenn man Ihrer Argumentation folgt: Ist es richtig, dass sie Richter und Ankläger in einer Person sind?”

Reichelt widersprach. Mit dem Argument: Eine Richterin und ein Ankläger seien ja im Gericht anwesend gewesen.

Der Anwalt und ehemalige FDP-Bundesinnenminister Gerhart Baum mauserte sich in der Runde schnell zum entschiedensten Kritiker Reichelts.

Da gehen die Worte durcheinander

Baum gestand der “Bild” zunächst zu, Missstände anzuprangern. “Aber es geht immer nur in eine Richtung”, schimpfte er.

► Die “Bild” spiele die Einzelfälle nur in eine Richtung aus, dass die Menschen glaubten, die deutsche Justiz sei nicht fähig zu handeln.

“Haben Sie schon einmal von einem Kinderschänder gehört, der nur ein Kind missbraucht hat?”, fragte Reichelt zurück.

Sie seien sich doch einig, was die Bewertung von Kindesmissbrauch anging, betonte Baum. Doch Reichelt ließ ihn nicht ausreden, es ging hin und her, jetzt sprachen alle durcheinander.

Die “Verständnisideologie” 

Reichelt sprach noch einmal von einer “Verständnisideologie”. Sowohl Baum als auch der Direktor des Amtsgerichts in Bielefeld, Jens Gnisa, protestierten. Man könne den Richtern in Deutschland doch keine Ideologie unterstellen, so ihre Meinung.

Gnisa sagte zu dem Fall von Olaf R., er könne die Wut der Menschen und in der “Bild”-Redaktion zwar verstehen.

► “Was mich stört, ist der Eindruck, die Justiz gehe milder gegen Kindesmissbrauch vor”, betonte er.

Zahlen würden das Gegenteil beweisen. Sicherheitsverwahrungen seien nun zahlreicher als früher. Auch die “Bild”-Zeitung habe darüber berichtet.

Reichelt wollte das aber nicht gelten lassen. Er bestand auf der “Verständniskultur” in der deutschen Justiz – die Fronten waren am Montagabend bei “Hart aber fair” verhärtet.

So bleibt am Ende die legitime Kritik am skrupellosen und sich selbst überhöhenden Verhalten der “Bild”-Redaktion und die legitime Frage des Boulevard-Chefredakteurs Reichelt: “Wie kann es sein, dass verurteilte Kinderschänder eine zweite, dritte und sogar vierte Chance bekommen?”

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(lp)