POLITIK
12/06/2018 11:23 CEST | Aktualisiert 13/06/2018 07:50 CEST

"Hart aber fair": Als Spahn über Pflege redet, lacht eine Pflegerin

Jens Spahn will 13.000 neue Pflegekräfte einstellen – reicht das?

  • In der ARD-Talkshow “Hart aber fair” ging es gestern Abend um die Probleme im deutschen Pflegesystem.
  • Gesundheitsminister Jens Spahn musste dabei viel Kritik einstecken – insbesondere von einer resoluten Pflegekraft.
  • Oben im Video: Krankenschwester schreibt Brandbrief an Spahn – so antwortet der Minister

Jens Spahn: “Frau Behrendt, Sie lachen.“ Die Antwort: “Ja.”

Silke Behrendt, Altenpflegerin, zeigte sich gestern Abend in der ARD-Talkshow “Hart aber fair” als hartnäckige Widersacherin des Bundesgesundheitsministers.

Das Thema der Runde um Moderator Frank Plasberg: “Notstand bei der Pflege – was ist jetzt zu tun?”

Die Gäste:

► Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

► Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege

► Ruth Schneeberger, Journalistin und Redakteurin der “Süddeutschen Zeitung”: Sie hat ihre kranke Mutter zehn Jahre lang bis zu deren Tod gepflegt

► Gottlob Schober, Journalist bei “Report Mainz”, Schwerpunktthema Altenpflege

► Silke Behrendt, Altenpflegerin 

Große Meinungsunterschiede von Beginn an

Die Analyse zum Anfang der Sendung: Das deutsche Pflegesystem befindet sich in der Krise, überall fehlen Fachkräfte.

Minister Spahn sprach davon, dass die Politik “verstanden habe”. Er wolle daher 13.000 neue Stelle in Altenheimen schaffen und den Pflegeberuf “in allen Bereichen attraktiver machen”.

Behrendt erwiderte, dass sie davon nichts merke: Der Personalengpass sei inzwischen so groß, dass vor Ort alles zusammen bräche, sobald nur ein Kollege oder eine Kollegin ausfalle. Diese Dauerbelastung mache viele Menschen in der Branche kaputt.

Journalist Gottlob Schober sprang ihr zur Seite: Er sei überzeugt, dass das Pflegesystem in Deutschland gegen die Wand fahre – 13.000 neue Stellen seien da nur Symbolpolitik. Und ohnehin: Woher sollten diese neuen Kräfte so schnell kommen? 

Personalnotstand in Pflegeheimen: Können 13.000 neue Kräfte da was ändern?

In der Folge entwickelte sich eine mehrheitlich sachliche, dabei aber doch  bestimmt vorgetragene Debatte.

Silke Behrendt sagte, dass der neue Gesundheitsminister “ihr Held” werden könne – dazu müsse Spahn jedoch “mutig sein”: Über 13.000 neue Pflegestellen könne sie angesichts ihrer eigenen Erfahrungen jedoch “nur schmunzeln”.

Auch Ruth Schneeberger, deren Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte und in der Folge zehn Jahre lang zu Hause von ihr gepflegt wurde, sparte nicht mit Kritik am aktuellen System. Viele Menschen mit speziellen Bedürfnissen könnten in Pflegeheimen “nicht angemessen betreut werden”, da es dort einfach an Personal mangele.

Von “100.000 neuen Stellen”, die angesichts des gegebenen Bedarfs geschaffen werden müssten, sprach Gottlob Schober.

Minister Spahn erwiderte darauf, dass die nun geplanten 13.000 Arbeitsplätze “natürlich nur ein Anfang” sein könnten. Daneben solle der Pflegeberuf durch eine Ausbildungsoffensive sowie bessere, flächendeckend tariflich geregelte Bezahlung attraktiver gestaltet werden.

Kommt die Lösung von den Philippinen?

Eine weitere Lösung, die sich Spahn: Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben.

Dabei unterstützte ihn Arbeitgeberpräsident Greiner. Das Pflegesystem insgesamt benötige einen “Befreiungsschlag” durch die Schaffung neuer Stellen, die Weiterqualifizierung von Hilfskräften und eben der Blick in andere Länder. 

“Auf den Philippinen sitzen die schon auf gepackten Koffern”, sagte er.

Dem Einwand Schobers, dass es hier doch häufig schon an der Sprachbarriere scheitere, widersprach Greiner vehement: “Manche Leute quatschen jeden Vorschlag einfach in die Tonne.”

Die meisten anderen Gäste vertraten da einen anderen Standpunkt.

Die in der Runde ohnehin sehr präsente Behrendt zeigte sich empört darüber, dass Greiner lieber schlecht bezahlte ausländische Kräfte anwerben wolle, als an der Situation der Pflegefachkräfte vor Ort etwas zu verbessern. 

Was wird aus denen, die ihre Angehörigen daheim pflegen?

Für die Journalistin Schneeberger kommt sowohl in der Diskussion als auch in der aktuellen Politik die Entlastung der pflegenden Angehörigen zu kurz. Sie findet: Pflege zu Hause und durch Angehörige kann so viel besser sein als die Pflege in einem Heim. Empathie habe eben nicht jede professionelle Pflegekraft. 

“Aber es ist auch wahnsinnig anstrengend und teuer. Wir haben das Haus meiner Mutter verkauft sowie ihr und mein gesamtes Vermögen aufgebraucht.”

Zwar habe sie durch diese Zeit auch “viel Nähe zu ihrer Mutter gewonnen”, sich aber auch durch einen “Bürokratiedschungel” kämpfen müssen – was ohne ihren Bruder, einen Rechtsanwalt, wohl nicht funktioniert hätte.

Behrendt, die ihre Eltern ebenfalls daheim gepflegt hat, stimmte zu: “Es braucht eine deutliche Aufwertung der Pflege durch Angehörige, damit man dadurch nicht verarmt.”

Ein großes Problem: Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden in Deutschland von ihren Angehörigen gepflegt. 

Renditestreben zulasten der Pflegequalität?

Ein weiterer Streitpunkt des Talk-Abends: Ein ständiges Streben nach Rendite führt bei vielen Heimen zu Rationalisierungsmaßnahmen. “Obwohl es einen Personalschlüssel für Pflegeheime gibt, wird dieser meistens unterwandert”, schilderte Behrendt.

Ganz besonders bei privaten Trägerschaften stünde die Produktivitätssteigerung im Vordergrund (8,3 Prozent Rendite im Vergleich zu 2,8 Prozent bei öffentlichen Trägern). Pflegebedürftige würden so zu einer Kapitalanlage.

Spahn versuchte, dieses System zu verteidigen: Wenn solche Anbieter vom Markt genommen werden würden, sei dies ein “zu starker staatlicher Eingriff.”

Natürlich dürfe solch ein Profitstreben “nicht auf dem Rücken der Pflegebedürftigen ausgetragen werden.” Aber wenn hier trotzdem “vernünftige Pflege” gewährleistet werde, sei nichts einzuwenden.

Da konnte sich Pflegekraft Behrend ein kurzes Lachen nicht verkneifen – ansonsten war sie im Wortlaut aber häufig sehr deutlich.

Thomas Greiner wandte zudem ein, dass sich ein Renditestreben nicht auf den Personalstand vor Ort auswirke, und verwies auf gesetzliche Vorgaben.

Auch dies entlockte Behrendt nur ein müde Reaktion: Hier gebe es “maximal Richtwerte.”

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(mf)